Schrägheck-Limousine Renault 20 TS

Renault 20 TS

— 23.10.2008

Der schräge Franzose

Die französischen Autobauer hatten schon immer einen Sinn für schräge Fahrzeugkonzepte. Der Renault 20 ist kein protziger Angeber, sondern ein ausgeglichener Familientyp. Bei Ralph Almeida hat ein Renault 20 TS überlebt.

Das passt ja perfekt. Der Wagen, ein Renault 20 TS. Die Farbe, ein augenbetäubendes Braunmetallic. Die bunten Töne der Hintergrund-Szenerie, die leuchtenden 70er-Jahre-Farben der Fertigbauelemente. Sogar der Ort des Zusammentreffens, ein Kindergarten. Alles sieht aus wie 1977, der Renault steht da wie für Prospektaufnahmen bestellt. Heckklappe hoch, Türen auf, Gepäck verstaut und Familie rein. Im Katalog zeigte Renault seine neue Mittelklasse gern und oft mit Kindern. Im Kofferraum fanden absurd große Kuscheltiere Platz, und die Eltern erfreuten sich an der Kraft des neuen Zweilitermotors sowie dem Komfort der dicken Fauteuils.

Renault brachte das praktische Schrägheck in die obere Mittelklasse

Ton in Ton: Die braune Innenausstattung war in den 70ern sehr angesagt.

Auf Flughäfen und vor Kasinos sah er immer ein wenig deplatziert aus. Dynamik durfte schon sein, aber die Vernunft stand immer im Vordergrund. Das kannten die Käufer. Sie wollten es so. Denn der Renault 20 war neu und doch vertraut. "Vorbild einer neuen Klasse", warb Renault für ihn, aber das wahre Vorbild hieß Renault 16. Mutig und visionär waren die Franzosen 1965 gewesen, als sie das Kleinwagen-Muster des Renault 4 mit seiner fünften Tür auf die Mittelklasse übertrugen und eine der ersten Schrägheck-Limousinen bauten. Sagenhafte 1,84 Millionen R16 liefen bis 1980 vom Band, die letzten Jahre parallel zum 1976 präsentierten Nachfolger Renault 20. Renault hatte das Schrägheck salonfähig gemacht – und die Marke zog es durch, über den Renault 25 bis zum letzten Safrane im Jahr 2000.

Den Vorstoß in die obere Mittelklasse wagte der Renault 30, das luxuriösere Schwestermodell des Renault 20. Der gemeinsam mit Peugeot und Volvo entwickelte Euro-V6 erhob den R 30 (160.193 Exemplare) über den Markendurchschnitt, Doppelscheinwerfer unterschieden ihn vom bescheideneren, aber deutlich populäreren R 20 (622.514 Stück). Ende der 70er stand er in Frankreich an jeder Ecke, Ende der 90er war er beinahe ausgestorben.

TS bedeutet "Touring Sport"

Renault-20-TS-Besitzer Ralph Almeida (46) aus Viersen stieß zufällig vor 20 Jahren auf seinen ersten R 20, als er – wie schräg – einen Polo Fox oder einen Ford Mustang suchte. "Der Platz, der Komfort, die Form, das hat mir alles auf Anhieb gefallen. Mein erster R 20 ist mir unter den Händen weggerostet, viele R 20 hielten nur sechs, sieben Jahre aus. Den TS, meinen vierten Renault 20, habe ich gezielt gesucht und vor fünf Jahren aus Frankreich geholt." Das Kürzel TS bedeutet Touring Sport und steht für 109 PS aus zwei Liter Hubraum. Fast 50 Prozent der Produktion entfielen auf den neuen Leichtmetall-Motor, der später auch Renault 25, Fuego und Espace antrieb und auf dessen Basis der erste Renault-Diesel entwickelt wurde.

Der R 20 TS bot eine Serienausstattung wie in der Oberklasse

In Frankreich findet man noch rostfreie Renault 20 – nach aufwändiger Suche.

1977 schloss er die Lücke zwischen dem 2,7-Liter-V6 des R 30 und dem schon antiken 1,7-Liter-Stoßstangen-Vierzylinder des R 20 TL. Unauffällig geht der Zahnriemen-Reihenvierer zu Werke, er schnarrt nur leise und macht seine Arbeit. Wer keinen teuren Renault 30 wollte, griff zu Renault 20 TS und LS und war gut bedient. Zart deutete Renaults schräge Mittelklasse ein Leben im Wohlstand an. Servolenkung, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Bremsbelag-Verschleißanzeige und ein Drehzahlmesser waren an Bord. Das "Braun Metall Nr. 122" der Außenhaut ist 30 Jahre später so unvorstellbar wie die Wohnlandschaft des Interieurs. Die mittelbraunen Möbel harmonieren perfekt mit dem dunkelbraunen Armaturenträger, der verhalten knistert.

Der beste Platz im sanften Renault ist hinten. Die weiche Fondsitzbank lädt zum Lümmeln ein.

Bei Pierre Richard, dem trotteligen Blonden aus den damaligen Kino-Knallern, sah es daheim wohl ähnlich aus. Es war die Zeit, als in französischen Filmen alle Kette qualmten und Schaumgummi ein populärer Werkstoff war. Fast 170 km/h Spitze fuhr der Renault 20 TS, doch das Ladevolumen zwischen 395 und 1550 Liter war den meisten Käufern wohl wichtiger. Das aus der Waage geratene Design zu bemängeln, mit langer Nase und zu kurzen hinteren Türen, wäre kleinlich. Der Renault 20 ist nicht spannend, er ist nicht schräg, er ist praktisch, echte Mittelklasse eben. Textil-Einkäufer Ralph Almeida schätzt den Nutzwert, das Gemütliche an seinem Renault 20, seine Traumfarbe wäre ein einfaches Weiß gewesen. Einige R 20 kamen und gingen, viele Ersatzteile und eine eigene Homepage blieben: renault20.de, das Vorbild seiner Klasse.

Technische Daten Renault 20 TS

Vierzylinder, Reihe, vorn längs • oben liegende Nockenwelle • Hubraum 1995 ccm • Leistung 109 PS bei 5500 U/min • maximales Drehmoment 163 Nm bei 3200 U/min • Fünfganggetriebe • Vorderradantrieb • Länge/Breite/Höhe 4520/1726/1438 mm • Leergewicht 1280 kg • Einzelradaufhängung rundum • Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten • Höchstgeschwindigkeit 168 km/h • Beschleunigung 0–100 km/h 11,9 s • 10 l S/100 km • Preis 17.995 D-Mark (1977)

Weitere Schrägheck-Limousinen:

Audi 100 Avant

Rover SD1

Autor: Jan-Henrik Muche

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