Produktpiraten in China

Das schmutzige Geschäft der Smart-Fälscher Das schmutzige Geschäft der Smart-Fälscher

Produktpiraten in China

— 15.02.2008

Das schmutzige Geschäft

Still und heimlich kopieren chinesische Hinterhof-Werkstätten unseren Smart. AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz wagte sich in die geheimen Hallen der Produktpiraten und Smart-Fälscher.

Zwei Stunden quält sich der klapperige Bus über die vierspurige Autobahn im Westen Chinas, gegen Mittag passiert er bei Dezhou die Mautstation. Der Fahrer stoppt auf dem Seitenstreifen, zückt sein Handy und wählt die Nummer von Zhang Yinshun, Verkaufsleiter der Firma "Shandong Xin Ming Glass Fibre Manufacture Co. Ltd.". So war es vereinbart. 20 Minuten später blitzt ein knallgelber Chery durch die beschlagenen Scheiben, am Steuer des Kleinwagens grinst ein Mann: Zhang Yinshun, der Verkaufschef der Firma. Er rudert mit den Armen, wir sollen folgen. Die Fahrt geht durch bäuerliche Vororte, vorbei an Dutzenden Arbeitern, die bei minus zehn Grad Chillischoten pulen, hinein in ein graues Industriegebiet der 5,5-Millionen- Stadt. Schließlich rollt der Chery durch ein breites Werkstor, ein uniformierter Wachmann schaufelt gerade Kohlen in den Ofen seiner kleinen Pförtnerloge. Auf einmal sind wir mitten in den heimlichen Hallen der Smart-Fälscher. In Reih und Glied haben die Produktpiraten ihre heiße Ware aufgefahren. Grün, Blau, Rot, Schwarz, Silber – viele bunte Smarties für Kunden in Südafrika, Neuseeland, Russland und neuerdings auch in den USA, wie Manager Zhang sagt.

Ab 3970 Euro ist der Elektro-Smart zu haben

2Wir bauen auf Bestellung alles nach. Auf Wunsch auch eine E-Klasse", Zhang Yinshun, Verkaufsleiter.

Rund ein halbes Dutzend solcher Copyshops werkelt in ganz China still und vor allem heimlich vor sich hin. Einen wirksamen Kopierschutz hat Smarts Konzernmutter Daimler auch 15 Monate nach dem Bekanntwerden der ersten Smart-Klone immer noch nicht gefunden. Stolz zeigt Zhang Yinshun uns seine Fabrik. Ohne Scham lässt sich der Manager mit seinen eigentlich verbotenen Autos ablichten. Gibt es keine Probleme mit dem Copyright? "Ja, Daimler war hier", sagt er, "die wollen kooperieren, wir sollen für die Autos bauen." Eine dummdreiste Lüge. Schnell nennt Zhang seinen Barpreis: "Ab 3970 Euro." Dafür gibt es vier PS und 260 Lithiumionen-Batterien die den Elektro-Klon angeblich 220 Kilometer weit antreiben und 50 km/h Spitze ermöglichen sollen. Sieben PS, 300 km Reichweite und 75 km/h Spitze kosten rund 5500 Euro. Auf Wunsch ist auch eine gestreckte Variante mit vier Sitzen und mit aufgemalter Tridionzelle lieferbar. Die Arbeiter bauen in dieser Fabrik täglich etwa zwei Fake-Smarts. Oder besser: Sie basteln. Denn mit modernem Autobau hat das Werkeln in Dezhou und in den übrigen drei von AUTO BILD besuchten Fälscherwerkstätten wenig zu tun.

Giftige Dämpfe kriechen durch die Fälscherbuden

Billigjobs: Handarbeit ist in China günstiger als Maschinen und erleichtert somit das stete Wachsen von Hinterhof-Werkstätten.

In einer langen, schmalen Halle sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenüber. Wie alle hier tragen sie einen simplen Mundschutz aus Stoff. Von morgens bis abends legen sie Glasfasermatten auf ein Stück Plastik. Dann streichen die beiden flüssiges Kunstharz drüber, das sie vorher über kohlegefüllten Ölfässern geschmolzen haben. Beißende Dämpfe stehen im Raum, der kaum wärmer als null Grad ist. 180 bis 200 Euro pro Monat zahlt die Bastelbude ihren Leuten für den Job in der verpesteten Luft, fast doppelt so viel wie üblich. Ein Schmerzensgeld. "Sonst würde die Arbeit keiner machen", gibt Zhang dann auch offen zu. Er beschäftigt Wanderarbeiter aus dem ganzen Land, nachts schlafen sie auf dem Fabrikgelände in stickigen Mehrbettzimmern. Das Schrauben haben sie in Hinterhofwerkstätten gelernt. Nach drei bis vier Tagen ist eine Rohkarosse fertig. Draußen schleift ein Mann die Gebilde aus Fiberglas ab, in einer stockdunklen Halle nebenan blitzen Funken auf. Zwei Angestellte schweißen hier die Metallrahmen zusammen – das Chassis. Später pflanzen Kollegen die Karosserie drauf – fertig. Eine knappe Woche dauert es, bis eine so zusammengeschusterte Kopie des Smart montiert ist. Anders als in Europa und in Amerika sind Menschen im Reich der Mitte um ein Vielfaches billiger als Maschinen. Verkehrte Welt.

Vor den grauen Betonhallen stapeln sich Prototypen-Karosserien im Schnee. Auch die Außenhaut eines Smart Fourfour ist dabei. "Wir bauen das, was der Kunde haben will", sagt Zhang. Auch eine Mercedes E-Klasse? Konkrete Antwort: "Ja, machen wir." Sein Chef habe die Idee zur Smart-Kopie auf einer Deutschland-Reise gehabt und sich ein Original mit nach Hause genommen. Und wo, bitte, ist die Kopiervorlage jetzt? "In der Werkstatt", sagt Verkaufschef Zhang. Einen echten Smart als Vorlage hat sich auch die von der Provinzhauptstadt Jinan aus operierende Fälscherschmiede Flybo besorgt. "O.k., wir haben kopiert, aber das ist doch lange her", gesteht Cappy Zhang, der sich als Designer vorstellt und im Hauptjob Elektro-Mofas entwirft. Seine Labors und Werkstätten will er nicht zeigen – "weil Sie Journalisten sind", sagt er später. Vielleicht landen die Chinesen tatsächlich bald den nächsten Copy-Coup. In Linzi, rund vier Autostunden von Dezhou entfernt, spüren wir die nächste Fälscherwerkstatt auf – "Shandong Huoyun Electric Cars" nennt sich die Firma: drei Hallen, vollgestopft mit Smart-Nachbauten, ein paar Büros.

Das Areal gleicht eher einem Bauernhof. Nach Protesten von Daimler hat Firmenchef Wang Xiao Bin die fortwo Form eckiger gemacht. Doch von Besserung kann keine Rede sein. Auf dem Hinterhof steht die Fiberglas-Karosserie eines New Beetle! Das nächste freche Plagiat? Boss Wang müsste es wissen. Doch statt zu antworten, wird der kleine Mann wütend – wegen der "unhöflichen Frage". Kein Kommentar. Auf seine Kollegen aus den anderen Copyshops ist Wang gar nicht gut zu sprechen: "Die haben uns diesen Wagen nachgemacht", sagt er und zeigt auf einen gelben Smart-Abklatsch. Kopierer beschuldigen Kopierer des Kopierens. Willkommen im Herzen Absurdistans.

Absurd: Die Plagiate sind nur für den Export

Anstatt die Fälscher zu stoppen, bestellt die Polizei lieber eigene Smart-Kopien.

Die meisten Klonlabors liegen in der Provinz Shandong. In Zibo, einer Stadt mit 4,1 Millionen Einwohnern, residiert die Firma "Zibo Future Electric Vehicle Co. Ltd.". Auch hier schlafen die Arbeiter auf dem Fabrikgelände in engen Achtbettzimmern. Einer von ihnen kocht gerade Nudeln, vor seinen Füßen spielen zwei Hunde. Nebenan schleppen vier Arbeiter eine rote Rohkarosse durch die fußballfeldgroße Werkhalle. Auf einer kleinen Hebebühne werden Fahrgestell und Karosserie verbunden – die sogenannte Hochzeit. Rund zwanzig fertige Elektro-Smart warten in einer Ecke des Gebäudes auf den Autotransporter. "Sie gehen nach Kanada", sagt Eric Zhou, der Verkaufsmanager. Alle seine Autos sind für den Export bestimmt – aus einem merkwürdigen Grund: In China dürfen Elektroautos nicht mehr als drei Räder haben. Eric Zhou: "Leider ist die Regierung immer etwas langsamer als wir Firmen." Im Angebot hat der smarte Manager zwei Varianten des berühmten Plagiats: Die nach Daimler-Protesten kantiger gewordene Form – und immer noch die 1:1-Kopie der ersten offenbar Fortwo-Serie!

Das Design bleibt ohne Markenschutz

Daimler ist machtlos gegen die im ganzen Land ebenso verstreuten wie versteckten Smart-Fälscher. Kapituliert der Weltkonzern vor einer versprengten Truppe chinesischer Produktpiraten? "Wir bekämpfen Produktpiraterie mit allen rechtlichen Mitteln – wo immer es notwendig ist", sagt Smart-Chef Anders Sundt Jensen. Wahrscheinlich ist es sogar unmöglich, die Autokopierer zu stoppen. "Die Feststellung einer Urheberrechtsverletzung ist bei einem Fahrzeug nicht so leicht wie bei einem T-Shirt", erklärt der Jenaer Markenrechtprofessor Volker Jänich. In einem aktuellen Urteil hat der Bundesgerichtshof (BGH) den Kopierschutz sogar gelockert (Az. I ZB 37/04). Ein Kernsatz der Richter: "Gewöhnlich schließen Verbraucher aus der Form der Ware nicht auf die betriebliche Herkunft." Übersetzt: Die Form eines Autos genießt grundsätzlich keinen Markenschutz. Die Ausnahme hiervon steht in einem BGH-Urteil zur Gestaltung des Porsche Boxster (Az. I ZB 33/04). Grundsatz: Designschutz besteht, wenn sich von der Form sofort auf die Marke schließen lässt – beim einzigartigen Smart-Konzept wäre das der Fall.

Gefährliche Plagiate

Die für den Export bestimmten Smart-Fälschungen gelangen mit Leichtigkeit in die USA, wo sie Smart Umsatzeinbußen und Imageschäden bescheren.

Benjamin Greene aus Kent im US-Staat Washington hat deshalb Angst, dass Daimler ihm das Geschäft vermiest. Gerade hat der vierfache Vater acht nachgemachte Smart in den USA verkauft. Auf 30 Exemplare pro Monat will der 31-Jährige kommen, dann will er seinen Job als Netzwerktechniker an den Nagel hängen. In China lotet Greene Preise und Qualitäten aus. "Die Verarbeitung muss besser werden", sagt er seinen Lieferanten immer wieder. Doch das falsche Häschen kommt in den USA trotzdem an: "Viele Leute denken: Hey, das ist doch der Smart aus Europa", erzählt der 31-Jährige. Und genau diese Verwechslung kann für Daimler gefährlich werden. Denn das in den USA eingeführte Original ist noch zu unbekannt, um als Qualitätsmaßstab zu gelten. Wer Autos nur wegen des Designs kauft und auf die klapperige China-Technik pfeift, könnte eher dem viel billigeren China-Import zuneigen.

Und so Smart das US-Geschäft vermiesen. Doch vom Kauf ist dringend abzuraten. Wie bei fast allen Stromautos macht das enorme Drehmoment zwar eine Menge Spaß. Die Bremsen aber sprechen bei fast allen getesteten Plagiaten viel zu spät an. Trotz oder gerade wegen der Handarbeit wirkt die Verarbeitung schlampig. Ein Beispiel: Wer den Türknopf ziehen will, hat ihn beim Smart aus Zibo gleich in der Hand. Und wie sicher ist Fiberglas? Technikleiter Guido Folster vom Crashtestzentrum des DEKRA: "Das Material bricht sehr spröde, vermutlich bilden sich bei einem Unfall viele scharfe Kanten."

AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz.

Für Deutschland kommt diese Warnung gerade noch rechtzeitig. Ein Elektro-Smart erreicht demnächst den Hamburger Hafen. Der Käufer: eine Batteriefirma aus Süddeutschland. Kommentar von AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz: "Bei allem Verständnis für fremde Kulturen: Die Chinesen fälschen nicht, weil sie den Original-Hersteller ehren wollen. Im Gegenteil: Sie sind schlicht Produktpiraten auf der Suche nach dem schnellen Geld. Dass sie skrupellos kopieren, hat einen simplen Grund: Sie wollen teure Entwicklungszeit sparen, es geht also um knallharte Wirtschaftsinteressen. Denn die Chinesen wollen nicht nur aufholen, sie wollen uns überholen. Möglichst bald."

Autor: Claudius Maintz

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