Porsche 911 Carrera 2

Porsche 911 Carrera 2

— 30.08.2009

Ein Milder unter Wilden

Porsches 911 der frühen 90er ist weniger rau als alle Vorgänger. Seine Nähe zum Alltag galt früher als uncool – und ist heute ein Kaufargument. Echter Geheimtipp: der 964 Targa als letzter Elfer mit herausnehmbarem Dachteil.

Spätsommer 1988, Porsche stellt den rundum renovierten 911 Carrera vor, die erste konstruktive Neuinterpretation des Themas seit dem Debüt 1963. So­fort nimmt das Verhängnis sei­nen Lauf: Kaum steht ein neuer Elfer im Laden, sehen dessen gusseiserne Anhänger das Ende des Abendlandes heraufziehen. Zu beklagen gibt es für Traditio­nalisten einiges: Der 911 trägt jetzt Stoßfänger in blähender Plastik-Optik. Hinzu kommen Beliebig­keiten wie ein Schraubenfeder-Fahrwerk, Servolenkung und ABS serienmäßig. Alles längst verziehen, auch die Probleme der ersten Jahre, als Kinderkrankheiten die Ankunft des intern Typ 964 genannten El­fers begleiteten. Lange haben ihn die Auskenner und Schlaumeier der 911-Szene gering geachtet und den Vorgänger Carrera 3.2 zum vermeintlich letzten echten 911 stilisiert.

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Alles Gute: luftgekühlter 3,6-Liter-Boxer mit 250 PS im 911 Turbo.

Jetzt ist der 964 durch. Seit einem Jahr ziehen die Preise von Carrera 2 und 4 an. Verdient hat er die späte Zunei­gung. Der 964 hat sich als robust und langlebig er­wiesen, und seine schmale Silhou­ette steht trotz der Sicherheits-Stoßstangen ganz klar in der Erb­folge der klassischen Elfer-Linie. Für vieles, was heutige 911 wie selbstverständlich mitbringen, hat er sich schelten lassen müssen. So für die kühne Idee, dass ein Por­sche 911 durchaus komfortabel sein darf. Die selbst entwickelte Automatik, offiziell "Tiptronic" und verächtlich gern auch "Tip­se" genannt. Den soliden und ef­fektiven Allradantrieb, der 1984 er­probt worden war. Als 911 Car­rera 4 debütierte der Allradler, die klassische Variante mit Heck­antrieb hieß nun Carrera 2 und folgte ein Jahr später. Während der C4 eher den tech­nikverliebten Fahrer anspricht, kann der C2 auch 20 Jahre nach seinem Debüt als idealer Ein­stiegs-Elfer empfohlen werden.

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Die selbst entwickelte Automatik, offiziell "Tiptronic" wurde verächtlich auch "Tipse" genannt.

Für rund 20.000 Euro gibt es einen soliden Sportwagen mit viel Dampf, makelloser Abstammung sowie rostresistenter Karosserie. Die stilprägende Werbung der Hamburger Agentur Jung von Matt gilt noch heute: "Sie können länger frühstücken. Sie sind frü­her zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?" Einige ganz humorfreie Sitten­wächter sahen darin eine Auffor­derung zum Rasen, aber dafür eigneten sich die seltenen Bruta­los der 964-Baureihe besser. Als nackter 911 RS und breiter, ge­flügelter 911 Turbo traten die Brenneisen an, sind beide längst dem Alltag entwachsen und zu Sammlerobjekten aufgestiegen. Doch das Schöne an den 964ern ist ja ihr Artenreich­tum, der jeden glücklich macht. Wer keinen 911 Turbo bezahlen kann, greift zum Sauger im Werksturbolook. Ein Cabrio ist zu offen? Targa kaufen. Ein Ca­brio ist nicht offen genug? Speedster fahren. Zwar sind die Preisunterschiede teilweise er­heblich, aber die nutzbare Nähe zum Alltag haben alle 964 ge­meinsam. Wir wissen ja: Der vo­rige Elfer ist immer der Beste.
Technische Daten Porsche 911 Carrera 2
Motor Sechszylinder-Boxer, luftgekühlt
Hubraum 3600 cm³
Leistung 250 PS bei 6100/min
max. Drehmoment 310 Nm bei 4800/min
Getriebe Fünfgangschalt, ab 1990 Viergang-Tiptronic erhältlich
Antrieb Hinterrad
Länge/breite/Höhe 4250/1650/1320 mm
Leergewicht 1400 kg
Reifen 205/55 ZR 16 vo., 225/50 ZR 16 hi.
Aufhängung Einzelrad an Querlenkern und Dämpferbeinen vo., an Schräglenkern hi.; Schraubenfedern u. Stabilisator vo. u. hi.
Spitze 260 km/h
0–100 km/h in 6 s
Verbrauch 11,5 l S/ 100 km
Neupreis 1989 103.500 Mark

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Plus/Minus Trotz formaler und technischer Neuerungen, trotz Elektronik und Tiptronic: Der 964 ist ganz klar ein klassischer Elfer, auch wenn sich die gusseisernen 911-Piloten am gebotenen Komfort stö­ren. Darüber hinaus ist er, von einigen längst behobenen Kinderkrankheiten einmal abgesehen, überaus solide, schnell und alltagstauglich – einige exotische Spielarten wie der extreme Speedster ausgenommen. Dummerwei­se hat sich das inzwischen herumge­sprochen. In der Käufergunst hat der 911 Carrera 2/4 im Vergleich zum Vor­gänger 911 Carrera 3.2 und dem allseits beliebten Nachfolger 993 deutlich auf­holen können. Wertverlust ist nicht mehr zu befürchten.

Weiterer Alltagssportler: Toyota Supra 3.0i Turbo

Ersatzteile Nur weil Porsche oder freie Anbieter alle Ersatzteile liefern, heißt das nicht, dass sie deswegen billig sind. Ein Elfer war und bleibt teuer. Weil beim 964 die Elektronik Einzug gehalten hat und er viele Neuerungen mit sich herumträgt, sind ein paar potenzielle Störquellen hinzugekommen. Auch hier gilt die alte Faustregel: Wer beim Kauf spart, wird sein Geld wenig später in der Werk­statt los. Billig im Unterhalt wird ein Elfer nie.

Weitere Alltagssportler: Chevrolet Corvette C4

Marktlage Der Markt zeigt sich gut bestückt, am größten ist das Angebot beim Coupé mit Heckantrieb. Gut für Käufer, dass private Anbieter mit Porsche-Betrieben und frei­en Händlern konkurrieren. Wer warten kann und über finanziellen Spielraum verfügt, wird sogar seine Wunsch-Kom­bination in Außenfarbe und Ausstattung finden. Sehr gute Carrera 2 Coupés pen­deln um 30.000 Euro, Targa und Cabrio notieren rund 5000 Euro höher. Allrad­antrieb kostet extra – Olditax nennt 35.000 Euro für ein Coupé in Zustand 2.

Weitere Alltagssportler: 0pel GT 1900, Subaru SVX, Audi Coupé und MG B GT

Empfehlung Der 911 der Generation C2/C4 ist ein Sportwagen, der auch den Alltag meistert und aller Erfahrung nach zum Sammlerstück reifen wird. Zum Kauf empfeh­len sich möglichst originale Fahrzeuge, bei entsprechender Pflege verliert die Laufleistung dabei an Bedeutung. Beson­ders interessant, aber sehr teuer, sind die extremen RS- und Turbo-Versionen. Echter Geheimtipp: der 964 Targa als letzter Elfer mit herausnehmbarem Dachteil.

Autor: Jan-Henrik Muche

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