Porsche Boxster/911 Turbo (1980): Vergleich

— 26.11.2012

Alles neu – und doch ganz der Alte

Was genau macht eigentlich einen echten Porsche aus? Wir suchen die Antwort zwischen dem neuen Boxster und einem 911 Turbo von 1980.



Was Ferry Porsche wohl dazu gesagt hätte? Zur Beinahe-Pleite der Firma, die er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hat? Zum daraus folgenden Verlust der Selbstständigkeit samt anschließender Integration in den VW-Konzern? Und erst zur Modellpalette? Sportwagen sind bei Porsche nur noch schmückendes Beiwerk, das Geld verdienen sie in Zuffenhausen längst mit dicken SUV und Quali-Limousinen. Klassische Porsche nur noch Nebensache? Na ja. Trotz aller wirtschaftlichen Bedeutung würden sich Cayenne und Panamera nicht derart gut (und teuer) an den Mann bringen lassen, gäbe es Boxster und 911 nicht. Denn sie sind der Kern der Marke, die Quintessenz dessen, was Porsche ausmacht. Beten uns jedenfalls die Marketingstrategen aus Stuttgart bei jeder Gelegenheit vor.

Überblick: Alle News und Tests zum Porsche 911 Turbo

Null auf 100 in 5,4 Sekunden, 260 km/h Vmax – Anfang der 1980er war das eine sehr deutliche Ansage.

Was aber macht Boxster und 911 so besonders? Was unterscheidet sie von jedem anderen Luxusprodukt? Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, reicht die Gegenwart nicht aus. Eine Reise in die Vergangenheit ist nötig – in eine Zeit, in der Porsche noch ein Familienunternehmen und von schwäbischen Tüftlern beherrscht war. Aus dieser Ära wählen wir einen 911 Turbo zum Vergleich mit dem neuen Boxster. Nicht, weil beide heute ungefähr den gleichen Wert haben. Sondern weil der aufgeladene Elfer ein Porsche in Reinkultur ist. Getrieben vom Ingenieurgeist haben die Schwaben 1974 das falsche Auto zur falschen Zeit vorgestellt. Meinten zumindest Journalisten, Zweifler, Zauderer. Nachvollziehbar. Die Zeiten sind damals hart, das Öl knapp. Und Porsche bringt ein Auto, das in 5,4 Sekunden von null auf 100 beschleunigt, rund 260 Kilometer in der Stunde schafft und so viel Benzin verbraucht, als ob Ölkrise und der autofreie Sonntag nur Zeitungsenten sind. Alles vergessen, sobald du am Steuer des Turbo sitzt und die Drehzahlnadel die 4000er-Marke passiert. Kaum hat sich der KKK-Lader gesammelt und baut Druck auf, explodiert die Welt.

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Die Farbe ist Geschmacksache, aber die Kunststoffe im Innenraum würden wir heute jedem Dacia verübeln.

Der Elfer schnipst dich einfach bis zum Horizont, die Mühelosigkeit beeindruckt bis heute. Und wehe, der Turbo schlägt in der Kurve zu. Auch Könner verlieren dann die Kontrolle über den Supersportler – selbst wenn die Piste trocken und das Talent groß ist. Weil das damalige Fünfganggetriebe dem hohen Drehmoment des Turbo nicht standgehalten hätte, müssen frühe Exemplare mit vier Übersetzungen auskommen. Und das sorgt für ein einzigartiges Fahrvergnügen: Anfahren, Luftholen, Turbohammer. Gangwechsel. Der Anschluss passt nicht, die Drehzahl fällt in den Keller. Also von vorn: Luftholen, Turbohammer... Trotzdem ist der 911 Turbo zur Legende geworden – auch weil ihm drei Liter Hubraum und sechs Zylinder in Boxeranordnung reichten, um die alten Regeln der Sportwagenwelt ("Viel Hubraum ist gleich viel Leistung!") auf den Kopf zu stellen. Das verrät aber nur die halbe Wahrheit über den 911, denn der Traumsportler hat Macken und Zicken ohne Ende. Porsche war halt schon immer ein wenig pragmatisch, um es freundlich zu formulieren.

Die Kunststoffe im eng geschnittenen Innenraum würden wir heute jedem Dacia verübeln, das Leder verliert schon nach wenigen Zehntausend Kilometern die Farbe, einige der wackeligen Schalter stammen noch aus dem VW Käfer, und die automatisch geregelte Heizung macht im Winter alles – außer heizen. Was für ein Unterschied im neuen Boxster. Weiche Kunststoffe, edles Leder an Sitzen und Armaturenträger, präzise rastende Schalter und satt schließende Türen zeugen von der neuen Zeit – und einem gestiegenen Anspruch der Kunden. Und auch die Sitzposition passt. Gewohnt tief sinkt der Fahrer auf einen vergleichsweise dünnen, aber angenehm straff gepolsterten Sitz. Die froschige Sitzposition des alten 911 ist kein Thema mehr, auch große Menschen haben vernünftig Platz.

Überblick: Alle News und Tests zum Porsche Boxster

Richtig scharf wird der Boxster S nur auf Knopdruck – ansonsten ist er wirklich alltagstauglich.

Selbst ältere Fahrer können den Sportwagen mittlerweile ohne Ziehen im Rücken entern, sitzen auf beheiz- und belüftbaren Sportsitzen, freuen sich über das elektrisch zu betätigende Verdeck und das adaptive Fahrwerk. Klare Botschaft: Für den Boxster ist keiner zu alt. Ist der Roadster also ein Weichei? Nee, nicht wirklich. Der sanfte Luxus zeigt eben nur eine Seite des Einstiegs-Porsche. Auf Knopfdruck strafft er sich, trompetet, sägt und bellt sich so zornig durch das Drehzahlband, wie es eben nur ein Porsche kann. Mit dem Doppelkupplungsgetriebe (2826 Euro Aufpreis) schnellt der Boxster in 4,8 Sekunden auf Tempo 100 – und deklassiert seinen Vorfahren damit mal eben um sechs Zehntel. Auch das Fahrverhalten ist mittlerweile frei von jeder Tücke: Leicht übersteuernd nimmt der Boxster selbst schnelle Kurven, bleibt aber bis in den hohen Grenzbereich neutral und wird von einem perfekt abgestimmten ESP eingefangen, falls die Straße doch mal auszugehen droht. Diese Risikoversicherung gibt es im Turbo nicht. Im Gegenteil. Er verheimlicht zu keiner Zeit, dass er nur so weit domestiziert wurde, um auf den öffentlichen Straßenverkehr losgelassen werden zu können.

Ganz anders das neue Modell: Von Haus aus zahm, wird es nur auf Knopfdruck wild – was irgendwie synthetisch wirkt. Doch wir mäkeln auf höchstem Niveau. Schließlich hat Porsche beim Boxster den schwierigen Spagat zwischen Alltag und Sport nicht nur geschafft, sondern perfektioniert. Und das würde sicher auch Ferry Porsche gefallen.

Technische Daten Porsche 911 Turbo 3.3 Sechszylinder-Boxer, Turbo, hinten längs • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 3299 cm³ • Leistung 221 kW (300 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 412 Nm bei 4000/min • Hinterradantrieb • Vierganggetriebe • L/B/H 4290/1775/1310 mm • Radstand 2270 • Kofferraumvolumen 200 l • Tankinhalt 80 l • Spitze 260 km/h • 0–100 km/h 5,4 s • Verbrauch Dittel-Mix 15,2 l Super plus • CO2 360 g/km • Wert circa 50.000 Euro.

Technische Daten Porsche Boxster S
Sechszylinder-Boxer, Mitte längs • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 3436 cm³ • Leistung 232 kW (315 PS) bei 6700/min • max. Drehmoment 360 Nm bei 4500/min • Hinterradantrieb • Siebengang-Direktschaltgetriebe • L/B/H 4374/1801/1281 mm • Radstand 2475 • Kofferraum vorn 150, hinten 130 l • Tankinhalt 64 l • Spitze 277 km/h • 0–100 km/h 4,8 s • Verbrauch EU-Mix 8,0 l Super plus • CO2 188 g/km • Preis 59.120 Euro.
Autor:

Stefan Voswinkel

Fazit

Der neue Boxster zeigt: Porsche hat – Panamera und Cayenne zum Trotz – das Sportwagenbauen nicht verlernt. Selbst dem Vergleich mit dem legendären 911 Turbo hält der Roadster stand. Beide sind Porsche in Reinform.



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