Rallye Spanien

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Rallye Spanien

— 03.04.2002

Skandal im Sperrbezirk

Irre Fans und schlimme Organisation verursachen Chaos in Katalonien. Nur Peugeot lässt sich von gar nichts bremsen.

Gefahrenfaktor Falschparker

Die zehnte Sonderprüfung der Rallye Spanien: Seit eineinhalb Tagen hört Carlos Sainz die Anweisungen seines neuen Beifahrers Marc Marti. Dann vertraut der Spanier ihm so weit, dass er eine "Links voll" wirklich links voll fährt - und "blind". Tempo: 150 Sachen. Unvermittelt wächst vor ihm buchstäblich ein Auto aus der Straße. Sainz kann nicht mal mehr einen seiner derben Flüche rauspressen, reißt den Focus herum und kracht schwer gegen eine Felswand. Das Aus. Der Focus ist hinüber, der Falschparker dagegen blieb unversehrt.

"Ich habe das Hindernis erst im letzten Moment erkannt", tobte Sainz. "Wir sind ganz knapp einem Riesen-Unfall entgangen." Er hatte erst wenige Tage zuvor beim Testen einen Focus verschrottet. Und dabei vorerst seinen altgedienten Beifahrer Luis Moya nach 151 gemeinsamen Rallyes verloren (pausierte wegen Rippenbrüchen). Zuvor in Korsika der schwere Unfall mit Verletzung von Colin McRae, der keinesweg über die Amputation seines Fingerproblems sinniert, der Beinbruch von Freddy Loix zum Saisonauftakt, Sainz' Crash in die Zuschauer in Wales Ende 2001, davor der Korsika-Absturz von Mäkinen, an dessen Folgen Beifahrer Manisenmäki noch immer laboriert.

Die Rallye wird immer rauer. Auf Asphalt bleibt den Fahrern kaum noch Reaktionszeit. Jetzt auch noch die Gefahr durch die Fans, die Lokalheld Sainz (Ford) um alle Chancen brachten. Offen gesagt: Groß waren die sowieso nicht. Zu deutlich dominiert momentan Peugeot das sportliche Geschehen: mit drei Siegen in vier WM-Läufen und bereits 27 WM-Punkten Vorsprung auf Verfolger Ford. Dessen Flaggschiff Sainz wurde Opfer der eigenen Götzenanbetung.

Zu kurze Strecke für zu viel Masse

Um "El Matador" live zu sehen, waren seine Jünger Hunderte von Kilometern durchs Land gereist. Und sie verursachten ein Chaos, das letztlich zur Streichung von drei der geplanten 18 Wertungsprüfungen führte und die Rallye Spanien womöglich ihren WM-Status kosten wird. Der vierte WM-Lauf bildete den vorläufigen Höhepunkt einer langen Entwicklung, denn inzwischen sind Absagen von Wertungsprüfungen bei WM-Rallyes die Regel.

Die Ursache ist dabei nur bedingt in gestiegenen Zuschauerzahlen zu finden. Die nämlich bleiben in den meisten Ländern seit Jahren einigermaßen konstant. "Schuld sind vielmehr die Änderungen im Ablauf der WM-Rallyes", glaubt Sainz. Weil inzwischen regelmäßig Prüfungen mehrfach gefahren werden, ballen sich die Massen auf immer engerem Raum. Die Rallye Spanien hatte nominell 394 km Wertungsprüfung. Da aber alle WPs doppelt genutzt wurden, reichten 192 Kilometer Strecke netto.

Tummelplatz für 1,2 Millionen Drifthungrige, wie Rallyeleiter Aman Barfull schätzt. Selbst bei vorsichtig taxierten 300.000 Besuchern hätten sich am Samstag etwa 5400 Fans pro WP-Kilometer zusammengedrängt. Und die fanden in der bergigen Landschaft Nordspaniens - wie schon in den Seealpen bei der Rallye Monte Carlo oder auf Korsika - zu wenig geeignete Aussichtspunkte am Rande der Strecke vor.

"Dass die so dicht an der Straße stehen, ist keine böse Absicht", meint der zuletzt zweifache Sieger Gilles Panizzi. "Die wissen einfach nicht, wohin." Da nutzten auch aus Hubschraubern heraus verbreitete Sicherheitshinweise wenig. Neu war in Spanien nun, dass neben Stehplätzen auch Stellplätze fehlten. "Die am Streckenrand geparkten Autos haben uns überrascht", gab Rallyechef Barfull zu. Viele Fans fuhren schon am Vorabend in die Wertungsprüfung hinein, platzierten ihr Fahrzeug mehr oder weniger am Pistenrand und übernachteten im Zelt. Morgens standen 3000 Ordnungskräfte ratlos da.

Leitsysteme für Rallyes in Deutschland

"Was soll man auch machen, wenn die Zufahrtswege am nächsten Tag gesperrt werden?", verteidigte sich ein Sainz-Anhänger. Alternativen sind im Gebirge naturbedingt rar. Im Vorweg einer sehr beliebten Wertungsprüfung mussten 240 Auto abgeschleppt werden. Interessierte Beobachter der chaotischen Szenerie: eine 16-köpfige Abordnung der Rallye-Deutschland-Organisation. Sie war nach Lloret de Mar gereist, um die strukturellen Feinheiten einer WM-Rallye besser kennen zu lernen. Und wurde überzeugend darüber unterrichtet, welche Fehler sie bei der WM-Premiere vermeiden sollte.

"Wir hoffen, dass unser Zuschauer-Leitsystem besser mit so einer Menschenmenge fertig wird", sagte Henning Wünsch, unter dessen Regie die Wertungsprüfungen auf dem Truppenübungsplatz Baumholder ablaufen werden. Offiziell rechnet der ADAC als Veranstalter der Rallye Deutschland mit 200.000 Fans. Ein ähnliches Chaos wie in Spanien soll durch deutlich ausgeschilderte Anfahrtswege, großzügig angelegte Parkplätze und mit Shuttle-Bussen verhindert werden.

Unter dem Eindruck der jüngsten Vorkommnisse hat der Weltverband FIA verfügt, dass jeder WM-Veranstalter künftig ein detailliertes Sicherheitskonzept vorlegen muss, betreffend Zuschauer- und Parkplätze, Positionierung der Streckenposten und Rettungspläne. "Letztlich können wir aber nur an die Vernunft appellieren", meinte Rallye-Spanien-Organisator Aman Barfull beinahe resigniert.

Indes sieht WM-Pilot Armin Schwarz schon Fortschritte: "Die Fans stehen zwar immer noch sehr dicht an der Strecke", so der Spanien-Sieger des Jahres 1991, "aber sie versuchen wenigstens nicht mehr, unsere Autos zu berühren." Na, immerhin: So können sich Ford, Subaru, Mitsubishi & Co ja ihrem eigentlichen Problem widmen: Peugeot.

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