Rallye Dakar 2006: Hintergründe

Rallye Dakar 2006 Rallye Dakar 2006

Rallye Dakar 2006: Hintergründe

— 19.01.2006

Zuviel Sand im Getriebe

Ziel verfehlt: VW war bei der Rallye Dakar gut, für einen Triumph über Dauer-Champion Mitsubishi aber nicht gut genug. "Nur" Platz zwei statt des erhofften Siegs. Die Gründe.

Taktische und technische Defizite

Hinterher ist man immer schlauer. "Wir hätten mehr im tiefen Sand testen müssen", analysiert VW-Werkspilotin Jutta Kleinschmidt, während sie im Hotel "Le Meridien" am Stadtrand von Dakar auf die Zielankunft ihrer Teamkollegen wartet. "Dann wären wir Mitsubishi ebenbürtig gewesen." So mußte die Deutsche, die nach einem Aufhängungsbruch im Verlauf der elften Etappe ausgeschieden war, mit ansehen, wie zum elften Mal ein Mitsubishi als erster ins Ziel kam.

Ex-Ski-Rennläufer Luc Alphand feierte seinen größten Erfolg im Motorsport. Der Franzose profitierte allerdings vom Pech seines Teamkollegen und Landsmanns Stéphane Peterhansel. Der achtmalige Dakar-Sieger hatte nach Fahrfehler und Aufhängungsschaden seine überlegene Führung verloren. "Stéphane hat mir auch auf andere Weise zum Sieg verholfen", räumte Alphand ein. "Ich bin drei Tage lang durch die mauretanische Wüste hinter ihm hergefahren. Nur dadurch habe ich den Vorsprung auf den schnellsten VW herausgeholt."

Der deutsche Herausforderer verzeichnete gegenüber 2005 (Kleinschmidt auf Rang drei) eine Steigerung. Gut, aber weniger als der von Technikvorstand Prof. Wilfried Bockelmann geforderte Sieg. Das mit fünf Race-Touareg, 27 Begleitfahrzeugen sowie 84 Ingenieuren und Mechanikern größte Team am Start kassierte eine Niederlage, die sowohl taktische als auch technische Gründe hatte.

Falsche Reifen für tiefen Sand

So wählten die Wolfsburger – nach interner "Kampfabstimmung" – aus dem Angebot des gemeinsamen Partners BF Goodrich einen anderen Reifentyp ("N") als Mitsubishi ("Rock"). "Der hat im tiefen Sand nicht gut funktioniert", verriet VW-Pilot Carlos Sainz, "wir mußten oft anhalten und Luft ablassen oder zugeben."

Ein Centteil zerstörte die Hoffnungen von Bruno Saby auf seinen zweiten Dakar-Sieg nach 1993. Eine Verbindung zwischen Motor und Hauptspritleitung löste sich. Sein Race-Touareg versprühte kostbaren Diesel. "Uns war klar: So kommen wir nicht ins Ziel", berichtete Saby. Also folgte eine Reparatur. Weil der Stecker am extrem weit hinten eingebauten Motor nur mit einem Spezialwerkzeug zu erreichen ist, mußte der Franzose auf die im Wettbewerb mitfahrenden Mechaniker warten. Zeitverlust: fünf Stunden. Danach gehörte der benötigte Schraubenschlüssel in jedem Race-Touareg zur Bordausrüstung.

Größtes Problem war allerdings eine offensichtlich fehlerhafte Serie von Kühlerventilatoren. Diese wurden während des Ruhetages zur Rallye-Halbzeit zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Technikkomponenten planmäßig getauscht. Schon auf der nächsten Etappe versagten die Motoren der Lüfter in allen fünf Race-Touareg. Dramatisch steigende Kühlwassertemperaturen zwangen dann zu einer langsameren Gangart.

18 Minuten fehlten VW zum Sieg

Mit vier Etappensiegen auf den Rallye-ähnlichen Wertungsprüfungen außerhalb der Sahara war Ex- Rallye-Weltmeister Carlos Sainz auf Anhieb einer der schnellsten VW-Lenker. "Auch das Fahren in den Dünen hat er nach nur einem Tag draufgehabt", lobte sein deutscher Beifahrer Andreas Schulz. Was Schulz nicht sagte: Diese Erfahrung hätte Sainz bereits bei der UAE Desert Challenge in Dubai im November machen können, bei der fast ausschließlich in Dünen gefahren wurde. Aus "logistischen Gründen", so Teamdirektor Kris Nissen, hatte VW da auf den Start verzichtet.

Prompt war Sainz der erste der VW-Piloten, der im Sand steckenblieb. Rund eine halbe Stunde hing er fest. Möglicherweise überlastete "El Matador" dabei die Kupplung. Jedenfalls verrauchte das Teil am folgenden Tag nur wenige Kilometer nach dem Start. Für den fälligen Wechsel schleppte ein VW-Race-Truck den ehemaligen Rallyeweltmeister aus der Prüfung heraus – eine durchaus kritikwürdige Taktikentscheidung.

Das Etappenziel erreichten Sainz/Schulz zwar mit acht Stunden Verspätung mitten in der Nacht, aber noch im Zeitlimit. Der betreffende Race-Truck, einer von insgesamt nur zwei, wurde aber wegen Zeitüberschreitung disqualifiziert und stand fortan nicht mehr als schneller Service zur Verfügung. De Villiers/Thörner hatten von allen VW-Piloten die wenigsten Probleme. Am Ende fehlten ihnen 18 Minuten zum Sieg.

So lief die Rallye Dakar 2006. Alle Etappen im Überblick.

Jutta Kleinschmidt im Interview

AUTO BILD MOTORSPORT: Zum ersten Mal seit zehn Jahren sind Sie bei einer Rallye Dakar nicht ins Ziel gekommen. Enttäuscht? Jutta Kleinschmidt (43): Natürlich! Aber wenn ein Dutzend siegfähige Autos am Start sind, dann ist klar, daß einige Probleme haben werden. Diesmal hat es halt mich erwischt. Als wir das erste Mal im Sand steckengeblieben sind, war mir klar: Dieses Mal kann ich nicht gewinnen. Nach einem Problem mit den Kühlerventilatoren waren wir dann auch aus der Spitzengruppe raus. Das endgültige Aus durch das abgerissene Rad war nur das Tüpfelchen auf dem i.

War diese Rallye Dakar härter als in den vergangenen Jahren? Nein. Sie war anders, ja. Die Etappen in Europa waren härter, die Etappen südlich der Sahara auch. Aber dafür gab es nur drei richtige Dünen-Etappen. Das war mir zuwenig.

Es gab Kritik an Dakar-Veranstalter ASO, wegen der zwei Toten unter den Zuschauern ... Es war keine gute Idee, Etappen in dichtbevölkerten Gegenden südlich der Sahara zu fahren. Das ist für die Zuschauer gefährlich und für uns Piloten auch kein Spaß, weil man dauernd durch Zonen mit Geschwindigkeitsbegrenzung (50 km/h in Ortschaften; d. Red.) fahren muß. Die Rallye sollte in der Wüste stattfinden, dort gefährdet sie niemanden.

Wie sind Sie mit der Leistung Ihres Teams zufrieden? Natürlich kann man nicht ganz zufrieden sein, wenn man nicht gewinnt. Aber wir haben die Lücke zu Mitsubishi in fast allen Bereichen geschlossen, das ist ein großer Schritt nach vorn.

2003, bei der Gründung des Dakar-Teams von VW, waren Sie die Nummer eins. Inzwischen haben Sie Stars wie Carlos Sainz im Team. Wie kommen Sie damit zurecht? Der Nummer-eins-Status war nie mein Ziel. Mich hat 2003 die Aufgabe gereizt, ein Team mit aufzubauen. Schon 2004 hatte ich mit Bruno Saby einen gleichberechtigten Teamkollegen. Daß ich mich intern gegen starke Konkurrenz durchsetzen muß, ist normal. Damit habe ich kein Problem.

Autor: Christian Schön

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