Porsche Cayenne S gegen Porsche 911 Carrera

Porsche Cayenne S gegen Porsche 911 Carrera Porsche Cayenne S gegen Porsche 911 Carrera

Porsche Cayenne S gegen Porsche 911 Carrera

— 14.03.2003

Big Brother

Papi darf endlich Porsche fahren – und die ganze Familie kann mit. Die Lösung heißt Cayenne. Aber ist der Achtzylinder-SUV wirklich noch ein Porsche? Eines steht fest: Vom Carrera trennen ihn Welten.

Motto: Mit dem Porsche zu Ikea

Die wahren Puristen haben es nicht leicht. Mussten sie bereits vor sechs Jahren mit ansehen, dass Porsche mit dem Boxster seine Modellfamilie erweitert, folgt nun Kind Nummer drei: Big Brother Cayenne. Okay, an den Boxster haben wir uns gewöhnt, ja, ihn sogar lieben gelernt. Schließlich decken sich über 60 Prozent seiner Erbanlagen mit denen des Neunelfer. Charakterlich könnte man sie als Brüder bezeichnen. Beide sind sportlich, kompakt, zweisitzig und verfügen über Hinterradantrieb – typisch Porsche eben.

Und nun der Cayenne. Ein Riesenbaby, das so irgendwie gar nicht zur Philosophie der Zuffenhausener passen will. Plötzlich spricht Boss Wendelin Wiedeking von variablen Rücksitzen, von Familie, Freizeit und Geländegängigkeit, gebraucht Begriffe wie Heckklappe, Frontmotor und Viertürer – ganz Porsche-untypisch.

Lockt man damit den 911-Freak? Animiert man ihn wirklich zum Aufstieg, raus aus dem flachen Coupé, hinauf in den 2,5-Tonnen-SUV? Immerhin ist der Cayenne S fast zwölf Tausender günstiger und bietet vom Nutzwert her erheblich mehr. Motto: Mit dem Porsche zu Ikea.

Tradition: Das Zündschloss sitzt links

Schon der Einstieg gestaltet sich bequemer, weil höher. Dicke Bügelgriffe mit Gummi vermitteln Solidität. Im Innenraum herrscht im Vergleich zum Carrera verschwenderisch viel Platz.

Die Sitze gleichen mehr Wohnzimmersesseln als Schalensitzen. Dazwischen eine breite Konsole mit Armauflage, riesigen Haltegriffen und nie da gewesenen Schaltern für Fahrwerkhärte, Niveauregulierung und Geländeuntersetzung mit Längssperre.

Ganz Porsche-like: Das Zündschloss sitzt nach alter Le-Mans-Tradition weiterhin links vom Lenkrad. In dieser Beziehung muss also nicht umgedacht werden, beim Blick auf die Instrumente schon eher: Der Drehzahlmesser, obwohl groß dimensioniert, wurde dem Zentrum entrückt. Dort hat moderne Elektronik in Form eines Bordcomputer-Displays Einzug gehalten.

Sound: Hier trennen die beiden Welten

Welten trennen die beiden beim Starten des Motors. Ein gedämpfter, aber doch typischer Porsche-Sound beim Carrera. Jedes Kind würde den Sechszylinder-Boxer erkennen. 320 PS aus 3596 cm3. Nie war ein Carrera stärker. Und nie fuhr er sich besser, über die Jahre kontinuierlich getrimmt bis hin zur Perfektion. Sitze und Lenkrad passen, der Wagen umgibt den Fahrer wie ein Maßanzug. Den Carrera spürt man mit dem Hintern. Besonders beim Beschleunigen. Es ist immer wieder ein Genuss, wie sich das Heck in den Asphalt drückt, nicht aggressiv, sondern geschmeidig und bestimmt.

Ein leicht zu schaltendes Sechsganggetriebe mit guten Anschlüssen verfeinert den Fahrspaß. Doch selbst Schaltfaule kommen voll auf ihre Kosten. Auch 50 km/h im vierten Gang (der Motor dreht dann 1600/min) nimmt der Boxer äußerst gelassen. Kein Ruckeln, kein Brummen. Früher für einen Sportwagen undenkbar, heute dank modernster Elektronik selbstverständlich. Ein leichter Kick aufs Gas, und der Wagen zieht weich und kraftvoll an, schneller als die meisten anderen Autos bei höheren Drehzahlen.

Ganz ähnlich der Cayenne S. Nur ein leises V8-Säuseln gibt der 4,5-Liter-V8 von sich. 340 PS stark, seidenweich seine Laufkultur. Wer jedoch den Biss des Carrera kurz zuvor gespürt hat, ist enttäuscht. Es geht zwar zügig nach vorn, doch alles wirkt weicher, steriler und irgendwie entkoppelt. Und außerdem langsamer.

Speed: Der Carrera kennt kein Pardon

Die objektiven Messdaten belegen: Elastizitäts- und Beschleunigungswerte sind um bis zu 50 Prozent schlechter. Kein Wunder, schließlich bringt der Cayenne gut eine Tonne mehr auf die Waage. Und die will bewegt werden.

Dies macht sich natürlich auch auf der Autobahn bemerkbar. Die Fahrwiderstände stehen mit den 340 PS bei 242 km/h im Gleichgewicht, der Carrera schaltet hier erst in den Sechsten, hat noch Luft bis 285 km/h. So viel Tempo verlangt nach Top-Bremsen, wofür Porsche weltweit einen exzellenten Ruf genießt. So auch hier: Der massige Cayenne steht aus 100 km/h nach rund 38 Metern, der Carrera gerade einen Meter früher.

Stauraum: Wer ihn braucht, kauft Cayenne

Das Handtuch werfen muss der Carrera-Fahrer allerdings, sobald es um das Thema Gepäck geht. Hier bietet der Cayenne Heimwerkerqualitäten und schluckt, wenn es sein muss, bis zu 1770 Liter an Waren aller Art. In den Carrera-"Kofferraum" passen gerade mal ein paar weiche Taschen hinein.

Auch abseits des Asphalts heißt es im Carrera: Stopp, bis hier und nicht weiter! Bruder Cayenne liefert selbst im schwierigen Gelände eine eindrucksvolle Vorstellung, rauf wie runter. Doch stellt sich hier wie so oft die Gretchenfrage: Wer geht schon mit dem Wagen wirklich offroad – und wo? So wird der Carrera-Fahrer keineswegs neidvoll zum Cayenne aufblicken, wohl wissend, was er an seinem klassischen Coupé hat, nämlich einen ausgereiften, echten Sportwagen. Ihm käme wohl höchstens in den Sinn, den X5 oder die M-Klasse seiner Frau zu verkaufen und ihr einen Cayenne vors Portal zu stellen.

Fazit und Technische Daten

Fazit Für den Puristen ist der Cayenne kein richtiger Porsche – auch wenn dessen Entwickler Top-Arbeit abgeliefert und dem 2,5-Tonnen-SUV bemerkenswerte Fahrqualitäten mit auf den Weg gegeben haben. Ihm fehlen jedoch die traditionellen Porsche-Tugenden wie zum Beispiel intelligenter Leichtbau. 2,5 Tonnen Gewicht und mehr als 20 Liter Verbrauch bei sportlicher Fahrweise passen nicht so recht in unsere Zeit. Carrera-Kunden wird der Cayenne S nicht beeindrucken. Sie werden ihn sich höchstens als Zweitwagen zulegen. Nur Papi wird sich freuen – er kann endlich Porsche fahren, ohne seine Familie daheim lassen zu müssen.

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