Mikko Hirvonen ging vom Gas, war aber trotzdem noch zu schnell

Rallye 2009

— 30.05.2009

Taktieren: Schwarz fordert Ende der Bremsmanöver

Taktisches Abbremsen gehört in der WRC inzwischen zur Tagesordnung, zum Leidwesen der Fans und auch von Experte Armin Schwarz: "So ein Quatsch!"

Im Rennsport geht es darum, am schnellsten von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Das gilt eigentlich auch im Rallyesport. Doch seit die WRC wieder eingeführt hat, dass am Samstag und Sonntag jeweils der Führende des Vortages als Erster auf die Piste muss, hat sich in der WRC ein weiterer Wettbewerb etabliert: Wer fährt am Ende des Tages am langsamsten? Bei Schotterrallyes lässt man dem Gegner gern den Vortritt - damit dieser am kommenden Tag den Nachteil hat, den Straßenkehrer spielen zu müssen. Das kann in der Endabrechnung entscheidende Sekunden bringen oder kosten. Die Folge: Statt Gas zu geben, wird auf die Bremse getreten.

Wie absurd das eigentlich ist, dachte man sich als Beobachter bei der Rallye Sardinien, als sich Ford-Pilot Mikko Hirvonen am Freitagabend lautstark über sich selbst ärgerte. "Ich habe es vermasselt", schrie er frei übersetzt - im Originalton waren seine Worte nicht jugendfrei: "I f... it up!" Was hatte er vermasselt? Er ärgerte sich darüber, dass er zu schnell gefahren war - verkehrte Welt im Rallyesport. Citroën-Star Sébastien Loeb hatte das Bremsen noch ein bisschen besser drauf als Hirvonen und ließ sich geschickt drei Sekunden hinter den Finnen auf Rang drei fallen. Doch es gab auch schon Fälle, wo es Piloten im Zehntelsekundenbereich hinbekommen haben, sich einen schlechteren Gesamtplatz und damit eine bessere Startposition zu holen.

Möglich ist dieses sekundengenaue Taktieren nur, weil die Piloten in der heutigen Zeit genau darüber informiert sind, was die Konkurrenz so macht. Sie können sich aussuchen, wessen Splitzeiten sie in ihr Cockpit übermittelt bekommen und sich ganz genau danach richten. Hirvonen hatte sich da verrechnet - er hatte nicht erwartet, dass Loeb im letzten Split jener sechsten Sardinien-Prüfung noch so vom Gas geht.

Rallye-Experte Armin Schwarz hat eigentlich Verständnis für Taktiken und Strategien - schließlich wäre ja jedes Team dumm, das diese Möglichkeiten, sich einen Vorteil zu verschaffen, nicht nutzen würde. Doch auch für ihn ist der Bogen jetzt überspannt. Für die zweite Saisonhälfte ist sein größter Wunsch: "Es ist eine ganz einfache, schnelle Lösung: Man sollte ganz schnell das Senden von irgendwelchen Nachrichten auf Displays verbieten. Kabel abzwicken - fertig", forderte er im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Schließlich haben es die Helden früherer Zeiten auch ohne Taktieren geschafft: "Ein Kankkunen, ein Mäkinen, ein Sainz - sie alle haben ihre Weltmeistertitel errungen, obwohl sie immer das führende Auto auf der Piste waren", erinnerte Schwarz. "Damals hat man noch nicht einmal darüber diskutiert, dass sie die schlechteste Startposition haben, alles schlecht sei und die anderen davon profitieren würden. Das hat es einfach nicht gegeben. Der Führende, der Schnellste ist immer auf die jungfräuliche Strecke gegangen. Und wenn Sand drauf war, war eben Sand drauf."

Jetzt würde nur noch permanent über das Thema Startpositionen diskutiert, ärgerte sich Schwarz: "Und jeder baut irgendeinen Scheiß. Hirvonen katapultiert sich selbst ins Aus - erst langsam fahren, aber dann immer noch zu schnell sein, so ein Quatsch! Das sind alles Dinge, die wir nicht brauchen. Und das sind Dinge, für die es eine ganz schnelle Lösung gibt. Alle Informationen ins Cockpit müssen einfach wegfallen."

Doch Schwarz weiß auch, dass die Teams in heutigen Zeiten bei derartigen Maßnahmen sofort ihr Veto einlegen würden: "Das dreht man sofort wieder herum und sagt: 'Ja, aber wenn da was ist, zum Beispiel einer quer auf der Strecke steht, da können wir die Piloten nicht einmal warnen'." Das sei zwar richtig, erklärte Schwarz, aber: "Da sind wir wieder da, wo wir jetzt sind, mit diesem übertriebenen und alles prüfendem und regelnden Motorsport. Doch so gibt es eben die Möglichkeit zu sagen: 'Pass auf, die Zeit liegt bei 18,53, wenn du eine 18,54 fährst, hast du morgen eine bessere Startposition'. Und bei allen anderen geht das Gejammere und Geheule wieder los - so ein Schmarrn!"

Fotoquelle: Ford

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