Ford-Technikchef Christian Loriaux ist gespannt, wo man mit dem Fiesta steht

Rallye 2011

— 31.01.2011

Loriaux und die Herausforderung Benzineinspritzung

Ford-Technikchef Christian Loriaux über die Schlüsselelemente und die Entwicklung des neuen Fiesta RS WRC sowie den aufregenden Sound der Turbomotoren

Frage: "Christian, handelt es sich beim neuen Fiesta RS WRC lediglich um einen Fiesta S2000 mit Turbomotor?"
Christian Loriaux "Nein, sicher nicht. Der Fiesta S2000 lieferte uns zwar eine sehr gute Ausgangsbasis, auf der unsere Ingenieure aufbauen konnten. Die Entwicklung des WRC umfasste aber viel mehr als nur die Installation eines anderen Motors."

"Für uns standen umfangreiche Modifikationen der Radaufhängungen und des Chassis ebenso im Mittelpunkt wie die Arbeit an der Kraftübertragung. Ganz generell mussten wir alle Elemente des S2000 noch mal explizit betrachten, ob sie sich überhaupt für die enormen Belastungen und die viel höheren Geschwindigkeiten eignen, denen ein World Rally Car der neuen Generation standhalten muss."

Frage: "In welchem Bereich stießen Sie bei der Entwicklung des Fiesta RS WRC auf die größten Herausforderungen?"
Loriaux: "Die Arbeit an dem neuen Ford EcoBoost-Turbomotor mit 1,6 Liter Hubraum erwies sich als enorme Aufgabe. Wir Motorsportler wurden erstmals mit Benzindirekteinspritzung konfrontiert und mussten feststellen, dass es sich dabei um eine sehr komplizierte Technologie handelt - wir betraten komplettes Neuland. Große Herausforderungen hielt auch die Kraftübertragung des neuen Rallye-Autos für uns bereit, ebenso wie die Abstimmung der Getriebe-Übersetzungen und des Kühlsystems für die Antriebseinheit."

"Zudem erlaubt das neue WRC-Reglement ein Mindestgewicht von nur noch 1.200 Kilogramm - dies zu erreichen, war ebenfalls gar nicht so einfach. Während der gesamten Entwicklungsphase erfreuten wir uns jedoch der tatkräftigen Unterstützung durch die Ingenieure von Ford Europa sowie der Zulieferpartner, das hat uns sehr geholfen."

Frage: "Was war an der Entwicklung des Motors so schwierig?"
Loriaux: "Wie gesagt: Benzindirekteinspritzung ist im Rallye-Sport eine völlig neue Technologie, deren Einsatz ab dieser Saison vom Reglement vorgeschrieben wird und mit dem wir uns aus diesem Grund erstmals für ein World Rally Car auseinandersetzen. Letztendlich konnten wir und unser Motorenpartner Pipo Moteurs aber von dem umfangreichen Know-how profitieren, das die Ingenieure aus der Serienentwicklung mit dieser hochmodernen Form der Gemischaufbereitung gesammelt haben."

Frage: "Mit dem neuen Motoren-Reglement hat die FIA die Weichen für die Rallye-Weltmeisterschaft neu gestellt. Weisen sie Ihres Erachtens in die richtige Richtung?"
Loriaux: "Ich denke schon. Dem Trend aus dem Serienmodell-Bereich hin zu Antrieben mit kleineren Hubräumen - das sogenannte 'Downsizing' - zu folgen, macht aus Sicht der in der Rallye-WM beteiligten Hersteller ebenso Sinn wie aus sportlichem Blickwinkel. Auch die Entscheidung, bei der Turboaufladung zu bleiben, weist den richtigen Weg. Diese Motoren klingen einfach aufregender, und der Sound eines Rallye-Boliden zählt zu den entscheidenden Kriterien, die die Faszination dieses Sports ausmachen."

Frage: "Wie hoch ist die Quote jener Teile, die der neue Fiesta RS WRC mit dem Fiesta S2000 gemeinsam hat?"
Loriaux: "Uns standen umfangreiche Daten zur Verfügung, die wir mit dem Fiesta S2000 in der sogenannten S-WRC und anderen internationalen Meisterschaften gesammelt haben. Auf dieser Basis konnten wir alle einzelnen Bereiche dieses Wettbewerbsmodells ausführlich analysieren und bewerten. Wo wir Potenzial für Verbesserungen fanden, haben wir dieses ausgeschöpft. Mit Ausnahme der Sicherheitszelle und des grundlegenden Chassis blieb dabei jedoch kaum ein Stein auf dem anderen. Rein optisch sehen viele Teile mit Sicherheit sehr ähnlich aus. Tatsächlich aber haben wir sie modifiziert, damit sie entweder leichter und/oder robuster sind oder uns einen anderen Zusatzvorteil bieten."

Frage: "Rein optisch unterscheidet sich die WRC-Version sehr deutlich vom seriennäheren Fiesta S2000. Warum ist das so?"
Loriaux: "Den Auftritt des Fiesta RS WRC haben wir gemeinsam mit den Designern von Ford Europa grundlegend neu gestaltet. Bei allen Karosseriemodifikationen war es uns wichtig, so viele Elemente des modernen ,kinetic Design' von Ford zu übernehmen wie möglich, denn diese Gestaltungsphilosophie zählt zu den wesentlichen Faktoren für den Erfolg unserer Serienmodelle."

"In Bereichen jedoch, die von großer Bedeutung für die Aerodynamik oder die Kühlung des Wettbewerbsfahrzeugs sind, mussten wir natürlich Kompromisse eingehen. Dennoch sind alle Beteiligten auf Seiten von M-Sport wie auch von Ford mit dem erreichten Ergebnis vollauf zufrieden."

Frage: "Ist der neue Fiesta RS WRC schwieriger zu fahren als der Ford Focus RS WRC?"
Loriaux: "Das neue Reglement sieht vor, dass wir uns mit den World Rally Cars auch technisch wieder mehr den Serienversionen annähern. Was die grundlegenden Eigenschaften der Karosserie oder des Fahrwerks betrifft, sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Generationen von Wettbewerbsfahrzeugen eher gering. Dafür müssen wir fortan auf so manche Technologie verzichten, die den Ford Focus RS WRC auszeichnete - zum Beispiel aktiv geregelte Mitteldifferenziale, die Startautomatik oder auch Schaltwippen am Lenkrad. Dies alles bedeutet: Das fahrerische Talent rückt wieder stärker in den Vordergrund."

Frage: "Mit anderen Worten: Die neue WRC-Generation kehrt die Unterschiede zwischen den Fahrern deutlicher hervor?"
Loriaux: "Beim Ford Focus RS WRC drückten die Fahrer zum Beispiel für den Start einen Knopf, der die Startautomatik aktivierte und auch die Kupplungsbetätigung optimal regelte. Jetzt müssen die Piloten die Traktion, die richtige Drehzahl, das perfekte Einkuppeln und das Heraufschalten der Gänge wieder selbst in die Hand nehmen, um sich optimal von der Startlichtschranke wegzukatapultieren. Sie haben also mehr Aufgaben zu lösen als bisher - und das ist auch gut so. Ein Fahrer, der Weltmeister werden will, sollte auch ohne Technologie im Hintergrund in der Lage sein, optimale Starts hinzulegen."

Frage: "Bedeutet dieser Verzicht auf gewisse Funktionen im Umkehrschluss auch, dass sich die Ingenieur weniger einbringen konnten?"
Loriaux: "Nein, nicht wirklich. Das Verbot von Schaltwippen am Lenkrad zum Beispiel führte nur dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit, die uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und unser Knowhow in andere Bereiche investiert haben."

Frage: "Wie frustrierend ist es zu wissen, dass viele der cleveren Technologien, die Sie mit großem zeitlichem und finanziellem Aufwand für den Ford Focus RS WRC entwickelt haben, jetzt ein Fall für die Geschichtsbücher sind?"
Loriaux: "Sicher ist es schade, dass wir viele der Funktionen des Ford Focus RS WRC fortan nicht mehr einsetzen dürfen. Aber der Schnitt, den die FIA angesetzt hat, war richtig: Der Verzicht auf bestimmte technische Optionen reduziert die Kosten und hat zusätzliche Hersteller von der Teilnahme an der Rallye-WM überzeugt. Die neue Generation von World Rally Cars findet den Kompromiss zwischen vertretbaren Kosten und dem Abschied von unnötigem Ballast."

"Dinge wie die Startautomatik werden im Ford Focus RS WRC fortleben, nur eben nicht mehr auf WM-Ebene. Der neue Fiesta RS WRC zeichnet sich ebenfalls durch fortschrittliche Technologien aus, dies aber zu einem bezahlbareren Preis. Wir haben schon mehrere komplette Neufahrzeuge an Kunden verkaufen können."

Frage: "Welcher Testaufwand steckt zum Saisonbeginn im neuen Fiesta RS WRC?"
Loriaux: "Im März vergangenen Jahres konnten wir die Arbeit mit einem Fiesta S2000 aufnehmen, in den wir das 2,0-Liter-Turboaggregat des Ford Focus RS WRC installiert hatten. Das war der erste Fiesta RS WRC. Intensiviert haben wir die Testarbeit ab August, als uns der erste Fiesta mit 1,6-Liter-Turbomotor zur Verfügung stand, der allerdings noch nicht über die Benzindirekteinspritzung verfügte."

"Seitdem haben wir das neue Rallyefahrzeug auf Schotter und Asphalt in Großbritannien, Spanien und Frankreich weiter entwickelt, waren noch einmal für zusätzliche Schottertests in Portugal und haben die Schnee- und Eisabstimmung in Schweden erledigt. Insgesamt hat der neue Fiesta RS WRC bereits 11.000 Kilometer im Wettbewerbstempo zurückgelegt."

Frage: "Welche Fahrer haben das neue Gerät während der Testfahrten bewegt?"
Loriaux: "Am Anfang kamen so erfahrene Piloten wie Henning Solberg, Matthew Wilson, P-G Andersson und Andreas Mikkelsen zum Einsatz - sogar Malcolm Wilson, der Chef des Werksteams und seinerseits erfolgreicher Rallye-Fahrer, hat sich hinter das Lenkrad gesetzt. Gegen Ende, als es vor allem um Abstimmungsarbeiten ging, haben dann Mikko Hirvonen und Jari-Matti Latvala übernommen."

Frage: "Wie konkurrenzfähig wird der neue Ford Fiesta RS WRC sein?"
Loriaux: "Jeder Einzelne in unserem Team hat es sich zum Ziel gesetzt, dass wir mit dem neuen Wagen um die WM-Titel kämpfen. Wir sind fest davon überzeugt, dass uns mit dem Fiesta RS WRC ein großartiges Wettbewerbsfahrzeug zur Verfügung steht - noch aber fehlt uns jeder Vergleichsmaßstab. Zuvor konnten wir neue Versionen des Ford Focus RS am jeweiligen Vorgänger messen. Aufgrund des umfassend neu formulierten Reglements ist dies jedoch nicht möglich. Wir werden warten müssen bis zur Rallye Schweden. Erst dann sehen wir, wo wir mit dem Fiesta RS WRC wirklich stehen."

Fotoquelle: Ford

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