Produktpiraten in China — 15.02.2008
Das schmutzige Geschäft
Still und heimlich kopieren chinesische Hinterhof-Werkstätten unseren Smart. AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz wagte sich in die geheimen Hallen der Produktpiraten und Smart-Fälscher.
Ab 3970 Euro ist der Elektro-Smart zu haben
Giftige Dämpfe kriechen durch die Fälscherbuden
Vor den grauen Betonhallen stapeln sich Prototypen-Karosserien im Schnee. Auch die Außenhaut eines Smart Fourfour ist dabei. "Wir bauen das, was der Kunde haben will", sagt Zhang. Auch eine Mercedes E-Klasse? Konkrete Antwort: "Ja, machen wir." Sein Chef habe die Idee zur Smart-Kopie auf einer Deutschland-Reise gehabt und sich ein Original mit nach Hause genommen. Und wo, bitte, ist die Kopiervorlage jetzt? "In der Werkstatt", sagt Verkaufschef Zhang. Einen echten Smart als Vorlage hat sich auch die von der Provinzhauptstadt Jinan aus operierende Fälscherschmiede Flybo besorgt. "O.k., wir haben kopiert, aber das ist doch lange her", gesteht Cappy Zhang, der sich als Designer vorstellt und im Hauptjob Elektro-Mofas entwirft. Seine Labors und Werkstätten will er nicht zeigen – "weil Sie Journalisten sind", sagt er später. Vielleicht landen die Chinesen tatsächlich bald den nächsten Copy-Coup. In Linzi, rund vier Autostunden von Dezhou entfernt, spüren wir die nächste Fälscherwerkstatt auf – "Shandong Huoyun Electric Cars" nennt sich die Firma: drei Hallen, vollgestopft mit Smart-Nachbauten, ein paar Büros.
Das Areal gleicht eher einem Bauernhof. Nach Protesten von Daimler hat Firmenchef Wang Xiao Bin die fortwo Form eckiger gemacht. Doch von Besserung kann keine Rede sein. Auf dem Hinterhof steht die Fiberglas-Karosserie eines New Beetle! Das nächste freche Plagiat? Boss Wang müsste es wissen. Doch statt zu antworten, wird der kleine Mann wütend – wegen der "unhöflichen Frage". Kein Kommentar. Auf seine Kollegen aus den anderen Copyshops ist Wang gar nicht gut zu sprechen: "Die haben uns diesen Wagen nachgemacht", sagt er und zeigt auf einen gelben Smart-Abklatsch. Kopierer beschuldigen Kopierer des Kopierens. Willkommen im Herzen Absurdistans.
Absurd: Die Plagiate sind nur für den Export
Die meisten Klonlabors liegen in der Provinz Shandong. In Zibo, einer Stadt mit 4,1 Millionen Einwohnern, residiert die Firma "Zibo Future Electric Vehicle Co. Ltd.". Auch hier schlafen die Arbeiter auf dem Fabrikgelände in engen Achtbettzimmern. Einer von ihnen kocht gerade Nudeln, vor seinen Füßen spielen zwei Hunde. Nebenan schleppen vier Arbeiter eine rote Rohkarosse durch die fußballfeldgroße Werkhalle. Auf einer kleinen Hebebühne werden Fahrgestell und Karosserie verbunden – die sogenannte Hochzeit. Rund zwanzig fertige Elektro-Smart warten in einer Ecke des Gebäudes auf den Autotransporter. "Sie gehen nach Kanada", sagt Eric Zhou, der Verkaufsmanager. Alle seine Autos sind für den Export bestimmt – aus einem merkwürdigen Grund: In China dürfen Elektroautos nicht mehr als drei Räder haben. Eric Zhou: "Leider ist die Regierung immer etwas langsamer als wir Firmen." Im Angebot hat der smarte Manager zwei Varianten des berühmten Plagiats: Die nach Daimler-Protesten kantiger gewordene Form – und immer noch die 1:1-Kopie der ersten offenbar Fortwo-Serie!Das Design bleibt ohne Markenschutz
Daimler ist machtlos gegen die im ganzen Land ebenso verstreuten wie versteckten Smart-Fälscher. Kapituliert der Weltkonzern vor einer versprengten Truppe chinesischer Produktpiraten? "Wir bekämpfen Produktpiraterie mit allen rechtlichen Mitteln – wo immer es notwendig ist", sagt Smart-Chef Anders Sundt Jensen. Wahrscheinlich ist es sogar unmöglich, die Autokopierer zu stoppen. "Die Feststellung einer Urheberrechtsverletzung ist bei einem Fahrzeug nicht so leicht wie bei einem T-Shirt", erklärt der Jenaer Markenrechtprofessor Volker Jänich. In einem aktuellen Urteil hat der Bundesgerichtshof (BGH) den Kopierschutz sogar gelockert (Az. I ZB 37/04). Ein Kernsatz der Richter: "Gewöhnlich schließen Verbraucher aus der Form der Ware nicht auf die betriebliche Herkunft." Übersetzt: Die Form eines Autos genießt grundsätzlich keinen Markenschutz. Die Ausnahme hiervon steht in einem BGH-Urteil zur Gestaltung des Porsche Boxster (Az. I ZB 33/04). Grundsatz: Designschutz besteht, wenn sich von der Form sofort auf die Marke schließen lässt – beim einzigartigen Smart-Konzept wäre das der Fall.Gefährliche Plagiate
Und so Smart das US-Geschäft vermiesen. Doch vom Kauf ist dringend abzuraten. Wie bei fast allen Stromautos macht das enorme Drehmoment zwar eine Menge Spaß. Die Bremsen aber sprechen bei fast allen getesteten Plagiaten viel zu spät an. Trotz oder gerade wegen der Handarbeit wirkt die Verarbeitung schlampig. Ein Beispiel: Wer den Türknopf ziehen will, hat ihn beim Smart aus Zibo gleich in der Hand. Und wie sicher ist Fiberglas? Technikleiter Guido Folster vom Crashtestzentrum des DEKRA: "Das Material bricht sehr spröde, vermutlich bilden sich bei einem Unfall viele scharfe Kanten."
Für Deutschland kommt diese Warnung gerade noch rechtzeitig. Ein Elektro-Smart erreicht demnächst den Hamburger Hafen. Der Käufer: eine Batteriefirma aus Süddeutschland. Kommentar von AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz: "Bei allem Verständnis für fremde Kulturen: Die Chinesen fälschen nicht, weil sie den Original-Hersteller ehren wollen. Im Gegenteil: Sie sind schlicht Produktpiraten auf der Suche nach dem schnellen Geld. Dass sie skrupellos kopieren, hat einen simplen Grund: Sie wollen teure Entwicklungszeit sparen, es geht also um knallharte Wirtschaftsinteressen. Denn die Chinesen wollen nicht nur aufholen, sie wollen uns überholen. Möglichst bald."

































