Ogier

Rallye-WM: Interview Sébastien Ogier

— 19.08.2016

"Absolut am Limit"

Der Rallye-Weltmeister zu den Ungerechtigkeiten des Reglements, zu den Herausforderungen der Rallye Deutschland und zu seiner neuen Rolle als Vater.

Sie haben die ersten beiden Rallyes des Jahres in Monte Carlo und Schweden gewonnen. Seitdem rennen Sie einem Sieg hinterher. Wie kommt das?

Durch die beiden Siege zu Beginn bin ich seit Saisonstart Tabellenführer. Laut Reglement starte ich deswegen jeweils als Erster. Dadurch spiele ich den Straßenfeger für meine Konkurrenten. Das ist bei Schotter-Rallyes ein großer Nachteil, weil die Ideallinie mit jedem Auto sauberer und damit griffiger wird. Bei den letzten sechs Rallyes war ich deswegen ohne echte Siegchance. 

Trotzdem konnten Sie die Tabellenführung verteidigen, starten bei der Rallye Deutschland an diesem Wochenende wieder als Erster  . . .

Niemand kann sich vorstellen, wie ich mich auf die erste Asphalt-Rallye des Jahres freue. Die Startposition eins ist auf Asphalt kein Nachteil, weil es keine Ideallinie zu säubern gibt. Nach sechs Monaten habe endlich wieder eine echte Siegchance. Entsprechend hoch ist meine Motivation, den Sieg aus dem Vorjahr zu wiederholen.  Sie haben die Regeln zur Startreihenfolge immer wieder scharf kritisiert, was Ihnen wiederum Spott von einigen Konkurrenten eingebracht hat.  Zustimmung haben Sie allerdings  unter anderem von Walter Röhrl und vom neunmaligen Weltmeister Sébastien Loeb bekommen. Wie gut tut das?   

Sébastien Ogier greift in Deutschland wieder an

Kaum ein Außenstehender kann nachvollziehen, wie schwierig das ist, bei einer Schotter-Rallye als Erster loszufahren. Mein Beifahrer Julien Ingrassia und ich fahren jedes Mal absolut am Limit. Wir riskieren sehr viel und haben trotzdem keine Siegchance. Dann ist es schon aufmunternd, von so großen Namen Unterstützung zu erhalten. Leute wie Röhrl und Loeb waren selbst in meiner Situation und können meine Kritik sehr gut nachvollziehen. Auch meine aktuellen Kollegen geben mir übrigens fast alle Recht – wenn ich privat mit ihnen rede.  

Momentan muss der Tabellenführer während zwei von drei Etappen als Erster losfahren. Sie nennen  das  Wettbewerbsverzerrung. Was wäre eine bessere Lösung?

Zunächst einmal muss man verstehen, dass mein Nachteil durch diese Regel noch nie so groß war wie dieses Jahr. In der Praxis fährt der Tabellenführer inzwischen etwa 80 Prozent der gesamten Wertungsprüfungen als Erster los, eine weitere Verschlechterung gegenüber 2014. Gleichzeitig sind meine Konkurrenten heute stärker als letztes Jahr. Die Spitze ist dichter zusammengerückt. Die Regel, den Tabellenführer massiv zu benachteiligen, brauchen wir nicht mehr. Ich hätte am liebsten das Qualifying wieder, das es ja noch 2013 gab. Wer bei der Trainingsprüfung vor dem Start die schnellste Zeit fährt, darf sich seine Startposition aussuchen. Das wäre die fairste Lösung. Ich könnte sehr gut damit leben, wenn nur noch am jeweils ersten Tag nach Tabellenstand gestartet wird, zur zweiten und dritten dann nach Zwischenergebnis. Dadurch könnte sich niemand nur aufgrund seiner Startposition schon am ersten Tag einen uneinholbaren Vorsprung herausfahren.  

Die Rallye Deutschland gilt unter Fahrern als besondere Herausforderung. Wieso?

Ogier bei seiner Leidenschaft

Die „Deutschland“ besteht eigentlich aus drei sehr unterschiedlichen Teilen. Da sind die extrem rauen Betonpisten auf dem Truppenübungsplatz Baumholder mit ständigem Wechsel zwischen hohen Geschwindigkeiten und scharfem Anbremsen vor rechtwinkligen Abzweigen. Gleichzeitig ist die Wertungsprüfung „Panzerplatte“ mit 40 Kilometern sehr lang. Hier muss man auf seine Reifen aufpassen. Die schmalen Weinbergpfade an der Mosel sind ebenfalls schnell. Durch die Weinberge dicht an der Piste sind viele Kurven nicht einzusehen. Man muss also blindes Vertrauen in den Aufschrieb und die Ansagen des Beifahrers haben. Ein drittes Element sind die breiten Landstraßen. Dieser häufige Rhythmuswechsel erfordert eine ständige Anpassung des Fahrstils. 

Welcher dieser drei Teile gefällt Ihnen am besten?

Fahrerisch mag ich die Landstraßen im Saarland am liebsten, weil hier eine sehr saubere Linie fast wie auf der Rennstrecke gefragt ist. Toll sind die Wege in den Weinbergen, weil das Gefühl für die irre Geschwindigkeit durch den Tunneleffekt extrem verstärkt wird. Baumholder hat seinen Reiz durch die große Anzahl von Zuschauern, die hier für eine ganz eigene Atmosphäre sorgen.   

Nach sechs Schotter-Rallyes in Folge: Wie schwierig ist die Umstellung jetzt  auf Asphalt?

Ich habe einen Tag lang vor der Rallye Deutschland getestet. Das reicht, um den Fahrstil wieder für Asphalt feinzutunen.

Mit dem 2016er oder dem 2017er Polo R WRC?

Ich bin beim Test beide Versionen gefahren. Den 2016er Polo R WRC, um mich auf die Rallye Deutschland vorzubereiten. Und das zukünftige Auto, weil wir mittlerweile in der entscheidenden Entwicklungsphase sind.  

Wie ist Ihr Eindruck vom 2017er Polo R WRC, der nach neuem Reglement rund 60 PS mehr hat und eine effektivere Aerodynamik aufweist?

Die neuen Autos machen definitiv mehr Spaß. Sie sind deutlich schneller. Durch die bessere Aerodynamik und das aktive Mitteldifferenzial sind sie außerdem vor allem in schnellen Kurven viel stabiler. Außerdem finde ich, dass auch der Motorsound aggressiver geworden ist. Ich freue mich auf den 2017er Polo R WRC. 

Die Rallye Deutschland ist außerdem das Heimspiel für Volkswagen. Ist der Druck höher als sonst?

Der Druck zu gewinnen, ist in einem Werksteam immer hoch. Bei der Rallye Deutschland ist er für mich persönlich vielleicht sogar etwas geringer, weil ich tatsächlich wieder eine realistische Siegchance habe. Auch mein Sieg 2015 hat etwas den Erfolgsdruck verringert. 

Wie weit ist eigentlich Ihr Plan fortgeschritten, einen Formel-1-Boliden zu testen?

Momentan ist nichts in dieser Richtung geplant. Natürlich würde ich gerne einmal einen Formel-1-Renner fahren. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, momentan bin ich sehr froh, wenn ich die Zeit zwischen den Rallyes mit meiner Familie verbringen kann. 

Seit Kurzem sind Sie Vater. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihr Sohn Tim in ein paar Jahren mit dem Plan kommt, Rallyefahrer zu werden?

Tja, ich wäre wahrscheinlich wenig glaubhaft, wenn ich es ihm verbieten würde, oder? Ich denke aber, meine Frau Andrea wird sicher versuchen, Tim in Richtung Tierarzt oder so zu bewegen. Vielleicht wird er ja auch ein super Fußballer. Aber darüber denken wir im Moment noch nicht nach. Wir sind einfach glückliche Eltern. 

Ihre eigenen Eltern sind bei fast jeder Rallye dabei. Wie wichtig ist ihre Unterstützung für Sie?

Spektakel bei der Rallye Deutschland

Weil ich aus keiner wohlhabenden Familie stamme, habe ich erst sehr spät mit dem Rallyesport angefangen. Meine Eltern haben mich in den ersten Jahren meiner Karriere unterstützt, wo immer es im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten machbar war. Dafür bin ich ihnen ewig dankbar. Sie zu Rallyes mitzunehmen, ist für mich so etwas wie die Rückzahlung. Außerdem ist es die beste Gelegenheit, überhaupt Zeit mit meinen Eltern zu verbringen. 

Haben Sie die Olympischen Spiele verfolgt, die am Sonntag zu Ende gehen?

Allzu viel habe ich nicht gesehen, muss ich zugeben. Natürlich habe ich mich in einigen Disziplinen für die französischen Sportler interessiert. Und natürlich war ich gespannt auf Sprint-Superstar Usain Bolt.   

Ihre Gattin Andrea Kaiser ist als Reporterin häufig bei Spielen der Fußball-Bundesliga. Haben Sie die Chance, sie gelegentlich zu begleiten?

Manchmal, ja. Dann gehen wir meistens zu Bayern München. Aber seit ich ein kleiner Junge bin, bin ich Fan von Olympique Marseille.   

Autor: Christian Schön

Fotos: Hersteller

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