Umsteiger Robert Kubica ist einer der wenigen Stars der Rallye-WM

Rallye 2014

— 13.01.2014

Kubica in der WRC: Lernjahr auf offener Bühne

Bei der Rallye Monte Carlo startet Robert Kubica in seine erste volle WRC-Saison - In seinem Lernjahr steht der Pole im Mittelpunkt des Interesses

Vize-Weltmeister Thierry Neuville debütiert für das neue Team von Hyundai, Routinier Mikko Hirvonen kehrt nach zwei erfolglosen Jahren zu Ford zurück und das erfolgsverwöhnte Citroen-Team präsentiert sich mit Kris Meeke und Mads Östberg neu aufgestellt. Doch diese interessanten Entwicklungen werden bei der Rallye Monte Carlo (15. bis 18. Januar), dem Saisonauftakt der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) 2014 nur Randnotizen sein. Denn neben Weltmeister Sebastien Ogier wird vor allem ein WRC-Neuling im Mittelpunkt des Interesses stehen: Robert Kubica.

Der 29-Jährige hat nach seinem Titelgewinn in der WRC2 in dieser Saison den Aufstieg in die "Erste Liga" des Rallyesports geschafft und wird mit einem vom britischen M-Sport eingesetzten Ford Fiesta RS WRC seine erste komplette Saison in der WRC bestreiten. "Ein neues Kapitel in meine Rallye-Karriere beginnt", sagt der Pole vor seinem ersten Start bei der Rallye Monte Carlo. Ein Kapitel, welches im Grunde vor über drei Jahren bei einem Gaststart im Rallyeauto begann.

Rückblende: Anfang 2011 war Kubica einer der vielversprechendsten Fahrer in der Formel 1. Der Sieger des Großen Preis von Kanada 2008 fuhr bei Renault (heute Lotus) für ein aufstrebendes Team und hatte bei den ersten Wintertests mit einer Bestzeit seine persönlichen Ambitionen und die des Teams unterstrichen. Doch der 6. Februar 2011 sollte Kubicas Leben für immer verändern. An diesem Tag wollte der Pole bei einem Start bei der Ronde di Andora, einer kleinen Rallye in Italien, vom Formel-1-Stress entspannen.

Erfolgreicher Wechsel in den Rallyesport

Doch schon auf der ersten Wertungsprüfung verunglückte Kubica auf verhängnisvolle Weise. Der Skoda des Polen prallte gegen eine Leitplanke, die sich ins Auto bohrte und Kubica schwer am rechten Arm und rechten Bein verletzte. Sein Leben hing kurzzeitig am seidenen Faden, doch Kubica kam durch. Danach begann eine lange Leidenszeit. Kubica verpasste die komplette Saison 2011, ein Beinbruch Anfang 2012 warf ihn erneut zurück. Der Traum von der Formel 1 war - vorerst - ausgeträumt, da die Beweglichkeit seiner rechten Hand stark eingeschränkt ist.

Doch Kubica wollte seine Tage nicht nur auf der heimischen Couch oder im Reha-Zentrum verbringen. Der Racer wollte zurück auf die Strecke. Und so ging Kubica Ende 2012 wieder zurück auf die Rallye Piste. Bei kleineren Rallyes in Italien sammelte der Pole erste Fahrpraxis, im vergangenen Jahr wurde der Rallyesport dann zur Vollzeit-Beschäftigung. Und dabei ließ Kubica sein großes Fahrtalent aufblitzen.

Obwohl er über deutlich weniger Rallye-Erfahrung als viele seiner Konkurrenten verfügt, fuhr er mit seinem Citroen DS3 RRC sowohl bei den Einsätzen in der Rallye-Europameisterschaft als auch in der zweiten Liga der Rallye-WM auf Anhieb Spitzenzeiten. Nachdem er zu Beginn des Jahres noch mehrmals durch Unfälle ausschied, stabilisierten sich seine Leistungen zunehmend. Mit fünf Saisonsiegen sicherte sich der Mann aus Krakau letztlich souverän den WM-Titel in der WRC2.

M-Sport sichert sich die Dienste Kubicas

Zur Belohnung durfte Kubica beim Saisonfinale in Wales mit einem Citroen DS3 WRC des Werksteams starten, doch dieser Einsatz geriet zum Fiasko. Nach Missverständnissen mit seinem kurzfristig eingesprungenen Beifahrer Michele Ferrara war die Rallye nach zwei Überschlägen rasch beendet. Ein Dämpfer für Kubicas Rallye-Ambitionen sollte das wenig beeindruckende WRC-Debüt allerdings nicht sein.

Denn Kubica war längst ins Blickfeld von M-Sport-Teamchef Malcolm Wilson geraten. "Wir kennen Robert und glauben, dass wir ihm die richtigen Werkzeuge an die Hand geben können, um sich im Rallyesport weiterzuentwickeln", sagte der Brite. Kubica, der schon im vergangenen Jahr mehrfach klargemacht hatte, dass nur ein WRC-Auto das richtige Arbeitsgerät für ihn ist, ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen und unterschrieb bei M-Sport. Somit war seine erste volle WRC-Saison unter Dach und Fach. Dafür sicherte sich Kubica die Dienste seines erfahrenen Landsmanns Maciej Szczepaniak, der auf dem Beifahrersitz Platz nehmen wird.

Am Mittwoch beginnt nun mit dem Shakedown der Rallye Monte Carlo für Kubica das Abenteuer WRC. "Das ist eine große Herausforderung, die man nie unterschätzen sollte. Da ich zum ersten Mal dort teilnehme, möchte ich wichtige Erfahrungen sammeln", dämpft Kubica im Vorfeld die Erwartungen. Diese wurden nach seinem Sieg bei der Jänner-Rallye im Rahmen der Rallye Europameisterschaft, wo Kubica erstmals am Steuer eines Ford Fiesta RRC saß, sicherlich nicht geringer.

Grönholm traut Kubica Erfolge zu

Dennoch warnt der zweimalige Weltmeister Marcus Grönholm davor, zu viel vom Polen zu erwarten. "Wir müssen ihm Zeit zum Lernen geben", mahnt der Finne. Ob Fans und Medien Kubica diese Zeit geben werden, bleibt allerdings abzuwarten. Fest steht, dass der Neuling von Beginn an im Mittelpunkt des Interesses stehen wird. Denn für die Rallye-WM, der außer dem neuen Dominator Ogier echte Stars fehlen, ist der ehemalige Formel-1-Pilot in puncto öffentliche Wahrnehmung und Medienpräsenz ein Segen.

Dies war schon bei der Jänner-Rallye zu beobachten. Nachdem in den vergangenen Jahren nur wenige Medienvertreter am Jahresanfang die Reise nach Österreich angetreten hatten, war es in diesem Jahr im Pressezentrum deutlich voller. Doch das Interesse am potenziellen WRC-Star verpuffte. Mit Ausnahme der offiziellen Pressekonferenzen schirmt sich Kubica seit Jahresbeginn vor den Medien ab, weil er sich völlig auf die Vorbereitung der WRC-Saison konzentrieren möchte. Ein deutliches Indiz dafür, dass es dem 29-Jährigen, der ohnehin kein Mann großer Worte ist, im Rallyesport um Resultate und nicht um Publicity geht.

Doch was kann Kubica in seiner ersten vollen WRC-Saison erreichen? Während er selbst vor allem das neue Auto und einige für ihn neue Rallyes kennenlernen will, traut ihm Grönholm durchaus Spitzenresultate zu. Am Talent des Polen hat er jedenfalls keine Zweifel. "Alles ist möglich. Ich denke, er ist schnell genug", meint der Finne. Allerdings kann die WRC für ehemalige Formel-1-Piloten auch ein schwieriges Pflaster sein. Diese Erfahrung machte Kimi Räikkönen, der 2010 und 2011 in der Rallye-WM antrat.

Auf den Aufschrieb kommt es an

Eine einzige Wertungsprüfungs-Bestzeit, ein fünfter Platz als bestes Resultat und zahlreiche Abflüge - so lautete nach zwei Jahren die Bilanz des Formel-1-Weltmeisters von 2007, der sich anschließend wieder auf seine Tugenden besann und - mit größerem Erfolg - in die Formel 1 zurückkehrte. "Kimi fiel es schwer, auf den Beifahrer zu hören und sich auf den Aufschrieb zu verlassen", analysiert Grönholm die Schwierigkeiten seines Landsmanns.

Genau das wird seiner Ansicht nach beim Lernprozess in der WRC auch für Kubica entscheidend sein. "Er muss an seinem Aufschrieb arbeiten. Das wird das größte Problem sein", erwartet Altmeister Grönholm. "Sie können das Auto fahren, das ist kein Problem für sie. Aber dann auf Anhieb schnell zu fahren, nach nur zwei Durchgängen in der Recce zwei Tage zuvor... Das ist nicht das gleiche wie ein Training auf der Rundstrecke", erklärt der Finne den Unterschied zwischen der Formel 1 und dem Rallyesport.

"Dieses Jahr wird eine große Herausforderung in der Rallye-WM, in der ich mit den besten Fahrern bei für mich neuen Rallyes kämpfen werde", blickt Kubica voraus auf die Saison 2014. Und wenn jemand kämpfen kann, dann der 29-Jährige, der es im Laufe seiner Karriere oft nicht leicht hatte, und der den Traum von einer Rückkehr in die Formel 1 noch nicht ausgeträumt hat. "Die Zeit spielt gar nicht so eine große Rolle. Wenn mir jemand sagen würde, dass ich in zehn Jahren noch mal einen Schritt vorwärts machen würde, dann warte ich eben zehn Jahre", so Kubica über ein mögliches Comeback im Grand-Prix-Sport.

Fotoquelle: FIA ERC

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