Porsche 911 GT3 RS auf Zeitenjagd

Porsche 911 GT3 RS auf Zeitenjagd

Porsche 911 GT3 RS: Test

Porsche fliegt zur Bestzeit

Was für ein Flügel – das Luftleitwerk des neuen GT3 RS sticht hervor. Und stellt die versammelte Sportwagen-Konkurrenz in den Schatten.
Jetzt bloß keinen Fehler machen. Hier zählt jedes Zehntel – erst beim Reifendruck, dann bei der Rundenzeit. Kollege Henning Klipp lässt Luft aus den gewaltigen Walzen, ist nun bei 2,2 Bar angelangt. Noch 0,2 weniger, dann sollte es klappen. Es herrscht angespannte Stille. Nur der Porsche 911 GT3 RS grummelt angriffslustig im Hintergrund. Die Schonzeit ist vorbei. Wir wollen einen Mercedes-AMG GT R zur Strecke bringen. Das bislang schnellste Auto hier auf dem Contidrom bei Hannover schaffte die 3,8 Kilometer lange Handlingstrecke in 1:26,46 Minuten!

Der vier Liter große Boxer dreht wie eine Turbine

Video: Porsche 911 GT3 RS (2018)

GT3 RS knackt Rekord

Schweigend starren wir zuerst auf die Luftdruckanzeige, dann auf den Schrankenmonitor der Zufahrt, schließlich auf das grau und kurvig vor uns ausgerollte Asphaltband. Gang rein, Drehzahl rauf, Auspuffklappen hoch – statt Grummeln entweicht den bläulich geglühten Endrohren der Titan-Abgasanlage plötzlich ein atemberaubender Sound. Der Über-Elfer soll und will den Rundenrekord holen. Und nebenbei belegen, warum er als der rassigste Sportwagen derzeit gilt. Sicher, es gibt stärkere Boliden als den inzwischen 520 PS aufbietenden GT3 RS. Sein großer Bruder GT2 RS zum Beispiel prahlt mit 700 PS. Es gibt auch mächtigere Maschinen als den Vierliter-Sechszylinder des Elfers. Audi zum Beispiel baut 5,2 Liter üppige V10-Aggregate in den R8. Wie der GT3 RS da gegenhalten will? Mit Drehzahl zum Beispiel. Bis 9000 Touren "schafft" der Boxer. Dann katapultiert das PDK-Getriebe automatisch den nächsten Gang rein. Neuer Anlauf, nur wenige Sekunden später, und wieder liegen die irren 9000 Touren an – allerdings sind wir längst im hohen dreistelligen Tempobereich angekommen.

Wie auf Schienen geht der GT3 RS durch die Kurven

Wahnsinn: Der immerhin 1,5 Tonnen schwere 911 GT3 RS entwickelt unfassbare Kurventempi.

Was im roten Renner unter Pirschen läuft. Noch eine viertel Runde lang links und rechts schnüffeln, dann sind die Reifen warm. Attacke! Die Flunder donnert auf die einzige Kehre der Strecke zu. Inzwischen steht im Tacho eine Zwei vorn. Nur noch 40 Meter bis zum Einlenkpunkt. Porsche in Panik? Eher Spieltrieb geweckt. Der RS fühlt sich auch noch wohl, wenn es hart auf hart kommt. Ankern aus diesem Tempo wird zum Witz, wenn man derart klebrige Tatzen und so stramme Gelenke hat. Das Auto biegt auch bei voll getretenem Bremspedal millimetergenau ein, fühlt sich dann in der Kurve an, als hätte eine höhere Macht aus der Porsche-Rennabteilung seine wohlwollende Hand auf die Karosserie gelegt und dabei das Auto in den Teer gepresst. Ist aber pure Physik. Abtrieb über aerodynamische Kunstgriffe zwingen den 911 so trittfest an den Straßenbelag. Entsprechend reagieren die 1495 Kilogramm Zuffenhausener Zuchtergebnis mit abartiger Seitenführung und biestiger Traktion am Kurvenausgang.

Dem erstklassigen ESP solte man nicht dazwischenfunken

Vorsicht: Auf Lastwechsel im Kurvengrenzbereich reagiert der Porsche mit giftigem Eindrehimpuls.

Erstaunlich: Hat doch der Wagen eine theoretisch unrühmliche Gewichtsverteilung. Eine Menge Last – genauer: 61 Prozent – drückt hintendrauf. Damit die entsprechenden 910 Kilogramm nicht zum Pendel werden, hat Porsche ganz tief in der Trickkiste gewühlt. Hinterachslenkung, enorm steife und quasi spielfreie Anbindung der Querlenker an die Karosserie sowie adaptive Dämpfer und Motorlager helfen, das Eigenleben des Popos in engsten Grenzen zu halten. Dazu regelt das ESP erstklassig mit, die feinste Lenkung, die wir kennen, gleicht aus. Nur lästiges Dazwischenfummeln durch den Fahrer mag der RS so gar nicht. Lastwechsel im Kurven-Grenzbereich? Lieber nicht, dann möchte der Elfer sich beleidigt eindrehen. Was ein vorzeitiges Jagdende bedeuten könnte. Wir bleiben sauber, lenken weich, sezieren die Kurve konzentriert und fein, dann läuft's. So wird jeder andere Sportwagen zur Beute. Der bislang allerbeste AMG GT R ebenfalls. Ihm hat der GT3 RS im Ziel mit 1:26,00 min fast fünf Zehntel abgenommen. Unter Rennfahrern eine Ewigkeit.

Fahrzeugdaten Porsche
Modell 911 GT3 RS
Motor Sechszylinder, Boxer
Einbaulage hinten längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4
Hubraum 3996 cm³
kW (PS) bei 1/min 383 (520)/8250
Nm bei 1/min 470/6000
Vmax 312 km/h
Getriebe Siebengang-Doppelkupplung
Antrieb Hinterradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 265/35 R 20 Y - 325/30 R 21 Y
Reifentyp Michelin Pilot Sport Cup 2
Radgröße 9,5 x 20"/12,5 x 21"
Abgas CO2 291 g/km
Verbrauch* 19,2/9,0/12,8 l
Länge/Breite/Höhe 4557/1880-1978/1297 mm
Grundpreis 195.137 Euro
* innerorts/außerorts/gesamt auf 100 km

Messwerte Porsche
Beschleunigung
0–50 km/h 1,4 s
0–100 km/h 3,2 s
0–130 km/h 4,8 s
0–160 km/h 6,9 s
0–200 km/h 10,8 s
0–250 km/h 18,8 s
Zwischenspurt
60–100 km/h 1,6 s
80–120 km/h 1,9 s
Leergewicht/Zuladung 1495/298 kg
Gewichtsverteilung vorn/hinten 39/61 %
Wendekreis links/rechts 11,1/11,1 m
Bremsweg
aus 100 km/h kalt 34,5 m
aus 100 km/h warm 32,9 m
Innengeräusch
bei 50 km/h 69 dB(A)
bei 100 km/h 76 dB(A)
bei 130 km/h 81 dB(A)
Testverbrauch – CO2 14,0 l SP – 332 g/km
Reichweite 450 km
Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Klar, wo RS draufsteht, ist R(enn) S(port) drin. Gegner hängt er ab, Fahrer fordert und fasziniert er. Nie kamen wir so gern ins Schwitzen, der brutal-ehrliche Klang von 9000 Touren brennt sich als unvergessliche Tonspur aufs Trommelfell. Und: Die absolute Bestzeit steht – was soll da noch kommen?

Autoren: Jan Horn, Henning Klipp

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