Plaketten-Handel

Die verkaufte Sicherheit Die verkaufte Sicherheit

Plaketten-Handel

— 28.01.2004

Die verkaufte Sicherheit

Betrug mit Brief und Siegel: Manipulierte Hauptuntersuchungen sind gang und gäbe. Was ist die TÜV-Plakette noch wert?

Korrupte Kollegen, falsche Gutachten

Mitte Dezember klingelt das Telefon in der AUTO BILD-Redaktion. Am Apparat ist Herbert K., ehemaliger Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ). Der Prüfingenieur will auspacken. Es geht um krumme Touren in seiner Branche, um korrupte Kollegen, gefälschte Gutachten.

Seine unheilvolle These: Bei der Hauptuntersuchung ("TÜV-Prüfung") wird manipuliert, Plaketten sind käuflich. Nicht immer, aber immer öfter. Vor allem in den Ballungsräumen. Und besonders dann, wenn der Prüfer in die Werkstatt kommt. Weil Herbert K. offen Kritik übte, bekam er bereits Drohanrufe. Wir treffen uns mit ihm an einer Autobahnraststätte.

Dort berichtet der Ingenieur Unglaubliches: "Viele meiner Kollegen nehmen Schmiergeld. Das fängt ganz harmlos an. Erst fünf Euro, dann zehn. Dafür müssen kleine Gefallen geleistet werden." Gemeint ist das großzügige Weggucken bei technischen Mängeln. "anche Prüfer haben bis zu 1000 Euro pro Tag nebenher. Als Gegenleistung werden Rostgurken über den TÜV gelogen, bekommen die Plakette."

Schmiergeld und Plakettenschwindel

Einige Prüfungen fänden gar in Werkstätten statt, die weder über Bremsenprüfstand noch Hebebühne verfügen. Besonders dreist sollen es die Prüfer der GTÜ getrieben haben. In Einzelfällen seien bis zu 200 Plaketten pro Mann und Tag mit der Stuttgarter Zentrale abgerechnet worden. Eine tolle Tagesleistung, wenn man bedenkt, dass eine Hauptuntersuchung HU) mindestens 20 Minuten dauert ...

Mehrfach habe K. die GTÜ-Zentrale auf diese Vorgänge hingewiesen. Eine Reaktion kam nie. Warum auch? Die Umsätze stimmten ja! Seit 1994 konnte die drittgrößte deutsche Prüforganisation ihren Anteil an der HU vervierfachen. GTÜ-Geschäftsführer Rainer de Biasi sieht indes kein flächendeckendes Problem: "In den letzten acht Jahren hatten wir nur einen Fall von Korruption. Der Mitarbeiter wurde sofort entlassen. Diese Konsequenzen würden wir wieder ziehen."

Nicht viel besser sieht es bei den GTÜ-Mitbewerbern TÜV und DEKRA aus. Erst im Dezember 2003 wurde der letzte von 40 Beschuldigten im Frankfurter TÜV-Korruptionsskandal verurteilt. Gegen Schmiergeld hatte der TÜV Hessen Autos mit zum Teil erheblichen Mängeln durch die HU geschleust – in mehr als 3500 Fällen! "So genannte Zulassungsdienste haben die Prüfer generalstabsmäßig bestochen", sagt Staatsanwalt Andreas Winkelmann. "Das hatte mafiose Züge."

Normalerweise kommen die Ermittler an die Täter kaum ran, denn alle Beteiligten halten dicht. Nur durch einen Routinetest der Bezirksregierung Darmstadt, die den TÜV kontrollierte, flog der Plakettenschwindel auf. Bei der DEKRA in Berlin- Hohenschönhausen wurden drei Fahrprüfer erwischt, als sie Führerscheine an ausländische Prüflinge ausgaben, die weder Deutsch konnten noch die deutschen Verkehrsregeln verstanden.

Von Fantasie bis Gefälligkeit

Ein anderer Prüfingenieur nahm laufend Trinkgelder von ortsansässigen Hinterhofhändlern an. Alle drei flogen raus. Nun führt DEKRA-Niederlassungsleiter Lothar Titel ein eisernes Regiment: "Es kommt immer wieder vor, dass unseren Prüfern Geld geboten wird. Doch wir versuchen unsere Leute zu sensibilisieren. Jeder weiß, dass er beim kleinsten Vergehen sofort seinen Job los ist." Um Bestechungsversuchen zu entgehen, hat Titel ein Sparschwein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) aufstellen lassen: "Selbst Cent- Beträge müssen jetzt da rein." Bei der HU gibt es verschiedene Arten der Manipulation:

• Plakettenhandel: Autos werden gar nicht geprüft. Über dubiose Wege (Einbrüche in Zulassungsstellen, Schmiergelder) kommen Autohändler und Werkstätten an HU-Plaketten.

• Fantasieberichte: Prüfer füllen die Formulare nach den Vorgaben der Werkstatt aus. Liegen noch Stoßdämpfer im Lager, fällt das Auto mit erheblichen Mängeln wegen defekter Stoßdämpfer durch. Gleichzeitig füllt der Prüfer schon den (erfolgreichen) Nachprüfungsbericht aus. Den zieht der Werkstattmeister aber erst aus der Schublade, wenn der Kunde bei ihm repariert hat.

• Gefälligkeitsgutachten: Der Prüfer will die Werkstatt als Kunden behalten. Bei Mängeln verspricht der Meister, diese später zu beheben. Dafür bekommt er die Plakette sofort. Ob die Reparatur dann wirklich stattgefunden hat, weiß keiner.

Sicherheit bleibt auf der Strecke

Um zu testen, was an den Vorwürfen von Herbert K. dran ist, macht AUTO BILD den Selbstversuch: Zusammen mit dem "ARD-Ratgeber Auto&Verkehr" filmen wir mit versteckter Kamera auf einem düsteren Automarkt in Frankfurt/Main. Dort warten in einem Baucontainer acht türkische Autoverkäufer auf Kunden. Die Scheiben der 150 Gebrauchtwagen sind beschlagen, auf dem Platz lungern Bewacher herum, die uns argwöhnisch beobachten.

Unser Interesse gilt einem maroden VW Golf II mit Riss in der Frontscheibe. 1000 Euro will der Verkäufer haben. "Kannste gleich mitnehmen", sagt er. "Oder du kommst nachher wieder. Für 1150 Euro gibt’s zwei Jahre TÜV, zwei Jahre Abgas." Wir gehen darauf ein. Nur zwei Stunden später sind wir wieder auf dem Hof. Und tatsächlich: Der Verkäufer präsentiert uns eine frische Hauptuntersuchung sowie eine makellose Abgasprüfung, ausgefüllt von der GTÜ-Filiale in der Frankfurter Frankenallee.

Also keine Mängel? Für einen Gegencheck bringen wir unsere Neuerwerbung zum TÜV nach Mainz. Ergebnis: Bei der HU finden die Prüfer elf zum Teil erhebliche Mängel. Plakette verweigert! Der GTÜ-Prüfbogen entpuppt sich als Fantasie-Papier. Der Prüfer gab seinen Segen trotz lebensgefährlicher Bremse vorn, bei der bereits Metall auf Metall schleift. Trotz Riss in der Frontscheibe. Trotz durchgefaultem Auspuff, mit dem eine AU unmöglich ist.

Noch ist nicht klar, ob der GTÜ-Mann bestechlich oder nur gefällig war. Oder ob die türkische Autogang sämtliche Prüfberichte gefälscht hat. Frankfurts Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner ermittelt ... Klar ist nur eins: Die Sicherheit bleibt auf der Strecke.

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