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Autobahn-Kanzlei Autobahn-Kanzlei

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— 23.11.2007

Der Autobahn-Anwalt

Sein Büro besteht aus Containern, seine Klienten sind Trucker und Autofahrer: Als erster Verkehrsrechtler hat Rechtsanwalt Peter Möller eine Kanzlei auf dem A9-Autohof Berg in Oberfranken eingerichtet.

Die Erde ist noch frisch, die Peter Möller um ein paar junge Birken gehäuft hat, und der weiße Briefkasten steht erst mal provisorisch auf einem Holzpflock. "Wir sind noch dabei, uns einzurichten", sagt der 47-Jährige und zeigt in den fränkischen Morgenhimmel. "Das da habe ich erst vergangene Nacht angebracht." Dort oben, am Ende einer CB-Funkantenne, baumelt eine weiße Flagge mit einem Paragrafen-Symbol. In diesem ungewöhnlichen Umfeld arbeitet Deutschlands erster Autobahn-Anwalt. Verkehrsrechtler Peter Möller hat seine Kanzlei auf dem A9-Autohof Berg in Oberfranken eingerichtet.

"Die Welt ist so unpersönlich geworden"

Ausfahrt zum Anwalt: Mandanten können direkt vor Möllers Büro fahren.

Kein Nobel-Büro mit dicken Teppichen und teuren Lederstühlen, wie man es bei Anwälten erwartet, nein, alles ist ganz schlicht und einfach. Möllers Kanzlei besteht aus weiß-blauen Containern, die gegenüber der Shell-Tankstelle aufgebaut sind. Die Türen der einzelnen Räume sind aus Sperrholz-Platten – genau wie sein Schreibtisch. Die Autobahn ist Anwalts Liebling. Es ist nicht etwa so, dass Möller sich kein komfortableres Domizil leisten könnte. In Kromsdorf bei Weimar hat der Thüringer eine seit Jahren gut gehende Kanzlei. Doch irgendetwas hatte ihm trotzdem immer gefehlt. "Die Welt ist so unpersönlich geworden. Hier auf dem Autohof habe ich ein viel direkteres Umfeld als in der Stadt, es ist eine eigene kleine Welt. Und die Menschen sind einfach zauberhaft. "Es sind vor allem Lkw-Fahrer und termingeplagte Dienstreisende, auf die Möller mit seiner Container-Kanzlei abzielt. "Mir ist aufgefallen, dass die Trucker immer ihre Ehefrauen geschickt haben, weil sie selbst keine Zeit für einen Anwaltsbesuch hatten. Für mich ist es aber wichtig, die Mandanten persönlich kennenzulernen, um eine passende Verteidigungsstrategie zu entwickeln." Konsequenz: Möller wartet nicht mehr darauf, dass die Mandanten zu ihm kommen – sondern geht zu ihnen auf den Autohof.

Nach zehn Minuten kam der erste Mandant

Von 14 bis 21 Uhr hat der Asphalt-Advokat seine Container wochentags geöffnet, zudem ist er im Umkreis von zehn bis 15 Kilometern auf CB-Funk, Kanal neun, zu erreichen. Der erste Mandant stand schon zehn Minuten nach der Öffnung in der neuen Kanzlei, 36 Fälle kamen innerhalb der ersten zwei Wochen hinzu. "Zwei von ihnen haben wir bereits positiv abgeschlossen. Der erste war ein angeblich zu lange dauernder Überholvorgang eines Lkw, der andere eine minimale Lenkzeitüberschreitung. Beides ist eingestellt worden." Ursprünglich war Peter Möller gar kein Verkehrsrechtler, sondern arbeitete in einer großen Wirtschaftskanzlei – bis ihm vor vier Jahren wegen zwei Tempoverstößen selbst ein längeres Fahrverbot drohte. "Ich habe mir daraufhin das Straßenverkehrsrecht besorgt und bin nachts um vier auf die Lösung gekommen. Beide Verfahren sind gut für mich ausgegangen", erzählt er. Möllers Motto: "Jura kann sehr schön sein, wenn man es kreativ betreibt." Mögliche Fehler bei der Radarmessung, nicht geeichte Geräte in Polizeiwagen, gegenläufige Entscheidungen anderer Gerichte, sogar die Verwendung von zu langen Stromkabeln bei der Tempo-Messung von Brücken – an Ideen, wie er seine Mandanten vor Bußgeldern oder Fahrverboten bewahrt, scheint es dem Anwalt nicht zu mangeln. Er glaubt: "50 Prozent der Radarkontrollen dienen der Gefahrenabwehr, die anderen 50 Prozent dienen der Staatskasse."

Als Möller erstmals in Berg mit seiner Idee vorsprach, haben sie ihn schon misstrauisch beäugt. "Ich habe zwar gleich gesagt, wir probieren das mal aus", erinnert sich Autohof-Chefin Sabine Kniebaum (47), "aber ich hatte nicht gedacht, dass er wiederkommt. Und dass ein Anwalt in einen Container zieht, hätte ich sowieso nicht geglaubt." Klärschlamm-Fahrer Sandro Köppe aus Radeberg erklärt das Grundproblem der Trucker: "Lenkzeiten, Überladung, Abstandskontrollen – einen Anwalt brauchst du als Fernfahrer eigentlich immer. Aber unter der Woche hast du einfach keine Zeit, einen aufzusuchen."

Mettwurst als Dankeschön

Der 34-Jährige ist dennoch skeptisch, ob sich die Kanzlei auf dem Autohof auf Dauer trägt: "Wenn irgendetwas anliegt, dann kriege ich von meiner Rechtschutzversicherung die Adresse eines Anwaltes. Dem schicke ich die Unterlagen, und er kümmert sich darum. Einen direkten Kontakt brauche ich eigentlich nicht." Wie auch immer: Rechtsanwalt Möller fühlt sich in seiner neuen Kanzlei pudelwohl – auch wegen der Umgangsformen. "In normalen Kanzleien sagt der Mandant nach einem positiv abgeschlossenen Fall eventuell mal "Das war in Ordnung". Ein Lkw-Fahrer nimmt dich dagegen in den Arm, hebt dich hoch oder bringt dir vielleicht von der Hausschlachtung eine Mettwurst mit.

Projekt "Doc Stop": An den Raststätten wird kranken Truckern ärzliche Hilfe vermittelt.

An diesem Leben habe ich große Freude, es ist so offen und herzlich." Und an juristischen Gefechten erst Recht: Derzeit überlegt Möller, ob er nicht gegen das Handyverbot am Steuer kämpfen soll – vor dem Bundesverfassungsgericht.

Noch mehr Hilfe an der Autobahn

Sie haben oft die Nase voll – aber nie Zeit für den Arzt. Damit kranke Lkw-Fahrer nicht zum Verkehrsrisiko werden, haben Ex-Polizist Rainer Bernickel und der EU-Abgeordnete Dieter-Lebrecht Koch das Projekt "Doc Stop" gegründet. Prinzip: An den Rastplätzen wird kranken Truckern ärztliche Hilfe vermittelt.

Autor: Alex Cohrs

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