Rallye Dakar 2005

Rallye Dakar 2005 Rallye Dakar 2005

Rallye Dakar 2005

— 24.01.2005

Eine wüste Erfahrung

9000 Kilometer voller Entbehrungen: AUTO BILD-Redakteur Michael Specht wühlte sich durch den Sand der Dakar. Erlebnisbericht von der härtesten Rallye der Welt.

Wahnsinnstour durch die Wüste

Du wirst im Schmutz liegen, auf dem Boden essen und mit Hakle feucht hinter einem kargen Busch hocken, sofern einer da ist. Dazu kommen Schlafentzug, Staub, viel Staub, Hitze am Tag und Kälte in der Nacht. Der ewige Sand verfilzt die Haare, er sitzt in den Augen, in der Nase, in den Ohren, in der Lunge. Zwei Wochen und 9000 Kilometer lang. Das Ganze nennt sich Rallye Dakar. Danach wirst du merken, wie wenig du zum Leben brauchst, dich freuen, warm zu duschen, auf eine richtige Toilette zu gehen, in einem Bett zu liegen und – eine Privatsphäre zu haben.

Tolle Aussichten sind das ja, mit der mich alte Wüstenfüchse, die die Dakar schon öfter durchlebt haben, belehren. Die berühmteste Rallye der Welt. Für viele Abenteurer und – besonders Endurofahrer – ein unerreichbarer Traum, für manche jedoch ein Alptraum. Immer wieder ist berichtet worden, wie brutal lang und schwierig die Etappen sind, daß es Verletzte und sogar Tote gibt. Jetzt habe ich sie selbst vor mir, diese Wahnsinnstour. Oder besser Tortur?

Durch Marokko, Mauretanien, Mali und den Senegal. Immer dem Kompaß nach. Über Geröll, Dünen und zerfurchte Wege, durch ausgewaschene Flußbetten und endloses Ödland. Für den Hardcore-Offroader im Land Rover oder G-Modell mag das Ostern, Weihnachten und Geburtstag zugleich sein. Aber in einem VW Touareg? Auch da schüttelten die Dakar-Profis nur bedenklich den Kopf. "Damit holt Mama den Nachwuchs vom Golfclub ab. Aber Dakar? Könnte eng werden."

Unmenschliche Tages-Etappen

Die ersten Bewährungsproben beginnen in Mauretanien, mit den Ausläufern der Sahara. Für Offroadfahrer das Paradies. Sand und Geröll, soweit das Auge reicht. Kein Busch, kein Baum, hier könnte auch die Mondlandung gedreht worden sein. Daß Menschen in dieser Einöde leben können, ist nur schwer zu begreifen. Ebenso, daß wir uns nun auf ein paar Zahlen auf dem Display unseres GPS verlassen müssen.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, auch wirklich nach 234 Grad abzubiegen, nur weil es der Pfeil so will. Weil da irgendwo in zehn oder auch 50 Kilometern ein alter Lkw-Reifen im Sand liegt, der im Roadbook als nächster Punkt markiert ist. Aber es klappt, und die Freude ist jedesmal riesengroß.

Weniger erfreulich sind die täglichen Etappen. Zwischen 400 und 700 Kilometer. Unmenschlich. Die Konzentration läßt nach, es passieren Fehler. Langsamer fahren wiederum kostet Zeit. Und nichts ist in der Wüste schlimmer, als in die Dunkelheit zu geraten. Die Sicht ist gleich null, die Orientierung ebenfalls.

Über Schotter schaffen wir tagsüber 100 km/h, loser Sand geht mit 60, Geröll gerade mal mit 20 km/h, manchmal auch noch langsamer. Fußballgroße Steine setzen dem Touareg arg zu, schlagen brutal gegen die Unterbodenplatte. Ohne die Panzerung wäre hier schon Schluß. Ich bin überrascht: Auch schwierige Passagen scheinen dem Wagen nichts anhaben zu können. Bisher mußte ich weder die Untersetzung noch Differentialsperren einschalten.

Aber der dickste Brocken liegt noch vor uns: Dünen, mächtig, in wunderschönen Formationen, leider aber auch tückisch. Und mit seinen 2,5 Tonnen samt schwerem V10 auf der Vorderachse zählen die Sandberge nicht gerade zu den Paradedisziplinen. Eine einzige Unachtsamkeit kann hier das Aus der Rallye bedeuten. Ende Gelände.

Angeknackste Radaufhängung

Dünen verlangen perfektes Fahren. Richtiger Gang, richtiges Tempo, immer auf dem Gas bleiben, Luftdruck auf 0,8 Bar (von 2,2) absenken, sonst geht gar nichts. Halten nur oben auf dem Gipfel – und dann immer mit der Front hangabwärts. Doch manchmal reicht eben auch das nicht. Weil die Angst kommt, Angst, in diesem puderzuckerweichen Sand steckenzubleiben. Wo Hunderte von Kilometer nichts mehr kommt. Am wenigsten Hilfe.

Plötzlich werden die Dünen enger und unübersichtlicher, bilden tiefe Trichter und steile Kämme. Dazu der Wind. Er macht das Lesen ungemein schwer. Wo ist der Sand weich, wo tragfähig? Es erwischt uns kurz vor Schluß. Ich habe eine Kante zu spät gesehen. Jetzt noch abrupt zu lenken, wäre fatal, der Wagen würde seitwärts den Hang hinunterkegeln. Eine Entscheidung von Zehntelsekunden. Schon kippt der Touareg über den Dünenrand, schlägt vorn links hart auf. Mit Mühe erreichen wir flaches Gelände und müssen feststellen: Feierabend. Angeknackste Radaufhängung. Tief steht das Rad im Kotflügel. Was nun? Hier den Tag verstreichen lassen und übernachten? Nein, auf keinen Fall. Aber wer das soll hier reparieren?

Wir entschließen uns, ganz vorsichtig weiterzurollen, 120 Kilometer bis zum nächsten Ort. Doch mehr als zehn km/h sind nicht drin. Durch eine nicht enden wollende Steinwüste. Jeder Schlag geht tief ins Mark, jedes Loch könnte der Aufhängung den Rest geben. Und es sind noch zigtausend Löcher. Ich komme mir vor wie ein humpelndes Pferd mit gebrochenem Vorderlauf. Doch der kranke Touareg hält tatsächlich durch. Spät in der Nacht erreichen wir, völlig erschöpft und müde, Atar.

Die Angst vor den Dünen bleibt

Atar gehört mit seinem Müll, der Mischung aus Gestank und Stickigkeit zu jenen Kaffs in der Wüste, die jeder Reisende nur allzuschnell hinter sich lassen möchte, bevor ihn Erstickungsanfälle oder Durchfall zwingen zu bleiben. Genau hier macht die Rallye einen Tag Pause, um das restliche Material einzusammeln und den Haufen Geschundener wieder auf die Beine zu kriegen.

Wie jeden Tag gleicht auch hier das Biwak mehr einem Flüchtlings- denn einem Fahrerlager, zeigt, was die Teilnehmer durchgemacht haben. Überall im Sand liegen lädierte Teile: gebrochene Blattfedern, zerfetzte Reifen, kaputte Getriebe, verbogene Lenker, zerschlagene Windschutzscheiben. Die ganze Nacht rattern Stromgeneratoren, dröhnen Motoren, wird geschweißt, geflext und gehämmert. Doch wir freuen uns, weil der Touareg neue Federbeine erhält.

Welch ein Glück. Denn gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit empfängt die Wüste uns mit dem gefährlichen Kamelgras. Die Büschel sehen von außen weich und harmlos aus, doch darunter sind sie hart wie Beton. Ein Minenfeld, das dem Fahrwerk heftigste Schläge zufügt. Trotz der Erfahrung, die ich mittlerweile in der Wüste gesammelt habe, meine Angst vor den Dünen bleibt. "Die wird auch nie ganz verschwinden", tröstet mich VW-Motorsportchef Kris Nissen, "alle hier, auch die Profis, haben Angst davor."

Langsam biegen wir, zumindest gedanklich, auf die Zielgerade nach Dakar ein. Endspurt. Die Vegetation ändert sich, Afrika sieht nun teilweise so aus wie bei Daktari: von der Sonne verbranntes, fast weißes Gras, dornige Bäume, ähnlich einer Savanne. Dafür wird der Staub rötlich und die Wege schlechter. Tief zerfurcht und holprig. 14 Stunden hinterm Steuer werden Normalität. Die Kräfte lassen merklich nach. Der Rücken schmerzt. Den Körper bedeckt eine Schicht aus Schweiß und Schmutz. Doch plötzlich sind alle Entbehrungen und Strapazen vergessen: Dakar ist erreicht. Wir sehen den Atlantik. Was für ein angenehmes Gefühl.

Der AUTO-BILD-Touareg

Unser Touareg war ein V10-Diesel mit Pumpe-Düse-Direkteinspritzung und entsprach technisch dem Serienzustand (313 PS, 750 Newtonmeter). Für die Dakar erhielt er zusätzlich eine Unterbodenplatte, einen Überrollkäfig, Schalensitze, Sechspunktgurte und einen Zusatztank von 80 Litern.

Die Standardbereifung wurde gegen Goodrich-All-Terrain-Geländereifen der Größe 265/70 R 17 getauscht. Vorgeschrieben sind außerdem zwei Reserveräder, Sandbleche und Schaufeln sowie ein Satelliten-Navigationsgerät (GPS).

Der Allradantrieb läuft permanent. Im zentralen Differential sitzt eine Lamellenkupplung, die die Kraft 50:50 verteilt. Per Drehschalter auf der Mittelkonsole kann eine Untersetzung (Low Gear) gewählt sowie das Zentral- und Hinterachsdifferential gesperrt werden. Der Verbrauch betrug auf Asphalt durchschnittlich 15, im Gelände je nach Beanspruchung bis zu 25 Liter/100 Kilometer.

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