Peugeot 908 HDi: Tracktest

Peugeot 908 HDi Peugeot 908 HDi

Peugeot 908 HDi im Tracktest

— 03.02.2011

König der Löwen

Für Le Mans müssen die Hersteller technisch abrüsten, deswegen kommt der Diesel-Prototyp Peugeot 908 HDi nicht zum Einsatz. AUTO BILD MOTORSPORT-Redakteur Martin Westerhoff hat trotzdem die Chance zur Probefahrt genutzt.

Wie das Pendel einer Glocke schlägt mein Kopf nach vorn. Er bremst, endlich bremst er! Die Rechtskurve am Ende der Gegengeraden ist bedrohlich nah, ihr Scheitelpunkt nur noch etwa 50 Meter entfernt. Zweimal knurrt der gewaltige 5,5-Liter-V12-Turbodiesel in unserem Rücken auf. Ruhig, aber blitzschnell schaltet Anthony Davidson zwei Gänge runter. Um sofort wieder auf dem Gas zu stehen. Noch nach vorn überstreckt reißt die Fliehkraft mein Haupt gleich wieder nach rechts. Überrumpelt, machtlos, leicht schmerzend – meinem Nacken gefällt der Ritt in Peugeots Sportprototypen 908 HDi FAP gar nicht.

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Davidson biegt in die Boxengasse ab. "Alles verstanden?", fragt der Werksfahrer mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Denn jetzt wird es ernst. Nach zwei Runden an der Seite des Profis bin ich dran. 700 PS gilt es in der 930 Kilogramm schweren Flunder zu bändigen. Renningenieur Christian Deltombe nimmt mich noch einmal ins Gebet. "Du darfst die Motordrehzahl auf keinen Fall unter 2000 Touren abfallen lassen", erklärt der Franzose. Der Ladedruck der beiden Doppel-Turbolader, die je eine Zylinderbank zwangsbeatmen, würde sonst zu stark abfallen, der Motor stottern, Schläge im Antriebsstrang verursachen.

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Ich setze mich auf den Seitenkasten, ziehe die Knie an und drehe mich zur schmalen Einstiegsluke rüber, die die hochgeklappte Flügeltür freigibt. Während ich mich mit den Beinen voran ins Cockpit fädle, ziehen die Mechaniker eine Plane auf einem Gestell zur Seite. Wie Dönerfleisch drehen sich je zwei Räder auf einem Spieß, Heizgebläse pusten einen Luftstrom auf sie: vorgewärmte Slicks. Die Prozedur nimmt Fahrt auf. Während zwei Mann die dicken Hosenträgergurte über meinen Schultern festziehen, höre und spüre ich die Schlagschrauber an den Radmuttern rattern. Jemand klappt die Flügeltüren runter, haut mit der Faust drauf. Dann schiebt mich die Truppe rasselnd wie einen Einkaufswagen auf rollenden Wagenhebern aus der Box. Zischend entweicht die Druckluft des Hebesystems. Schroff plumpst der Peugeot auf den Boden.

"Du kannst starten", rauscht Deltombes Stimme über die Mini-Kopfhörer unterm Helm in meine Ohren. Der Anlasser dreht, der Monster-Diesel erwacht dröhnend. Deltombe gibt mir ein letztes Handzeichen: Losfahren. Ich trete die Kupplung, drücke den Geschwindigkeitsbegrenzer für die Boxengasse. Vollgas und los. "Die Drehzahl des Begrenzers ist fast ideal zum Anfahren", hat mir Davidson vorher geraten. "Aber nimm ja den Fuß vom Gas, wenn du ihn wieder ausschaltest." Bis zu den unteren Rippen liege ich im Sitz, nur der Oberkörper ist halbwegs aufrecht. Der Blick fällt über das kleine Lenkrad. Die Sicht? Völlig ungewohnt. Nach vorne raus okay. Nur die senkrechte Ruheposition des Scheibenwischers stört ein wenig. Aber die vielen langgezogenen Kurven, die dann plötzlich eng werden, haben es in sich: Aus der Kanzel um mich herum sehe ich sie spät, habe nach rechts und links kaum Sicht.

Von den vielen Reglern am Lenkrad sind vor allem die für Traktionskontrolle und Motor-Programm wichtig.

"Stufe fünf, Motoren-Programm Stufe fünf!", meldet sich Deltombe. Ich drehe den Schalter, damit Leistung und Drehmoment nach oben. Vollgas. Ich spüre meine Wirbel am Sitz, der Kopf zuckt nach hinten. Zwei orange Lampen leuchten nacheinander auf. Schalten, immer wieder hochschalten, an der rechten Wippe hinterm Lenkrad ziehen. Jedes Mal wie ein Stoß vor den Helm, jedes Mal nicke ich unweigerlich. Die Straße. Was ist mit der Straße? Sie wird unscharf. Nein alles wird unscharf. Alles wird immer schneller, alles um mich herum vibriert. Mein ganzer Körper kribbelt. Das Bremsen treibt alles nach vorn. Die Halsmuskeln krampfen, meine rechte Wade zittert leicht. So viel Kraft brauche ich fürs Pedal. Dann die Schikane. Leichte Lenkradbewegungen reichen. Die Fahrtrichtung lässt sich so präzise bestimmen. Dann jagt das Geschoss knurrend den Radius entlang bis raus auf den Kerb. "Box, komm diese Runde in die Box!" Der letzte Funkspruch des Tages. Ich rolle auf die Mechaniker zu, stelle den Motor ab. Und atme einmal ganz tief durch.
Technische Daten Peugeot 908 HDi
Motor V12, Turbo
Einbaulage hinten längs
Hubraum 5500 cm³
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4
Nockenwellenantrieb Zahnrad
PS bei U/min 700/5500
Literleistung 127,3 PS/Liter
Nm bei U/min 1200/3200
Antriebsart Hinterrad
Getriebe 6-Gang sequenziell
Reifen vorn / hinten 33/68-18 / 37/71-18
Reifentyp Michelin Slicks/Regenreifen
Länge/Breite/Höhe 4610/2000/1030 mm
Radstand 2950 mm
Leergewicht 930 kg (ohne Fahrer)
Leistungsgewicht 1,44 kg/PS
Tankvolumen 81 l
Kraftstoffsorte Diesel
Messwerte
Beschleunigung 0-100 km/h ca. 2,4 Sek.
Beschleunigung 0-200 km/h ca. 5,8 Sek.
Bremsweg aus 100-0 km/h k. A.
Höchstgeschwindigkeit bis zu 340 km/h
Preis k. A.
Autor:

Martin Westerhoff

Fazit

Beschleunigung, Verzögerung, Fliehkräfte – die Testfahrt im Peugeot 908 ist das Extremste, was ich je in einem Cockpit erlebt habe. Nur ein Formel-1-Auto kann das wohl noch toppen. Schade, dass die Ära der Diesel-Monster nun erst einmal beendet ist

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