Porsche Turbo im Vergleichstest — 30.06.2006

Die fantastischen Vier

Über 2000 PS, verteilt auf vier Autos: Das ist der Stoff, aus dem Tester-Träume sind. Und aus dem sich spannende Sportwagen-Vergleiche ergeben. Der neue Porsche Turbo fordert seine Gegner aus Italien und Amerika heraus.

Sie denken bei den "fantastischen Vier" weder an Comic-Figuren noch an deutschen Sprechgesang? Okay, dann hätten wir da noch einen ganz anderen, nicht weniger fantastischen Vorschlag. Stark wie Superhelden und schnell wie Rapper: das fantastische Sportwagen-Quartett mit Corvette Z06, Ferrari F430, Lamborghini Gallardo und Porsche Turbo. Die wie Warzen aus der Frontschürze quellenden Nebellampen und die LED-Blinker verleihen dem Porsche dabei fast schon comicartige Züge. Der Soundcheck verläuft ebenfalls eher enttäuschend. Außer einem stark gedämpften Brabbeln kommt hier nicht viel. Waren die Sound-Designer etwa im Urlaub? Schade, denn der 3,6-Liter-Boxer mit den zwei Turbos hätte eine erotischere Stimme allemal verdient. Seine 480 PS fallen über die vier Räder her wie Teenies über eine Boygroup.

"Nur" 490 PS, aber die versprühen Formel-1-Gefühle im Ferrari F430.

Fast ohne Turboloch geht es aus dem Drehzahlkeller bis an die 7000 Touren, 680 Nm Drehmoment machen Verschnaufpausen überflüssig. Einen besseren Turbomotor kenne ich nicht. Passend dazu: die exakte Schaltung. Richtig was zu sehen und zu hören gibt es beim Ferrari. Die Lufteinlässe vorn wirken zwar etwas zu groß, sonst stimmt hier aber alles. Furiose Front, perfektes Profil, heißes Heck – da schlagen unsere Herzen höher. Verschärft wird der Puls durch die akustische Attacke. Mit einem entschlossenen Kampfschrei erwacht der F430 und fräst sich fortan mit sonorem Sägen ins Gehör. Beim 4,3-Liter-V8 scheint jedes einzelne der 490 PS hör- und spürbar. Auf das kleinste Zucken im rechten Fuß schießt der Ferrari nach vorn, als gäbe es kein Morgen. Geringfügig langsamer als der Porsche, hält der F430 seinen 30 PS stärkeren Landsmann Lamborghini jedenfalls im Zaum.

Kraft in allen Lebenslagen: Der Gallardo begeistert mit V10 und 520 PS.

Bis 8500 Touren geht das muntere Spielchen, um fast ohne Unterbrechung im nächsten Gang fortgesetzt zu werden. Möglich macht das die sequentielle Formel-1-Schaltung (6700 Euro), die Gänge fast schneller wechselt als wir die Blickrichtung. Mit Inbrunst brennt der Lamborghini seine Ode an die Leistung in unser Trommelfell. Was untenrum mit einem metallisch-mechanischen Stimmchen beginnt, steigert sich ab 4500 Touren zu einem o(h)rgiastischen Heavy-Metal-Konzert. Wer die Augen schließt (bitte nur die Beifahrer!), fühlt sich wie beim Ferrari direkt an die Rennstrecke versetzt. Genau von dort scheint auch der 5,0-Liter-V10 zu stammen. Inzwischen auf 520 PS erstarkt, brennt der allradgetriebene Gallardo höllische Zeiten auf den Asphalt. Drehfreudig, bissig, wild.

Der Lambo vermittelt in jeder Sekunde unbändige Lust an der Leistung. Dazu begeistert er mit seinem scharfen Alubody im Stil eines Tarnkappenbombers. Bei der Corvette wird nicht klar, was die Faszination wirklich ausmacht: das immer noch vorhandene Rotlicht-Renommee oder der Muscle-Car-Mythos. Egal, denn diese Z06 hat ihren Stil gefunden. Klar als Corvette erkennbar, erscheint Sie moderner und weniger peinlich als je zuvor – nur der Hintern bleibt zu fett. Hier hätten die Cowboys lieber in den Klang investieren sollen. Erst wenn das Gaspedal brutal niedergetreten wird, entwickelt sich Anmach-Akustik in Form eines infernalischen Brüllens. Sonst rasselt und klackert die Z06 eher wie eine Baumaschine. Mit der der 7,0-Liter-V8 aber nichts zu tun hat.

Technische Daten und Fahrleistungen

Okay, die untenliegende Nockenwelle stammt von vorgestern, die Messwerte liegen auf dem Stand von heute. Nur wenig langsamer als das italienische Duo hetzt die Z06 über die Bahn, bietet kolossale Kraftreserven und begeistert mit tierischem Durchzug. Die schwergängige und hakelige Schaltung brauchen wir dabei zum Glück selten, den endlos langen sechsten Gang nur zum Spritsparen. Die Stunde der Wahrheit schlägt auf der Rennstrecke. Bei den Sprints noch der schnellste, muss der Turbo hier erstaunlich Federn lassen – das alte Heckmotorkonzept stößt an seine Grenzen. Wer richtig schnell sein will, balanciert auf einem schmalen Grat zwischen wahnwitzigem Kurventempo und zickig auskeilendem Heck. Schon beim Einlenken zuckt der Hintern, schnelle Reaktionen an der wunderbar direkten Lenkung sind ein Muss – wer kein Profi ist, fährt mit eingeschalteter Elektronik jedenfalls schneller. Ohnehin spielt der Porsche eher den schnellen Reisewagen als den Supersportler. Reichlich Ausstattung, kommoder Komfort und gute Platzverhältnisse machen ihn auch für Schwiegermütter nicht zum Turbo-Teufel.

Über jeden Zweifel erhaben: Der 7,0-Liter-V8 in der Corvette leistet 512 PS.

Vom Lamborghini lassen sie dagegen freiwillig die Hände. Enger Innenraum, kaum Rundumsicht, knüppelharte Federung – für den Gallardo braucht es eine gewisse Leidensfähigkeit. Die sich aber lohnt. Denn entschädigt werden wir mit dem agilsten Handling. Auch wenn die Lenkung nicht ganz die Präzision von Porsche und Ferrari erreicht, lässt sich der Lambo wie auf Schienen um den Kurs treiben. Sauber ausbalanciert, dank Allrad mit reichlich Traktion und fast neutral im Fahrverhalten, setzt der Gallardo hier die Marke. Die bissigste Bremse im Test trägt ihren Teil dazu bei – 32,7 Meter aus 100 km/h grenzen fast schon an Körperverletzung.

Fazit und Bewertung

Reichlich Rennatmosphäre erfahren wir im Ferrari: perfekt passende Schalensitze, das in fünf Stufen am Lenkrad schaltbare ESP, sequentielle Schaltung – Schumi, wir kommen! Auf dem Rundkurs sticht der F430 präzise durch die Kurven, frisst die Geraden dazwischen im Zeitraffer und lässt im Race-Modus kontrollierte Drifts zu. Ohne Elektronik und auf der Jagd nach Rekordzeiten bremst das Untersteuern uns aber leider ein. Überraschend, genau wie das gute Platzangebot und der durchaus angenehme Fahrkomfort – das war bei Ferrari nicht immer so.

Ungläubiges Staunen löst schließlich die Corvette aus. Obwohl 51 Prozent des Gewichtes auf der Vorderachse lasten und hinten ein Querblattfeder-System arbeitet, rauscht das amerikanische Urgestein mit unglaublicher Lässigkeit über den Parcours. Fast neutral durcheilt die Z06 Kurven, lenkt trotz der wenig sportlichen Lenkung sauber ein und neigt erst beim wilden Herausbeschleunigen zu dosierten Drifts.

Ganz ehrlich, diese Leistung hätte ich der urwüchsigen Corvette nicht zugetraut. Abstriche erzwingen allerdings die unharmonische Federung, die haltlosen Sitze und die lieblose Inneneinrichtung. Doch dafür präsentiert sich der US-Sportler kompromisslos günstig. 79.950 Euro kostet der Spaß – der Ferrari F430 bringt es samt F1-Schaltung fast auf das Doppelte (156.400 Euro), Lamborghini Gallardo (148.480 Euro) und Porsche Turbo (133.603 Euro) fallen nur wenig günstiger aus.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Gerald Czajka: Vier Sportwagen, viermal rund 500 PS, vier ganz unterschiedliche Konzepte. Der neue Porsche Turbo enttäuscht mich persönlich ein wenig, da er kaum Emotionen weckt. Der Deutsche ist schlichtweg (zu) perfekt. Und gewinnt so zu Recht diesen Vergleich. Der Ferrari begeistert als reinrassiger Rennwagen im stilvollen Straßenkleid. Trotz des hohen Preises wird er verdient Zweiter. Die urwüchsige Corvette auf Platz drei überrascht mit gutem Handling und günstigem Preis – Respekt. Der kantige Lamborghini liefert schließlich die faszinierendsten Fahrerlebnisse, fordert aber auch die meisten Kompromisse.

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