Rallye-Interview mit Jari-Matti Latvala

"Loeb ist schlagbar" "Loeb ist schlagbar"

Rallye-Interview mit Jari-Matti Latvala

— 23.04.2010

"Loeb ist schlagbar"

Ford-Werksfahrer Jari-Matti Latvala (25) spricht im Interview mit ABMS über seine Anfänge im Motorsport, die Erfahrungen auf der Nordschleife und wie er Weltmeister Sébastien Loeb schlagen will.

ABMS: Sie sind heute zum ersten Mal auf der berühmten Nordschleife ein Rennen gefahren – wie war es?
Latvala: Es war eine sehr interessante Erfahrung. Die Nordschleife ist sehr anspruchsvoll. Ich brauchte ungefähr acht Runden, bevor mir der Streckenverlauf geläufig war. Aber wenn du erstmal die einzelnen Kurven kennst, kannst du immer schneller fahren und es wirklich genießen. Doch es ist sehr schwierig, sich die unterschiedlichen Passagen zu merken. Aber auf den letzten Runden war ich schon sehr zufrieden.

Wollen Sie noch mal so ein Rennen fahren?

Ja, ich werde beim 24-Stunden-Rennen an den Start gehen. Somit habe ich eine zweite Gelegenheit, die Nordschleife zu erleben. Mit dem selben Team und dem selben Auto.

Was hat Sie an dem Auftrag gereizt?

Dadurch kann ich mehr Erfahrung auf Asphalt sammeln, die ich für die Rallye-Weltmeisterschaft brauche. Denn auf diesem Straßenbelag muss ich mich noch verbessern. Die Nordschleife ist für mich wie eine extrem lange und extrem schnelle Wertungsprüfung. Also eine gute Übung.

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Debut auf der Rundstrecke: Jari-Matti Latvala beim VLN-Rennen auf der Nordschleife.

Das war also ihr erstes Rundstreckenrennen?

Ja, das war in diesem Sinne mein erstes Rennen – und eine ganz neue Erfahrung. Ich habe viele Autos überholt und andere haben mich überholt.

Lassen sich Elemente aus dem Rallyesport auf die Rundstrecke übertragen?
Grundsätzlich ist das Fahren auf Asphalt in der Rallye und auf Rundstrecken gleich. Der Unterschied ist, dass man eben nicht allein ist. Du solltest immer in den Rückspiegel gucken und Platz für die schnellen Sportwagen lassen. Als Fahrer musst du auf viele Dinge zusätzlich und gleichzeitig achten.

Wie zufrieden waren Sie mit dem Focus RS?
Der Ford Focus RS hat gut funktioniert. Nur die Abstimmung war etwas zu weich. Aber für das 24-Stunden-Rennen arbeiten wir noch an einer etwas anderen Abstimmung, mit der wir noch schneller sein werden.

Haben die anderen das auch so empfunden?
Ja. Auf der Nordschleife kommt es darauf an, mit dem Fahrwerks-Setup nicht zu sehr in Richtung hart zu gehen. Deshalb haben wir erst einmal mit einer weicheren Abstimmung angefangen.

Wie klappte die Arbeit mit dem Team?

Das Team der Fachhochschule Köln arbeitet professionell. Das war sehr gut und hat mir die Aufgabe erleichtert. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Wären Sie manchmal gern ein Formel 1-Fahrer geworden?
Mein Herz schlug schon immer für Rallyes – auch, weil mein Vater seit 30 Jahren Rallye fährt. Ich fand es immer spannender und aufregender. Aber auf der Nordschleife war es wirklich großartig. Das ist für mich interessanter als auf einem kürzeren Rundkurs.

Nicht mit Mikko im Konkurrenzkampf

Wie fing Ihre Karriere an?
Mein erstes kleines Auto bekam ich bereits mit vier Jahren, das erste richtige Rallyeauto mit acht.

Wie war das möglich? Wie kamen Sie an die Pedale und so weiter?
Mein Vater hat all diese Autos für mich gekauft und entsprechend modifiziert. Der Sitz rückte zum Beispiel ganz nah ans Lenkrad heran und ich hatte dicke Kissen in meinem Rücken.

Sind Ihre Freunde auch Rallyefahrer?
Ich kenne viele Leute in der Rallyeszene. Auch über meinen Vater. Doch meine engen Freunde machen eigentlich andere Dinge. Viele von ihnen haben mich natürlich bei meinen Einsätzen besucht und zugeguckt. Aber nur ein oder zwei Freunde gehen auch selber bei Rallyes an den Start.

Sie haben Anfang der Saison mitgeteilt bekommen, für Mikko Hirvonen zu fahren. Wie fühlt sich das an?
Ja, ich werde Mikko unterstützen. Ich hatte letztes Jahr eine schlimme Saison. Deshalb wollte das Team die Aufgabenverteilung für 2010 ändern. Ich wusste, dass ich an mir arbeiten muss. Uns sind einfach zu viele Unfälle passiert. Ich muss eine höhere Konstanz entwickeln, um einmal die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Malcolm Wilson hat mir die Situation erklärt, und es ist völlig in Ordnung für mich. Ich verstehe das sehr gut.

Wie sehr haben sie triumphiert, als Hirvonen bei der Rallye Jordanien hinter Ihnen zurückfiel?

Mikko ist ein sehr sehr konstanter Fahrer. Und er ist immer sehr schnell. Vielleicht hatte er in Jordanien nicht sein bestes Rallye-Wochenende. Aber ich habe mich sehr gefreut, mit Sébastien Loeb um den Sieg kämpfen zu können. Ich gucke nicht so sehr auf Mikko. Für mich ist es von viel größerer Bedeutung, auf Sébastien Loeb zu achten. Ich stehe nicht mit Mikko im Konkurrenzkampf – auch, weil wir in diesem Jahr erneut die Möglichkeit haben, um beide WM-Titel zu kämpfen.

Ich möchte fair kämpfen

Will hoch hinaus: Jari-Matti Latvala im Ford Focus WRC.

Das leidige Thema des Taktierens: Glauben Sie, dass Ihre Chancen auf einen Sieg größer gewesen wären, wenn Ogier nicht vor Loeb gestartet wäre?

Ja, ich denke, ich hätte eine bessere Chance gehabt und hätte Loeb stärker unter Druck setzen können. Denn wer als erster startet, leidet auch am meisten unter den staubigen Streckenverhältnissen – so wie ich am Samstag. Dann "fegst" du die Schotterprüfungen für die Nachfolgenden. Am deutlichsten wirkt sich dieser Nachteil zwischen dem ersten und dem zweiten Auto auf der Strecke aus. Es wäre trotzdem sehr schwer gewesen, zu gewinnen, denn Sébastien zählt zweifellos zu den besten Fahrern der Welt. Am Ende hätte ich mehr Druck machen können.

Was halten Sie überhaupt von dem Thema? Immerhin geht es bei Rundstreckenrennen auch in vieler Hinsicht um Taktik. Gehört dies nicht zum Motorsport dazu?

Ich mag Taktieren im Sport nicht so sehr. Ich möchte fair kämpfen und die Entscheidung auf den Wertungsprüfungen suchen. Aber die FIA hat für die nächste Rallye nun eine neue Regelung gefunden: Wer zu früh an einer Zeitkontrolle ankommt, bekommt zwar die entsprechende Zeitstrafe eingetragen, rückt aber in der Startreihenfolge nicht vor, sondern behält seine ursprüngliche Position. Vielleicht verhindert dies die eine oder andere taktische Überlegung. Ich denke, die Entscheidung der FIA war gut.

Ab 2011 wird es auch ein neues Technisches Reglement geben. Die bisherigen WRC werden in die Garagen gestellt, die neuen World Rally Cars mit 1,6-Liter-Turbomotoren basieren auf den jetzigen S2000-Boliden. Was glauben Sie hat das für Auswirkungen auf den Sport? Klingt ja doch nach dem Ende einer Ära wie damals mit den Gruppe-B-Autos.
Ja, es erinnert auch mich ein wenig an das Ende der Gruppe B. Aber damals folgten deutlich langsamere Gruppe-A-Fahrzeug, mit denen wir Rallyefahrer anfänglich nicht so toll driften konnten. Aber beim heutigen Reglements-Wechsel fällt der Sprung nicht so groß aus. Am Ende haben die Motoren etwas weniger Leistung, gleichzeitig werden die Autos aber auch einfacher sein. Es kann mit ihnen dadurch spannender werden. Sie sind nicht so schnell wie die aktuellen WRC, aber vielleicht geht es mit ihnen in Kurven ein bisschen mehr quer zur Sache. Das steigert den Unterhaltungswert für die Zuschauer. Für mich kam es vor allem darauf an, dass auch weiterhin Turbomotoren erlaubt sind. Ohne ihn wären die Autos zu weit weg von den Serienmodellen gewesen.

Sind Sie in die Entwicklung des neuen Fiesta eingebunden?

Der neue Fiesta wurde vor allem gemeinsam mit Mikko konstruiert. Ich werde im Laufe der Saison bei der Abstimmungsarbeit mithelfen.

Rallye Deutschland ist sehr gut organisiert

Schotterfans: Latvala (25) und Copilot Miikka Anttila (37) fuhren in Jordanien auf Rang zwei.

Ende August findet in Deutschland endlich wieder ein WM-Lauf statt. Was erwarten Sie? Zumal es eine reine Asphalt-Veranstaltung ist?

Die Rallye Deutschland ist sehr gut organisiert. Sie ist vor allem wegen des wechselhaften Wetters schwierig. Regennasse und trockene Prüfungen können sich jederzeit abwechseln. Und es wird viel "gecuttet", also in den Kurven abgekürzt, weshalb die Kurven mit jedem Auto immer schmutziger werden. Ich freue mich auf Baumholder – auf das Militärgelände. Ja, dort sind meine Lieblingprüfungen bei dieser Veranstaltung.

Aber die ist ganz schön anspruchsvoll…
Es geht hoch und runter und der Streckenbelag ändert fortlaufend seine Qualität. Es erinnert mich ein wenig an die Rallye Finnland. Natürlich nicht direkt.

Welche Prüfung mögen Sie gar nicht?
Ich mag jene Asphaltprüfungen nicht so sehr, auf denen viel gecuttet wird. Dies befördert unheimlich viel Gras und Dreck auf die Straße. Das verändert den Charakter der Strecke für nachfolgende Teilnehmer zu sehr.

Glauben Sie, dass Sie gegen Loeb eine Chance haben?
Sicher ist auch Sébastien Loeb schlagbar. Aber dafür muss alles zusammenarbeiten und perfekt funktionieren. Du als Fahrer musst fit sein, die Abstimmung des Autos muss 100-prozentig stimmen und die Wertungsprüfungen sollten möglichst schnell sein. Wenn alles stimmt, ist es möglich.

Was halten Sie von der Intercontinental Rally Challenge (IRC)?
Es ist gut, andere internationale Rallyeserien zu haben. Aber meines Erachtens muss die Weltmeisterschaft die Hauptattraktion bleiben. Auch wegen der vielen Teams und den Herstellern, die sich dort engagieren.

Würden Sie eine Zusammenlegung von IRC und WRC befürworten?
Nein, für mich sind es unterschiedliche Veranstaltungen. Und meiner Meinung nach sollten sie auch nicht miteinander in Konkurrenz treten.

Autor: Virginia Brusch

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