Rallye-Mitfahrt im Suzuki Ignis Super 1600

Rasen ist silber, Schotter ist gold Rasen ist silber, Schotter ist gold

Rallye-Mitfahrt im Suzuki Ignis Super 1600

— 25.10.2004

Rasen ist silber, Schotter ist gold

Völlig durchgedrifet: Im Rallye-Wagen mit 220 PS, 1000 Kilo Leergewicht und 180 kmh über Schotter – das geht ja noch. Aber auf dem Beifahrersitz?

Vor dem Vergnügen heißt es Dreckfressen

Achtung, er kommt. Hastig drehe ich mich weg. Zu spät. Staub, nichts als dreckiger Staub, in Nase, Augen und Mund. Niki Schelle (38), Suzuki Rallye Pilot, donnert auf mich zu. Geht vom Gas, zieht die Handbremse und dreht seinen knallgelben Suzuki Ignis Super 1600 um 180 Grad. Eine riesige Staubwolke aus feinem sardischen Sand und Geröll. Mittendrin ich, als lebender Dreckfänger. Vielen Dank.

Diverse Hustenanfälle später sehe ich wie durch Milchglas Niki Schelle amüsiert aus seinem Rallyewagen gucken. Er lacht und ich spucke. Wäre ich jetzt bei einer Heißluftballon-Jungfernfahrt, so wäre dieses vermutlich meine Taufe.

"Klopf dich erstmal ab, setz den Helm auf und dann komm ins Auto", sagt Schelle, dessen Co-Pilot ich heute sein soll. Vom Schmutz befreit, entere ich das karge Cockpit. Wie im Rallye-Einsatz checken draußen zwei Mechaniker Reifen und Karosse. Ein Laptop überprüft die inneren Werte des Werks-Suzuki. Vor uns liegt die wunderschöne Kulisse von Sardinien. Und die rund vier Kilometer lange Strecke. Wie sie schmeckt, weiß ich schon, wie sie sich an Board eines 220-PS-Rallye-Boliden anfühlt noch nicht.

Rund 350 Meter zum St. Antonio di Galiura geht es auf der ehemaligen Wertungsprüfung der italienischen Rallye-Meisterschaft hoch. "Ein schneller Kurs mit ein paar Ecken drin", sagt Schelle, während mir ein Mechaniker die roten Drei-Punkt-Gurte anlegt und den Boardfunk anstöpselt. Festgezurrt wie ein Jetpilot wird mir bewußt: Was jetzt passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand, und einen Schleudersitz gibt’s hier auch nicht…

Mit 180 über die Kuppe – Ausgang ungewiß

Der Mechaniker streckt den Daumen, schmeißt die Tür zu und Schelle, der sonst im Suzuki Ignis um Punkte in der Deutschen Rallye-Meisterschaft kämpft, legt den ersten von sechs Gängen ein. Der eben noch ruhig blubbernde 1,6-Liter-Vierzylinder kreischt, die Reifen drehen nur kurz durch, schmeißen krachende Steine in die Radkästen, und der Frontriebler prescht wie an einer Schnur gezogen los.

Erster Gang, klack, zweiter Gang, klack, 180 km/h und sechster Gang. So geht es auf die erste Linkskurve und ein Kuppe zu. Was dahinter kommt, sehe ich nicht. Dafür kann ich auf der Kuppenhöhe die Strecke förmlich schmecken. Der Suzuki wird ganz leicht, und mit meinem Magen scheint es nicht anders zu sein.

Wir heben ab und das mit über 180 Sachen – Wahnsinn. Zehn Meter weiter landen wir. Krachend. Längst nicht so hart wie erwartet, federt der Ignis durch. Grund ist das für Schotter weich abgestimmte Fahrwerk. Schelle tritt auf die Bremse, meinen Kopf reißt es brutal nach vorne, innerhalb von wenigen Metern bauen wir 100 km/h an Tempo ab und lenken in die erste enge Rechtskurve ein. Die ich orientierungslos erlebe und mein bayrischer Pilot mit Genuß im Drift nimmt.

Nachdem ich die Horizontlinie und Orientierung wieder gefunden habe, sind wir schon durch die folgende Rechtskurve durch und steuern auf dem gut vier Meter breiten Feldweg auf eine langgezogene Links zu. Um nicht wieder planlos durch die Kurve zu rauschen, spanne ich die Nackenmuskulatur kräftig an. Geschickt nutzt Schelle eine Spurrille und hakt den Ignis so am Kurveninneren ein, daß er fast wie auf Schienen mit 130 Sachen durch die Kurve fegt.

Alles im Grip: Suzuki-Pilot Niki Schelle

Überhaupt, je mehr ich meinen Fahrer beobachte, desto wohler fühle ich mich. Von Hektik ist bei Niki Schelle nichts zu sehen. Fast schon unspektakulär wirken die Bewegungen an seinem Sparco-Sportlenkrad. Gezielt schaltet und bremst er in Kurven ein. Bricht die gelbe Rakete aus, so fängt sie Schelle am Kurvenausgang mit einer Leichtigkeit wieder ein, daß mir bewußt wird, wie wenig ich mein Auto beherrsche. Alles wirkt einstudiert, wie die Bewegungen des Taktstocks eines Dirigenten.

Nach weiteren acht Kurven reißt Schelle das Lenkrad erneut rum, zieht die Handbremse und dreht so sein Arbeitsgerät in einer rund fünf Meter breiten Sackgasse um. Dann tritt er aufs Gas, jagt vier Gänge durch das sequentielle Getriebe und wir fliehen aus unserer eigenen Staubwolke dem Startpunkt entgegen.

Eineinhalb Minuten später stauben wir den nächsten Mitfahrer ein. Taufe perfekt, jetzt hat er das Vergnügen, sich durchschütteln zu lassen. Wir stehen, ich steige aus. Oder so. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi, und erst jetzt bemerke ich meinen rasenden Puls. Während der Fahrt hatte ich dafür keine Zeit. Im Gegensatz zu Niki Schelle. Der frisch gebackene Vize-Meister der Deutschen Super 1600-Rallye-Meisterschaft hätte vermutlich nebenbei eine Sinfonie schreiben können.

Autor: Arne Gottmann

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