Produktpiraterie

China-Smart in Deutschland China-Smart in Deutschland

Produktpiraterie

— 14.03.2008

China-Smart in Deutschland

Im Januar besuchte AUTO BILD in China die geheimen Hallen der Smart-Fälscher. Ausgerechnet in Gottlieb Daimlers Geburtsstadt Schorndorf wird das Elektroauto jetzt umgebaut – damit es mit Smart keinen Streit ums Copyright gibt.

Der China-Smart fährt sich wie ein kleines Boot in stürmischer See. Um mit dem Flybo 6000ZK Kurs zu halten, muss man ständig gegenlenken. Ganz so wie ein Kapitän bei Strömung, Wellengang und Wind. Doch die miese Lenkung ist noch das Harmloseste, was AUTO BILD auf der deutschen Jungfernfahrt im berühmten Plagiat des Smart fortwo erlebte. Schon nach rund 30 Testkilometern schaltet sich der vier PS starke Elektromotor wegen Überhitzung ab. Stillstand mitten auf der Landstraße, während von hinten eine Wagenkolonne heranbrettert. Bange Sekunden in einer Kiste aus Fiberglas, die noch nie einen Crashtest bestanden hat, aber schon im Sommer für etwa 6500 Euro in Deutschland verkauft werden soll. Außerdem in Planung: eine rund 10.000 Euro teure Version mit Batterien aus Lithium-Eisen-Phosphat. Diese Energiespeicher sind etwa halb so schwer wie Bleibatterien und erhöhen die Reichweite (jetzt rund 110 Kilometer) um 15 bis 20 Prozent. Außerdem verkürzt sich die Ladezeit von rund zehn auf etwa fünf Stunden.

Batterietechnik und Antrieb sitzen unter der Motorhaube. Das "GS" im Kühlergrill ist ein Fantasiename.

Doch bis zu diesen Technikträumen scheint es noch ein weiter Weg zu sein. Nur schwer springt der Testwagen wieder an – um gleich an der nächsten Steigung erneut saft- und kraftlos auszutrudeln. Also Neustart, das Ganze wiederholt sich mehr als zehnmal. Jan Hetzel hat keine andere Wahl – der Marketingchef des Importeurs, der Batteriefirma Reva aus Wernau bei Stuttgart, muss zugeben: "So ist der nicht verkehrssicher." Mängel hat das in chinesischen Hinterhofwerkstätten unter abenteuerlichen Bedingungen von Hand zusammengeflickte Vehikel serienmäßig. Schon bei seiner Ankunft im Container klebte Flugrost am Rahmen. Außerdem war ein Federbein lose, die Bremsen mussten entlüftet werden, das innere Antriebswellengelenk hatte Spiel, die Lenkstange war falsch montiert, in der Karosserie waren zahlreiche Dellen. Kurios: Kupplungs- und Bremspedal befinden sich in der Mitte des Fußraums. Das erleichtert zwar die Produktion von Rechtslenker-Versionen, erschwert aber das Fahren ungemein.

Hier soll der China-Smart "Inuga" heißen

Allenfalls eine Lachnummer: wackelige Schalensitze, Pedale in der Mitte und allerbilligstes Plastik.

"Das geht alles gar nicht", sagt Jan Hetzel. Dennoch glaubt er, das der 6000ZK bis zum Sommer die deutschen Zulassungshürden schafft. "In zwei Tagen lassen sich die Fehler beheben", sagt der gelernte Automobilkaufmann. Künftige Exemplare will er nach deutschen Qualitätsmaßstäben in Europa endmontieren lassen. Sicherheitsbedenken begegnet Hetzel mit Argumenten: "Der Flybo ist kein richtiger Pkw. Mit dem Führerschein Klasse S könnten ihn 16-Jährige fahren. Verglichen mit Rollern oder Mopeds ist unser Produkt sicherer", sagt er. Am sichersten ist der Flybo aber, wenn er in der Garage parkt. Im Halbdunkel pappt Karosseriebauer Ingo Nothdurft Klebeband an die Stellen, die er umgestalten will. Zwar hatte der Hersteller Shandong Pioneer nach ersten Daimler-Protesten die Form geändert. Doch der deutsche Importeur will beim Copyright lieber auf Nummer sicher gehen. Deshalb ändert Nothdurft die markante Smart-Frontschürze, außerdem alle Kotflügel, Scheinwerfer und die hinteren Seitenscheiben.

Daimler reagiert auf die von AUTO BILD gefahrene Version verärgert: "Das ist eindeutig ein Plagiat", erklärt eine Sprecherin. Merkwürdig ist aber, dass Mercedes anders als beim Shuanghuan Noble, einer dem Original-fortwo extrem ähnlichen Fälschung, den Flybo bisher nicht beschlagnahmen ließ. Auf den Fiberglas-Leib rückt Nothdurft dem China-Smart in seiner Heimatstadt Schorndorf. Pikant: 1834 kam in dem Ort bei Stuttgart Gottlieb Daimler zur Welt. Während eine Besuchergruppe vom Geburtshaus zum Denkmal wandert, steuert Jan Hetzel auf den Marktplatz zu. Er will wissen, wie die Bewohner der Daimler-Stadt auf die chinesische Plastikkomposition reagieren. Süß oder sauer? François Koell ist entsetzt: "Das ist kein Auto für die westliche Welt", sagt der Tischler nach einem Blick auf das billig-schmuddelige Armaturenbrett. Philologe Dr. Günther Zollmann urteilt anders: "Wer für freien Welthandel eintritt, muss so etwas in begrenztem Maß in Kauf nehmen." Sein Bekannter Dieter Hertel würde sich den Flybo niemals kaufen. "Es ist ärgerlich, dass diese billigen Autos hier verkauft werden und unsere Arbeitsplätze kaputt machen."

Autor: Claudius Maintz

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