VW

Rallye-WM: Jost Capito im Interview

— 22.04.2016

„Ogier ist noch nicht am Limit“

Volkswagen-Motorsportdirektor Jost Capito spricht mit AUTO BILD MOTORSPORT über die Siegesserie seines Teams in der Rallye-WM und Sébastien Ogier.

Seit 2012 ist Jost Capito (57) Motorsportdirektor bei Volkswagen. Der geborene Siegerländer führte das Team zu drei Marken-Weltmeisterschaften in Folge. Doch jetzt steht der Wechsel zum Formel-1-Rennstall McLaren bevor. Der perfekte Zeitpunkt, um im Gespräch mit AUTO BILD MOTORSPORT Bilanz zu ziehen.

Herr Capito, gibt's inzwischen einen Termin für Ihren Wechsel von Volkswagen zu McLaren?

Nein, noch nicht. Ich gehe, wenn hier bei Volkswagen die Nachfolge organisatorisch zu hundert Prozent geregelt ist. Klar schaue ich mir, wenn es geht, die Formel-1-Rennen an. Aber hier bei Volkswagen habe ich einen Full-Time-Job. Den mache ich zu 100 Prozent bis zum letzten Tag.

Sie haben mit Volkswagen in den letzten drei Jahren drei Titel in der Marken-WM gewonnen, außerdem mit Sébastien Ogier dreimal die Fahrer-WM geholt. Wieso verlässt man ein so erfolgreiches Team?

Jost Capito zieht es zu McLaren

Ich liebe schwierige Entscheidungen. Ferrari und McLaren sind die beiden Teams mit der größten Historie im gesamten Motorsport. Der Chance, für einen davon zu arbeiten, konnte ich nicht widerstehen. Der Wechsel zu McLaren ist vielleicht die größte Herausforderung meiner Karriere.

Haben Sie bei Volkswagen alles erreicht, was Sie sich bei Ihrem Einstieg 2012 vorgenommen haben?

Sogar mehr. Drei Marken- und drei Fahrer-Titel in drei Jahren, außerdem 37 Siege bei 42 Starts mit dem Polo R WRC in der Rallye-WM - damit habe ich nicht gerechnet. Für mich selbst war das vielleicht Wichtigste meiner Zeit bei Volkswagen, dass wir eine so starke Mannschaft mit einem tollen Teamgeist aufgebaut haben. Ich werde die Menschen bei Volkswagen Motorsport ebenso vermissen wie die im Vergleich zur Formel 1 sehr offene und kameradschaftliche Atmosphäre in der Rallye-WM.

Ist das etwas, was die Formel 1 von der Rallye lernen kann?

Ja. Professionalität kann auch Spaß machen, und muss sich nicht gegenseitig ausschließen. Ich glaube, dass die Leistung jedes Teams besser ist, wenn alle Beteiligten Spaß an der Arbeit haben.

Sie mussten bei Volkswagen in den letzten Jahren das teaminterne Duell zwischen Sébastien Ogier und Jari-Matti Latvala in den Griff kriegen. Eine gute Schule für Ihre Zukunft bei McLaren, wo Sie es mit Fernando Alonso und Jenson Button zu tun bekommen?

Capito feierte mit VW große Erfolge

Ich arbeite gerne mit Fahrern zusammen. Mich reizen starke Charaktere, die natürlich extrem egoistisch sind. Die Kunst eines guten Teamchefs ist es, das interne Verhältnis trotzdem so zu gestalten, dass jeder seine beste Leistung bringt.

Hauen Sie dabei gelegentlich auch mal mit der Faust auf den Tisch?

Natürlich, das gehört dazu. Das ist ein bisschen so wie das berühmte System mit Zuckerbrot und Peitsche.

Was ist das Besondere an Sébastien Ogier, Ihrem dreimaligen Weltmeister?

Séb ist unglaublich fokussiert, konzentriert sich voll und ganz auf den nächsten Rallyesieg. Das war schon so, als er 2012 bei Volkswagen angefangen hat. Und das hat sich in den letzten Jahren vielleicht noch gesteigert. Dazu kommt natürlich sein ungeheures Selbstvertrauen, das er aus seinen Erfolgen zieht.

Wie lange kann er noch auf diesem Level fahren?

Schwer zu sagen. Séb ist noch lange nicht am Ende seiner persönlichen Möglichkeiten. Das sieht man auch daran, dass er sich immer noch steigern kann. Sobald seine Gegner stärker werden, legt er auch nach.

Wer kann Ogier bei der Jagd auf den Titel am ehesten besiegen in absehbarer Zukunft?

Auf jeden Fall Jari-Marri Latvala, wenn er endlich einmal eine richtig gute Saison erwischt. Auch Andreas Mikkelsen (beides VW-Werkspiloten, Anm. d. Red.) wird immer stärker. Dazu kommt nächstes Jahr sicher Kris Meeke (Citroën, Anm. d. Red.), der inzwischen die Erfahrung hat, die man braucht, um regelmäßig WM-Rallyes zu gewinnen.

Was war der schönste Sieg mit Volkswagen?

Weltmeisterliches Gespann: Ogier, Capito, Ingrassia

Ganz schwer zu sagen. Vielleicht der erste, 2013 bei der Rallye Schweden. Wir wussten seit der Rallye Monte Carlo zwei Wochen davor, der ersten Rallye für den Polo R WRC überhaupt, dass wir ein konkurrenzfähiges Auto entwickelt hatten. Dass es schon beim zweiten Einsatz den ersten Sieg gab, war beinahe unglaublich.

Was war die bitterste Niederlage?

Eindeutig die Rallye Deutschland 2014, das Heimspiel mit einer ganz besonderen Bedeutung für Volkswagen. Erst Sébastien Ogier, dann Jari-Matti Latvala sind in Führung liegend durch Unfälle ausgeschieden. Das war nicht nur für mich, sondern für das gesamte Team bitter.

An diesem Wochenende läuft die Rallye Argentinien. Hier hat Volkswagen vor genau einem Jahr eine der seltenen Niederlagen kassiert. Wird diese Scharte jetzt ausgewetzt?

Seit Argentinien 2015 sind wir ungeschlagen, haben seitdem zwölf Rallyes in Folge gewonnen. Wir geben alles, um diese Serie nicht abreißen zu lassen.

Was war der lustigste Moment?

Oha, da gab es viele. Ein Moment, der auch zeigt, dass wir im Team auch über uns selbst lachen können, war sicher die Siegerehrung bei der Rallye Australien 2015. Das gesamte Team ist dort als Schlümpfe verkleidet aufgetreten, ich selbst als Papa Schlumpf. Das war die Reaktion darauf, dass wir im Servicepark wegen unserer blauen Teamkleidung gelegentlich als Schlümpfe bezeichnet werden.

Hat sich die Vermarktung der Rallye-WM seit 2012 gebessert?

VW ist in der Rallye-WM aktuell das Maß der Dinge

Wesentlich. Dazu hat natürlich Volkswagen einen Teil beigetragen, weil wir sehr großen Wert auf Nähe zu den Fans legen. Aber auch der WRC Promoter hat in den letzten Jahren eine Menge erreicht. Das sieht man ganz deutlich an den Zahlen zu Fernsehübertragung, aber auch am stark verbesserten Angebot im Internet. Auch die Zusammenarbeit mit dem Weltmotorsportverband FIA ist heute sehr gut. So ist zum Beispiel das neue technische Reglement für 2017 in enger Abstimmung mit den Herstellern entstanden. Nicht zuletzt der bevorstehende Einstieg von Toyota zeigt, dass die Rallye-WM auf dem richtigen Weg ist.

Gehört dazu auch die Rückkehr der WM nach China?

Grundsätzlich ja, China ist nach wie vor weltweit der wichtigste Markt für viele Autohersteller. Was mir als Budget-Verantwortlichem natürlich nicht gefällt, ist die Aufstockung von 13 auf 14 WM-Läufe. Ganz zu schweigen von den logistischen Problemen, vor die eine zusätzliche Übersee-Rallye die Teams stellt.

Für 2016 deutet nach drei Siegen bei drei Rallyes alles auf einen weiteren Titel für Volkswagen hin. Wie schwer wird es 2017, wenn ein neues Reglement greift? Immerhin muss Volkswagen das neue Auto parallel zu den WM-Einsätzen entwickeln, während sich beispielsweise Citroën und Toyota ganz darauf konzentrieren ...

Es gibt nie einen einfachen Weg zum Titel. Momentan sind wir mit der Entwicklung des 2017er Autos voll im Plan. Wir sollten also perfekt aufgestellt sein, um auch nächstes Jahr um den Titel zu kämpfen.

Autor: Christian Schön

Fotos: VW

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