Produktionsende Wolga

Aus für den Russen-Benz Aus für den Russen-Benz

Produktionsende Wolga

— 12.12.2005

Aus für den Russen-Benz

Die traditionsreiche Luxus-Karosse "Wolga" findet kaum noch Abnehmer. Deshalb wird sie eingestellt. Die Russen wollen ausländische Autos.

Der Traum eines jeden Sowjetbürgers

Kaum war Jurij Gagarin wieder auf der Erde gelandet, machte ihm die Partei ein Geschenk: Der erste Kosmonaut erhielt 1961 einen blitzblanken schwarzen Wolga. Ein Wolga, der Russen-Mercedes, war der Traum eines jeden Sowjetbürgers. Das Auto aus dem Gorkij Autowerk (GAZ) in Nischnij Nowgorod strahlte Macht aus. Jedenfalls fuhren die Häscher des Geheimdienstes KGB ebenso im schwarzen Wolga vor wie jeder Kremlbeamte, der etwas auf sich hielt.

Der rundliche Wagen mit dem Rentier im Logo hatte etwas von einem frühen Ford. Kein Wunder, halfen doch die Amerikaner 1932 beim Aufbau des GAZ-Werks. Der Wolga, seit 1956 produziert, wurde schnell zum offiziellen Vehikel der Sowjetelite. Schließlich war der Wolga im russischen Sprachgebrauch "Defizit" also "Mangelware". Normalsterbliche hatten keine Chance, dieses Gefährt zu kaufen. Sie konnten froh sein, wenn sie nach Jahrzehnten in der Schlange einen Lada oder Moskwitsch ergatterten.

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion ist nun auch Schluß mit dem Wolga. Ausgerechnet Erzkapitalist Oleg Deripaska, mit einem Privatvermögen von 5,8 Mrd. Dollar (Forbes Mai 2005) die Nummer vier auf der russischen Geldrangliste, verkündete das Aus. "Dieser Wagen entspricht nicht mehr den Anforderungen der Zeit", sagte Deripaska in Washington. Seine Holding Basic Element, zu der vor allem Aluminiumschmelzen, aber auch Automobilaktiva gehören, wird den Wolga vom Band nehmen.

Russische Autos haben keine Zukunft

Im vergangenen Jahr fertigten die Autobauer in Nischnij Nowgorod rund 56.000 Wolgas, in diesem Jahr wird die Stückzahl in einer ähnlichen Größenordnung liegen. Für 2006 stehen noch 50.000 Wolgas im Plan. Ein Wolga kostet zwischen 8000 und 10.000 Dollar. "Wir nehmen das Fahrzeug langsam aus der Produktion", sagt GAZ-Pressesprecher Sergej Lugowoj.

Galt zwar der Wolga als Insignium der Macht, war er dennoch genauso gebrechlich wie die Sowjetunion. "Ich brauche immer drei Wolgas in der Garage, um genügend Ersatzteile zu haben, damit einer fährt", sagte der frühere Kreml-Hausmeister Pawel Borodin, der den Fuhrpark des Kreml verwaltete – der längst auf Marken wie BMW, Mercedes und Ford setzt.

Autobauer Deripaska will bei GAZ in Nischnij Nowgorod künftig nur noch Kleinbusse, Transporter und Lkw fertigen lassen. Er hat bislang 150 Mio. Dollar in die Modernisierung des Werkes gesteckt. Vielleicht werden im Werk in Zukunft zusätzlich ausländische Wagen zusammengeschraubt. "Oleg Deripaska als erfahrener Stratege hat erkannt, daß die Produktion russischer Automobilmodelle keine Perspektive mehr hat", sagt Igor Kokorew von der Investmentgesellschaft "Prospekt". "Zwar steigt die Nachfrage nach Autos beständig. Jedoch interessieren sich die Kunden mit steigendem Einkommen für qualitativ bessere Autos."

Ausländische Marken sind gefragt

Dieser Trend ist schon jetzt zu spüren. Marktführer AvtoVAZ (Lada) produzierte im ersten Halbjahr vier Prozent weniger Wagen als im Vorjahreszeitraum. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers kommt in einer Studie zu dem Schluß, daß die Produktion aller russischen Hersteller im ersten Halbjahr um 14 Prozent einbrach. Nun will sich der Staat verstärkt in die Automobilindustrie einmischen. Es stehen wieder einmal Milliardensubventionen auf dem Spiel. Der staatliche Rüstungsexporteur Rosoboronexport sicherte sich jedenfalls schon die Kontrolle über Rußlands Nummer eins, AvtoVAZ.

Die größten Zuwächse auf dem Markt haben importierte Neuwagen und in Rußland montierte Westwagen. Eigene Montagestätten unterhalten unter anderem Ford, Kia, BMW, Hyundai und in Kürze Toyota. Nun fragen sich die Beobachter der russischen Automobilmarktes, ob Volkswagen und DaimlerChrysler in Rußland Fertigungsstätten errichten werden. Der Vorteil einer Montage vor Ort: Einfuhrzölle fallen weg. Wer in Zukunft noch Wolga auf den Straßen sehen will, könnte eher in Bagdad als in Moskau fündig werden. 2003 wurden 5000 Fahrzeuge in den Irak geliefert.

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