PS und Patriotismus

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PS und Patriotismus

— 23.06.2006

Deutschland zeigt Flagge

Die Fußball-WM gibt uns Deutschen ein längst verschüttetes Gefühl zurück: den fröhlichen und friedlichen Nationalstolz. Doch gute Gründe dafür gibt es schon lange.

Wir-Gefühl über Klassen hinweg

Das Symbol der zweiten deutschen Wiedervereinigung besteht aus einer weißen, dünnen Plastikstange und aus 30 mal 45 Zentimeter Polyester. Dreifarbig, quergestreift. Zu befestigen an allen gängigen Autofenstern. Der Preis der Einheit beträgt zwischen 1,95 Euro und 4,95 Euro. Er steigt mit jedem Tag, den die Fußball-WM läuft. Die kleinen Autofahnen, die seit dem 9. Juni Hundertausende deutscher Autos schmücken, sind dieser Tage so begehrt wie Eintrittskarten für die Spiele. Wer keine hat, ist nicht dabei bei dieser riesigen, automobilen WM-Party. Ein Volk fährt schwarz-rot-gold.

Die Weltmeisterschaft hat das Automobil, seit jeher Sinnbild des Individualismus, zum Vehikel eines neuen Gemeinschaftsgefühls gemacht. Die zweite deutsche Wiedervereinigung findet nicht zwischen Ost und West statt, sondern zwischen Kompakt- und Oberklasse. Egal ob Porsche oder Polo – der Nationalstolz weht friedlich im Fahrtwind. Waren unsere Straßen bislang Laufstege der Eitelkeiten, so verschwinden jegliche Klassenunterschiede mit den Klasseleistungen unserer Kicker. Plötzlich grüßt der S-Klasse-Fahrer freundlich den Corsa-A-Besitzer. Ein billiges Auto-Accessoire aus chinesischer Produktion verbindet sie in einem neuen Patriotismus made in Germany. Deutschland zeigt Flagge.

Aber mal ehrlich: Für dieses neue Selbstbewußtsein braucht es doch nicht erst Klinsi und Michael Ballack – schließlich hatten wir Käfer und Carl Benz. Und das sind nur zwei von vielen guten Gründen, mächtig stolz auf Auto-Deutschland zu sein. Denn immerhin ist es doch so: • Wir sind zwar nicht die Pioniere in Sachen Viererkette, dafür aber beim Viertakter • Unsere Abwehr ist ganz bestimmt nicht die sicherste der Welt, aber beim Automobilbau waren und sind wir Vorreiter auf dem Gebiet der Sicherheit • Lange bevor in irgendeiner Nordkurve gefeiert wurde, jubelte die ganze Welt den Sportlern auf der Nordschleife zu • Unsere Techniker zaubern vielleicht nicht ganz so gut mit dem Ball – dafür mit der Brennstoffzelle.

Wohltuende Standarten-Mode

Auch ohne WM-Euphorie und ohne schwarz-rot-goldene Brille: Wer sonst auf der Welt baut schönere, sparsamere, begehrtere Automobile? Eben! Welche Nation ist für ihre Ingenieurkunst weltberühmt? Na also! Und darauf können wir auch noch stolz sein, wenn unsere Kicker ausscheiden sollten und die Flaggen dann wieder auf Halbmast wehen. Und außerdem: Ein paar Weltrekorde haben wir dank unserer Autoindustrie doch längst in der Tasche.

Das neue deutsche Selbstverständnis stört auch das Ausland nicht. Als "wohltuend" empfindet Prof. Dr. Florian G. Kaiser (46) die neue Standarten-Mode im Straßenbild. Der Schweizer Sozialpsychologe an der Universität im niederländischen Eindhoven hat sich wissenschaftlich mit der "Emotionalen Bedeutung des Autos" beschäftigt. Kaiser spricht von einer "neuen Selbstdarstellung" der Deutschen, die das Auto mit einem "Symbol der Gruppenzugehörigkeit ausstaffieren". Das würde auch im Ausland nicht als neuer Nationalismus verstanden, sondern als "Wir-Gefühl". "Die Politik", so der Wissenschaftler, "ist von der Autofahne komplett losgelöst."

Die sich übrigens nicht selten vom Auto löst. Denn die Qualität der Autowimpel ist häufig zweifelhaft. Das überrascht nicht wirklich, denn in der Produktion in Fernost kostet eine Autoflagge kaum 20 Cent. Die Gewinnspanne der Importeure war schon immer ganz ordentlich. Jetzt wird auch noch in Masse Kasse gemacht. Doch wie groß der Flaggenboom wirklich wird, konnte auch Jens Dittrich nicht ahnen.

Preisexplosion und Flaggenklau

Dittrich ist Einkaufsleiter der Berliner Firma "Iden", die seit 1890 Schreibwaren und Festbedarf vertreibt. Die Lager des Familienbetriebes waren am Tag vor dem Eröffnungsspiel zwar mit dem Artikel "Festival" der Marke "Idena" randvoll gefüllt. Und trotzdem waren die Fähnchen, kaum daß die WM begonnen hatte, binnen Stunden ausverkauft. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt Jens Dittrich noch immer fassungslos. "Hätte ich das früher gewußt ..." So aber kommt keine neue Ware mehr rechtzeitig aus China im Hamburger Hafen an.

Rund 15.000 Autoflaggen verkaufte der Familienbetrieb im gesamten Jahr 2005. In den ersten WM-Tagen waren es 400.000 Stück. Inzwischen ist aus dem Billigprodukt ein echtes Wertobjekt geworden. Kostete das Auto-Zubehör vor der WM im Schnitt 1,29 Euro, schnellte der Preis im Einzelhandel innerhalb weniger Stunden auf bis zu fünf Euro pro Stück. "Das sind Zustände wie an der Börse", sagt Dittrich, der sich auch bei den Flaggen Brasiliens verzockt hat. "Auch von denen hätten wir locker 100.000 Stück verkaufen können."

So schlägt die Nachfrage das Angebot, was zu einem teilweise kuriosen Flaggenmarkt fährt: Radiosender geben bekannt, welche Läden überhaupt noch Wimpel verkaufen. In Hamburg wird von einer neuen Art des Verbrechens berichtet – Autoflaggenklau. Und von Glück konnten jene Autofahrer sprechen, die sich ganz am Anfang der WM auf dem Fan-Fest ein Matjesbrötchen gönnten – da gab es noch eine Standarte in den Nationalfarben gratis dazu.

Ja, sind denn alle völlig irre geworden? Sieht ganz so aus. "Zu der Grundausstattung des Menschlichen gehört ein gewisses Maß an Bereitschaft, gemeinsam mit anderen verrückt zu werden", sagte der Philosoph Peter Sloterdijk im "Spiegel"-Interview zum WM-Wahn.

Die Standarte aus dem Fanshop gehört dieser Tage zu der Grundausstattung fast jedes Autofahrers – ob Verkehrsminister oder Verkehrsrowdy. Und was passiert, wenn die WM für Deutschland vorbei ist? Wie viele Flaggen wehen dann noch an deutschen Autos? "Nicht viele", glaubt Professor Kaiser. "Die meisten landen als Erinnerungsstück an eine fröhliche Zeit im Kofferraum."

Wenn er da mann nicht irrt. Eine Umfage von autobild.de ergab: 43,4 Prozent lassen die Fahne dran, falls Klinsis Männer (doch) vor dem Finale ausscheiden sollten. 13,3 Prozent wollen den Flattermann in diesem Fall einrahmen, 6,1 Prozent gegen eine andere Fahne austauschen. Für 37,1 Prozent der Befragten wäre der Spaß in der Tat vorbei: Wegschmeißen, so ihr Plan.

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