Sebastien Ogier (re.) und Julien Ingrassia (li.) sind ein eingespieltes Team

Rallye 2013

— 04.10.2013

Ogier & Ingrassia im Doppelinterview

Die neuen Rallye-Weltmeister Sebastien Ogier und Julien Ingrassia sind ein perfekt eingespieltes Gespann - Ein Doppelinterview mit dem erfolgreichen Duo

Sie sind die Shootingstars der FIA Rallye Weltmeisterschaft (WRC): Sebastien Ogier und Julien Ingrassia gewannen in ihrem Debtjahr in der Nachwuchsklasse JWRC 2008 auf Anhieb den Titel und feierten 2010, in ihrer erst zweiten vollen Saison in einem World-Rally-Car, ihre ersten Laufsiege in der Knigsklasse des Rallye-Sports. In diesem Jahr, der ersten Saison des Polo R WRC, erreichten sie ihr groes Ziel und gewannen ausgerechnet bei ihrer Heim-Rallye in Frankreich ihre erste Rallye-Weltmeisterschaft. Ein Interview mit den neuen Gipfelstrmern der Rallye-WM.

Frage: "Sebastien, Julien, ihr seid zum ersten Mal Rallye-Weltmeister geworden - und das auch noch in eurem ersten Jahr im Polo R WRC. Was bedeutet euch dieser Erfolg?"
Sebastien Ogier: "Ich bin einfach berglcklich! Ich knnte die ganze Welt umarmen, das Gefhl ist einfach unbeschreiblich. Den Weltmeistertitel ausgerechnet in Frankreich gewonnen zu haben, ist ein Traum, der in Erfllung geht.

"Als kleiner Junge habe ich mit meinem Vater in meiner Heimat Gap die Autos und Top-Fahrer bei der Rallye Monte Carlo bestaunt - und jetzt bin ich mit Julien selbst Rallye-Weltmeister, verrckt. Was wir erreicht haben, ist fantastisch. Wenn wir nun auch noch in der Herstellerwertung am Ende Erster sein sollten, wre das sicher eine magische, perfekte Saison."

Julien Ingrassia: "Vielleicht der schnste Tag in meinem Leben, in meiner Karriere bestimmt! Wenn mir am Anfang der Saison jemand gesagt htte, dass Seb und ich zwei Rennen vor Schluss Weltmeister sind - den htte ich sofort fr verrckt erklrt. In Australien waren wir ja schon so dicht dran, aber nun ist der Titelgewinn Wirklichkeit geworden."

Frage: "Apropos Australien: Bis wenige Meter vor dem Ziel saht ihr schon wie die sicheren Weltmeister aus. Wie hat sich das angefhlt, die Rallye und die Power Stage dominiert und den WM-Titel dann pltzlich doch noch nicht gewonnen zu haben?"
Ogier: "Das hat sich schon etwas seltsam angefhlt. Wir hatten gewonnen, aber den frhzeitigen Gewinn der Weltmeisterschaft um einen Punkt verpasst. Trotzdem war es eine tolle Rallye, sowohl fr Volkswagen als auch fr Julien und mich. Deshalb war uns auch sehr schnell klar: Es fehlt nur noch der letzte Schritt, der Job ist zu 99 Prozent erledigt."

Ingrassia: "Der Funkspruch nach dem Ende der letzten Wertungsprfung war schon kurios: 'Glckwunsch Jungs, ihr habt die Rallye gewonnen. Aber auf die Meisterschaft msst ihr noch warten.' Wir waren eigentlich das ganze Wochenende die 'virtuellen' Champions - und dann das. Aber 19 von 22 Wertungsprfungen zu gewinnen, das gelingt einem in der Rallye-Weltmeisterschaft auch nicht alle Tage. Insofern hat die Freude kurze Zeit spter schon wieder deutlich berwogen."

Frage: "Davon abgesehen: Was war der verrckteste Moment in dieser Saison?"
Ingrassia: "In jedem Fall das Viehgatter in Mexiko. Das war wirklich ein surrealer Moment. Glcklicherweise haben wir die Rallye trotzdem gewonnen und konnten danach herzlich darber lachen. Vor allem als wir nach der Zieldurchfahrt in den Servicepark zurckkehren wollten und das Team die Einfahrt zu unserem Platz zugesperrt hatte."

Ogier: "Oh ja! So etwas ist mir noch nie passiert, das war eine ganz schne berraschung, als wir pltzlich vor einem verschlossen Gatter standen. Ich habe versucht, es mit dem Auto aufzudrcken, aber man konnte es nur aufziehen. Also ist Julien aus dem Auto gesprungen, hat es aufgemacht und wir sind durch. Ich wusste, dass man uns die Zeit gutschreiben wrde, weil es sich um ein Vorkommnis auerhalb unserer Kontrolle handelte. Letztendlich war es kein groes Problem."

Seit acht Jahren ein erfolgreiches Team

Frage: "Seit acht Jahren seid ihr nun ein Team. Was war der schnste Moment in eurer Karriere bisher, vom Titelgewinn einmal abgesehen?"
Ogier: "Mein Sieg in Schweden in diesem Jahr. Das war einfach eine perfekte Rallye und der erste Sieg mit Volkswagen. Wir hatten ein groartiges Duell mit Sebastien Loeb, er hat viel Druck auf uns ausgebt, sodass wir berall 'volle Pulle' fahren mussten. Auerdem wird mein erster Sieg in Portugal 2010 fr immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben."

Ingrassia: "In diesem Jahr war es sicher der Sieg in Schweden. Es ist ohnehin schon nicht leicht, dort zu gewinnen, aber das war wirklich etwas ganz Besonderes. Und in Monte Carlo hatten wir wahrscheinlich den grten Druck unserer Karriere."

Frage: "Und woran erinnert ihr euch nicht so gern?"
Ogier: "Der schlimmste Moment war mein Crash bei der Rallye Monte Carlo 2012. Wenn das Auto bei 160 Stundenkilometern ausbricht und du auf die Bume zuschiet - da kannst Du nur hoffen, dass nichts allzu Schlimmes passiert. Das brauche ich nie wieder."

Frage: "Wann habt ihr euch eigentlich das erste Mal getroffen?"
Ogier: "Das muss kurz nach der Rally Jeunes Ende 2005 gewesen sein, richtig? Julien hat damals zugeschaut und wohl geguckt, ob ein besonders schneller Fahrer dabei ist. Ich habe den Wettbewerb als Bester unter einigen tausend Mitbewerbern am Ende gewonnen. Das hat fr ihn den Ausschlag gegeben."

Ingrassia: "Der Schnellste zu sein, war bestimmt kein Hinderungsgrund (lacht). Ich hatte damals schon ein paar Jahre Erfahrung als Beifahrer gesammelt. Seb hat nicht nur fahrerisch, sondern auch mit seiner Willensstrke aus der Menge herausgeragt. Der Sieger bekam einen Startplatz im Peugeot-206-Cup, also habe ich dort angefragt, ob ich Sebs Co-Pilot werden kann. Schon beim ersten Treffen haben wir uns gut verstanden und beschlossen, es miteinander zu versuchen."

Unterschiedliche Charaktere

Frage: "Klingt ja fast wie Liebe auf den ersten Blick?"
Ogier: (lacht) "Nein, so schlimm war es nun auch nicht. Aber im Ernst: Wir sind schon zwei unterschiedliche Charaktere. Ich bin vielleicht etwas emotionaler und temperamentvoller im Cockpit. Julien holt mich mit seiner beruhigenden Art dann ab und zu wieder auf den Boden zurck. Wir ergnzen uns perfekt, verstehen uns blind."

Ingrassia: "Beim Feiern ist Seb sicher temperamentvoller, aber im Auto bleibt er meist gelassen und cool. Er hat die Fhigkeit, seine Umgebung komplett auszublenden und sich nur auf das Fahren und die Ansagen zu konzentrieren. Das ist eine seiner Strken, die ich bewundere und die sicher ein Schlssel fr unseren Erfolg sind."

Ogier: "Danke fr die Blumen, aber ohne guten Co-Piloten ist der beste Rallyefahrer nichts. Julien und ich verstehen uns ohne Worte, wahrscheinlich knnten wir auch mit Zeichensprache fahren. Fast so wichtig wie ein guter Aufschrieb ist aber Juliens Organisationstalent. Er fhrt akribisch Zeitplan zu jedem Rallye-Wochenende. Er wei, wann wir morgens los mssen, wann PR-Termine warten oder um welche Uhrzeit das Teambriefing ansteht. Ehrlich gesagt, bin ich in solchen Dingen manchmal etwas bequem."

Frage: "Was ist deine Lieblingswertungsprfung in der Rallye-WM und warum?"
Ogier: "Schwierige Frage, es gibt so viele schne Wertungsprfungen. Auf Asphalt 'Moulinet' bei der Rallye Monte Carlo und auf Schotter ohne Zweifel 'Ouninpohja' in Finnland. Die ist extrem schnell mit so vielen Sprngen, es macht einfach Spa da zu fahren."

Frage: "Was macht ihr in den letzten 30 Sekunden vor einer Prfung?"
Ogier: "Ich berprfe meine Sicherheitsgurte und lasse die Tr so lange auf wie mglich auf, um frische Luft zu bekommen. Ansonsten reine Konzentration. Julien und ich sprechen normalerweise in den letzten Sekunden vor dem Start nie miteinander. Jeder wei, was er zu tun hat."
Ingrassia: "Da passiert nicht mehr viel. Wir konzentrieren uns beide, schlieen die Tren und dann mache ich ab 15 Sekunden vor dem Start den Countdown."

Frage: "Mal abgesehen von deinem Co-Piloten, wer ist das wichtigste Mitglied im Team und warum?"
Ogier: "Rallye ist ein Mannschaftssport, jeder ist wichtig fr den Erfolg, ganz gleich ob Koch oder Mechaniker. Aber FX Demaison im Team zu haben ist besonders wichtig fr mich. Er ist der Vater des Polo R WRC - und er ist Franzose. Manchmal ist es einfach schn, mit ihm ein bisschen auf franzsisch zu parlieren."
Ingrassia: "Jeder ist wichtig. Wenn ein Mechaniker einen Fehler macht, fliegen wir von der Strecke. Wenn ein Ingenieur bei der Entwicklung des Autos etwas falsch macht, merken wir es im nchsten Jahr."

Frage: "Seid ihr aberglubisch? Wenn ja, nehmt ihr einen Talisman mit ins Auto?"
Ingrassia: "Nein, eigentlich gar nicht."
Ogier: "berhaupt nicht. Ich habe nichts im Auto, was ich nicht brauche. Das ist nur berflssiger Ballast."

Fotoquelle: Volkswagen

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