Tatort TÜV: Prüforganisationen im Test

Prüforganisationen im Test

— 15.07.2011

Tatort TÜV

AUTO BILD dokumentiert, wie amtlich anerkannte Prüfer selbst unsicheren Autos ihren Segen geben. Mit einem Porsche voller Mängel ging's zu TÜV, DEKRA, KÜS und GTÜ!

Die Sonne spiegelt sich verführerisch im braunen Lack. Ein Porsche 928 S, 300 PS stark. Der Sportwagen ist in einem guten Originalzustand. Behauptet zumindest Autohändler Zafer Y. aus Löhne, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bielefeld. Der Wagen ist mängelfrei. Das zumindest besagt ein Gutachten des TÜV Nord aus Bad Oeynhausen, das zwei Wochen zuvor erstellt wurde. Doch schon bei der Besichtigung fällt auf: Die Frontscheibe hat Steinschläge, die Reifen sind an der Verschleißgrenze. Die Probefahrt offenbart eine knarrende Lenkung. "Kein Problem – der Wagen hätte doch sonst den TÜV nicht so gut bestanden", beschwichtigt Verkäufer Y. Sein Pech: Der Käufer ist AUTO BILD-Redakteur. Der stellt fest, dass der Porsche ein Blender ist: Nach einigen Wochen gibt er das Auto in die freie Porsche-Werkstatt von Peter Eckert in Neuburg an der Donau, um eine Routineinspektion durchführen zu lassen.
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Der Weg zur Plakette: Alles zu HU und AU

So geht's weiter: KÜS untersucht Mängelporsche erneut!

Dieser Porsche 928 S mit zahlreichen TÜV-relevanten technischen Defekten wurde fünf Prüf-Organisationen vorgestellt.

Zuvor wurde der Porsche nur 300 Kilometer überführt und für gelegentliche Fahrten genutzt. Insgesamt rund 500 Kilometer. "Dieser 928 hat eine Reihe schwerer, auch sicherheitsrelevanter Mängel", urteilt der Experte. Sie seien typisch für einen jahrelangen Wartungsstau. Grund genug, das Auto erneut zur Hauptuntersuchung zu schicken, diesmal beim TÜV Süd. Und in der Tat kommt der Prüfer zu einem völlig anderen Ergebnis als sein Kollege vom TÜV Nord. Er stellt schwere Mängel fest. "Diese können zu einer Verkehrsgefährdung führen", so der Prüfer in seinem Gutachten, das er Ende Mai 2011 verfasst. Was ist da beim TÜV Nord schiefgelaufen? Pressesprecher Rainer Camen stellt sich hinter seinen Prüfer: "Im Rahmen der Qualitätssicherung ist der Sachverständige vielfach überprüft worden. Die Ergebnisse waren stets positiv. Es ergibt sich kein Grund, an seinen fachlichen Kenntnissen und der guten Qualität der Ergebnisse zu zweifeln", sagt er.

Keine Angst vor der HU: Mängel vorab finden und beheben

Der TÜV Nord behauptet, alle Mängel seien zum Zeitpunkt der Hauptuntersuchung nicht vorhanden gewesen. Das ist falsch.

Der TÜV Nord behauptet zudem, alle Mängel seien zum Zeitpunkt der Hauptuntersuchung Ende März 2011 nicht vorhanden gewesen. Reifen, die in wenigen Wochen und nach 500 km bis zur Verschleißgrenze abgefahren wurden? Gibt es nicht. Wahrscheinlicher ist die Einschätzung eines Insiders: "Häufig kommt es zu engen Beziehungen zwischen Autohändlern und Prüfern. Da wird auch schon mal ein Auge zugedrückt." Das wäre keine Lappalie. "Handelt der Prüfer in vollem Bewusstsein der Verwendungsabsicht seines Prüfberichts, begeht er mindestens Beihilfe zum Betrug", sagt Anwalt Uwe Lenhart. In Frankfurt ist ein korrupter Prüfer im März zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Für AUTO BILD ist der Fall ein Grund, zu überprüfen, wie genau es die Prüfer mit der gesetzlich vorgeschriebenen Hauptuntersuchung nehmen. Immer wieder berichten Insider von einem knallharten Konkurrenzkampf zwischen den Prüforganisationen – es geht um Milliarden.

Beliebte Ausreden beim TÜV

Allein der TÜV Rheinland führt jedes Jahr rund zwei Millionen Hauptuntersuchungen durch. "Wer sich das Image erprüft, besonders streng zu sein, hat schnell Probleme, ausreichend Kunden zu finden", so ein Prüfer zu AUTO BILD, der anonym bleiben will. Um ein Bild von der Arbeitsqualität der Prüfer zu bekommen, ist AUTO BILD daher Ende Juni mit dem Porsche zu verschiedenen Prüforganisationen gefahren. Bei der GTÜ in Hamburg ist sich Ingenieur Torsten Cahnrey schnell sicher. "Das Auto darf in diesem Zustand keine Hauptuntersuchung bestehen", urteilt er. Wie der Wagen drei Monate zuvor die TÜV-Prüfung bestehen konnte, ist ihm ein Rätsel. Ähnlich hart geht Friedhelm Henze vom TÜV Hanse mit dem Porsche ins Gericht. Er findet fünfzehn Mängel und attestiert, dass diese zu einer Verkehrsgefährdung führen können. Die Hauptuntersuchung könne der Wagen so auf gar keinen Fall bestehen. Der Meinung ist auch die DEKRA, die dem Porsche keine Plakette erteilt. Prüfingenieur Ralf Montag bescheinigt dem Sportwagen erhebliche Mängel. Das sehen die Sachverständigen der KÜS anders. Der Porsche bekommt dort zwar geringe Mängel bescheinigt – aber eine Plakette für die nächsten zwei Jahre.

Neuzulassungen: Die beliebstesten Marken im Juni 2011

Mit dem Sachverhalt konfrontiert, nimmt die KÜS den Fall ernst. "Wir werden den Prüfingenieur zunächst zum Sachverhalt anhören. Gab es eine Verfehlung, wird ein Ruhen der Prüferlaubnis bis hin zum endgültigen Entzug angeordnet", so Sprecher Hans-Georg Marmit. Er sieht in dem schlechten Abschneiden seiner Prüfer einen Einzelfall. Zudem will die KÜS den Porsche von ihrem Qualitätsmanagement ein weiteres Mal untersuchen lassen. Das Ergebnis dieser Überprüfung stand bis Redaktionsschluss nicht fest. Für den Verkäufer des Porsche, Zafer Y., und den TÜV-Nord-Prüfer könnte der Fall noch Konsequenzen haben: Sie wurden wegen Betrugs und Bestechung angezeigt.

Das sagt der Fachanwalt für Verkehrsrecht:

Uwe Lenhart, Fachanwalt für Verkehrsrecht in Frankfurt am Main.

"Wer beim Autoverkauf vorsätzlich einen Prüfbericht vorzeigt, in dem der schlechte Zustand des Fahrzeugs unterdrückt wird, täuscht über dessen tatsächlichen Zustand. Da dieser maßgeblich für den Preis und den Kaufentschluss ist, macht sich der Verkäufer strafbar wegen Betrugs. § 263 StGB sieht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe vor; bei gewerbsmäßigem Handeln sogar Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zehn Jahren. Handelt der Prüfer in vollem Bewusstsein der Verwendungsabsicht seines Prüfberichts, begeht er mindestens Beihilfe zum Betrug. Der Verkäufer hat den wahren schlechten Zustand seines Autos arglistig verschwiegen. Hierfür haftet er dem Käufer. Dieser kann Rückgängigmachung des Kaufvertrages (Rücktritt) oder Minderung des Kaufpreises verlangen. Beim Rücktritt muss der Käufer den Vorteil ausgleichen, den er durch die Fahrzeugbenutzung bis zu dessen Rückgabe erlangt hat. Bei Minderung wird der Minderbetrag über ein Sachverständigengutachten ermittelt."
Mängelliste: Fehler erkannt?
TÜV Hanse 1) TÜV Nord 2) DEKRA 3) GTÜ 4) KÜS 5)
Bremse hinten: einseitige Wirkung ja ja nein nein nein
Lenkgetriebe: undicht ja nein nein nein nein
Verglasung: Steinschlag Frontscheibe ja nein ja ja nein
Rückspiegel: locker (rechts) ja nein nein nein nein
Scheibenwischer: Wischerblätter vorn/hinten verschlissen ja nein ja ja ja
Scheibenwaschanlage: ohne Funktion ja nein nein ja nein
Abblendlicht: Einstellung zu tief ja nein nein nein ja
Kennzeichenbeleuchtung: ohne Funktion ja nein nein nein ja
Reifen: Alter ja nein ja ja nein
Reifen: Profil abgefahren ja nein ja ja nein
Auspuff: undicht, keine AU möglich ja nein nein nein nein
Getriebe, Motor, Differenzial: Ölverlust ja ja ja ja nein
Bremsen: Rissbildung nein nein nein ja nein
Rückfahrscheinwerfer: ohne Funktion nein nein nein nein ja
Radlager vorn links: Spiel, muss nachgestellt werden nein nein ja ja nein
PLAKETTE ERTEILT NEIN JA NEIN NEIN JA
1) Prüfung bei Kilometerstand 179.032; 2) Prüfung bei Kilometerstand 177.298; 3) Prüfung bei Kilometerstand 179.002; 4) Prüfung bei Kilometerstand 178.997; 5) Prüfung bei Kilometerstand 179.040
Claudius Maintz

Claudius Maintz

Fazit

Der TÜV, wie die Haupt- untersuchung umgangssprachlich heißt, geht jeden an. 2010 haben Deutschlands Prüforganisationen 25,3 Millionen Autos untersucht. Ein Milliardengeschäft – aber eben nicht nur das. Jeder einzelne Prüfer bei TÜV, DEKRA, KÜS, GTÜ und Co hat eine enorme Verantwortung, nimmt Aufgaben wahr, die eigentlich dem Staat obliegen. Plaketten sind amtliche Siegel. Sie belegen die Sicherheit jedes einzelnen Fahrzeugs und verhindern, dass Rostlauben wegen kaputter Bremsen in Menschenmengen rasen. Wettbewerb ist wichtig, um mehr Kundenfreundlichkeit zu schaffen. Aber Konkurrenz darf nie dazu führen, dass unter Hebebühnen weggeschaut wird. Etwa, um Kosten zu sparen.

Stichworte:

DEKRA GTÜ TÜV

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