WRC

Rallye-WM: VW-Sieg in Polen

— 04.07.2016

So brutal wie Le Mans

Ford-Privatfahrer Ott Tänak verliert den Sieg in der vorletzten Wertungsprüfung an VW-Werkspilot Andreas Mikkelsen. Sébastien Ogier verteidigt Führung.

Rallyesport kann ähnlich grausam sein wie das 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Über 19 von 21 Wertungsprüfungen sah Ott Tänak (28) wie der sichere Sieger der Rallye Polen aus. Es wäre der  erste WM-Sieg für ihn persönlich und außerdem für den chinesischen Reifenhersteller DMack gewesen. Die Marke Ford, seit Jahren nur halboffiziell über das britische Team M-Sport in der Weltmeisterschaft vertreten, fährt seit beinahe vier Jahren einem solchen Erfolg hinterher.
Alles zur Rallye-WM bei AUTO BILD MOTORSPORT gibt es hier.

Zwei Tage lang hatte Tänak auf den ultraschnellen Wertungsprüfungen der Masurischen Seenplatte, wo die Durchschnittsgeschwindigkeit regelmäßig jenseits von 120 km/h lag, die Konkurrenz scheinbar mühelos im Griff. „Wenn du volles Vertrauen ins Auto hast, bist du unter diesen Bedingungen unschlagbar“, freute sich der Ford-Privatfahrer aus Estland.
Zwar profitierte er von der späten Startposition acht und einer an vielen Stellen schon sauber gefahrenen Ideallinie. Doch so kompromisslos wie er presste kein anderer vor den vielen Sprungkuppen das Gaspedal aufs Bodenblech oder zog auch noch bei 180 km/h unerschrockene Drifts durch. „Ich habe wirklich jede Kurve mit Vollgas genommen, mehr war nicht drin“, sagte Tänak am Samstagabend, den er mit 21,3 Sekunden Vorsprung vor Volkswagen-Werkspilot Andreas Mikkelsen (27) beendete.

Fast hätte Ott Tänak in Polen im Ford gewonnen

Auch ein dramatischer Wetterumschwung in der Nacht zum Sonntag schien Tänak nicht aufhalten zu können. Nach zwei Tagen perfektem Hochsommerwetter jenseits von 30 Grad sorgten zur letzten Etappe starke Regenfälle mit einem Temperatursturz um mehr als zehn Grad für dramatische Streckenverhältnisse. Das Highspeed-Schotter-Festival geriet zur Schlammschlacht. „Sowas habe ich noch nie erlebt. Es ging am Ende nur noch ums nackte Überleben“, sollte Mikkelsen hinterher behaupten.
Außerdem war für die Schlussetappe die Startreihenfolge entsprechend dem Zwischenklassement neu sortiert worden. Tänak fuhr nun als Fünfzehnter los, Verfolger Mikkelsen direkt vor ihm. Beide hatten damit zum ersten Mal nahezu identische Streckenbedingungen.

Prompt fuhr Mikkelsen zwei Bestzeiten in Folge. Mit immer noch 19 Sekunden Vorsprung schien Tänak dennoch der Sieg sicher. Bis er kurz nach dem Start der vorletzten Prüfung einen Stein traf. Anschließend verlor der Reifen langsam Luft. „Fast 14 Kilometer sind wir mit einem schleichenden Plattfuß gefahren, ich bin am Ende“, erzählte der Este den Tränen nahe im Ziel der Prüfung. 40 Sekunden kostete ihn das Missgeschick, damit war die Führung beim Teufel.

„Ich weiß, wie sich das anfühlt, weil ich genau diese Situation auch schon erlebt habe“, tröstete Mikkelsen seinen Konkurrenten. Mit seinem zweiten WM-Sieg verbesserte er sich auf Tabellenrang zwei. „Freitag und Samstag waren die besten Tage, die ich je im Rallyesport erlebt habe“, fasste der Norweger zusammen. Auch im Rücken von Mikkelsen und Tänak sorgten die extremen Streckenverhältnisse am Sonntag für reichlich Nervenflattern. Kampfgruppe Nummer eins wurde vom Hyundai-Duo Hayden Paddon (29) und Thierry Neuville (28) gebildet, die mit einem Abstand von 16,7 Sekunden in die Schlussetappe gingen.

Neuville kämpfte sich Sekunde und Sekunde an seinen Teamkollegen aus Neuseeland heran, musste sich auch wegen eines Reifenschadens schließlich aber um die Winzigkeit von 0,8 Sekunden geschlagen geben. „Das war knapper, als es meine Taktik eigentlich vorgesehen hatte“, gab Paddon zu, der nach zwei Unfällen in Folge wieder einmal auf dem Podium stand.

Weltmeister Ogier musste sich diesmal hinten anstellen

Ähnlich eng ging es zwischen den Volkswagen-Teamkollegen Jari-Matti Latvala (31) und Sébastien Ogier (32) auf den Positionen fünf und sechs zu. Weltmeister Ogier hatte zwei Tage lang als Erster in der Startreihenfolge gegen losen Schotter auf der Strecke gekämpft und fand sich nach zwei Etappen auf der für ihn ungewohnten Position sechs wieder. „Das war vielleicht die schlimmste Rallye meiner Karriere“, sagte er hinterher. Zwar schienen 3,6 Sekunden Rückstand auf Latvala aufholbar. Doch der Finne ließ sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen. Ogier blieb als schwacher Trotz der Sieg in der sogenannten „Powerstage“ und die damit verbundenen drei Extrapunkte. Trotz seines schlechtesten Saisonergebnisses geht der Titelverteidiger außerdem als Halbzeitmeister in die bis zur Rallye Finnland (29. – 31. Juli) dauernde Sommerpause.

Armin Kremer (47, Skoda), der einzige deutsche Fahrer in der Kategorie WRC2, schied nach einem Unfall aus (WP 18). Der Sieg in dieser Klasse ging erneut an den finnischen Skoda-Privatier Teemu Suninen (22). Opel-Werksjunior Marijan Griebel (27) und seine erst 17 Jahre alte Beifahrerin Ella Kremer, die Tochter von Armin Kremer, belegten beim ersten gemeinsamen Start den starken zweiten Rang in der Klasse der R2-Fahrzeuge.

Ergebnis Rallye Polen:

1. A. Mikkelsen / A. Jaeger (Volkswagen Polo R WRC) 2:37.34,4 Std.
2. O. Tänak / R. Molder (Ford Fiesta RS WRC) +26,2 Sek.
3. H. Paddon / J. Kennard (Hyundai i20 WRC) +28,5 Sek.
4. T. Neuville / N. Gilsoul (Hyundai i20 WRC) +29,3 Sek.
5. J.-M. Latvala / M. Anttila (Volkswagen Polo R WRC) +33,8 Sek.
6. S. Ogier / J. Ingrassia (Volkswagen Polo R WRC) +40,3 Sek.
7. C. Breen / S. Martin (Citroën DS3 WRC) +2.01,4 Min.
8. M. Østberg / O. Fløene (Ford Fiesta RS WRC) +3.04,6 Min.
9. E. Camilli / B. Veillas (Ford Fiesta RS WRC) +5.23,1 Min.
10. T. Suninen / M. Markkula (Škoda Fabia R5) +5.53,3 Min.

WM-Fahrerwertung:

1.Sébastien Ogier (Volkswagen) 143 Punkte
2. Andreas Mikkelsen (Volkswagen) 92 Punkte  
3. Hayden Paddon (Hyundai) 72 Punkte
4. Jari-Matti Latvala (Volkswagen) 68 Punkte
5. Dani Sordo (Hyundai) 68 Punkte
6. Mads Østberg (Ford) 62 Punkte

WM-Herstellerwertung:

1. Volkswagen Motorsport 196 Punkte
2. Hyundai Motorsport 135 Punkte
3. M-Sport World Rally Team (Ford) 100 Punkte
4. Volkswagen Motorsport II 99 Punkte
5. Hyundai Motorsport N 78 Punkte
6. DMack World Rally Team (Ford) 58 Punkte

Autor: Christian Schön

Fotos: Picture-Alliance

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.