Renault R4 auf Rekordkurs — 05.08.2011

Der schnellste Kastenwagen der Welt

Ausgerechnet mit einem alten R4 F4 wollen französische Renault-Fans im amerikanischen Bonneville einen Tempo-Rekord aufstellen. Noch Fragen? Ja: Wie fliegt sich die Kiste?

Die Franzosen haben es schon schwer: Ihr elegantes Passagierschiff "France" ist längst den Schneidbrennern zum Opfer gefallen, der Überschalljet Concorde setzt im Museum mit hängenden Flügeln Spinnweben an, die gallischen Autobahnen sind seit jeher von Tempolimits umzingelt. Einzig der Kampfjet Mirage ist der Grande Nation geblieben. Und ein blaues Wunder. Dass sie das noch erleben dürfen! Am Anfang ist da nur dieses Vibrieren schnell herannahender Schallwellen auf einem Militärflughafen vor den Toren von Paris – von dem es eigentlich hieß, er sei längst geschlossen. Und doch scheint jetzt mit ohrenbetäubendem Lärm eine Staffel Düsenjäger heranzustürmen. Doch vom Horizont her naht kein Mirage-Kampfjet, sondern eine Fourgonnette. Renault 4, klar? Als Kastenwagen, Mann! Bremsen! Bremsen! Es ist tatsächlich ein R4, und er hält auch tatsächlich rechtzeitig vor unseren in den Asphalt gekrallten Fußspitzen an. "Quiieetsch!", würde es im Comic heißen, und genau so sieht das Ding auch aus: wie eine total überzeichnete Karikatur des populären Kleinwagens, der noch immer die Herzen seiner Fans im Sturm erobert.

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Im Profil erinnert der Extrem-R4 noch immer unverkennbar an das Original. In diesem Fall an den R4 F4 genannten kurzen Kastenwagen.

Doch dieser Kastenwagen hier soll noch etwas ganz anderes erringen: den Siegerpokal in der Wertung für Turbos zwischen 1,0 und 1,5 Liter. Auf dem legendären Salzsee von Bonneville, Utah. Mit Tempo 280. Richtig gelesen. Mit dem uns bekannten französischen Kleinwagen R4, wie er von 1961 bis 1992 exakt 8.135.424-mal gebaut wurde, hat dieser Renn-R4 nicht mehr viel gemein. Seine abgedichtete Alu-Kühlermaske samt nicht montierter Scheinwerfer schaut blind, aber wie gewohnt niedlich in die Gegend, die hinteren Radhäuser werden auf der Rekordfahrt voll verkleidet. Doch das Profil erinnert noch immer unverkennbar an das Original. In diesem Fall an den R4 F4 genannten kurzen Kastenwagen (der lange hieß F6) mit erhöhtem Dach, Leiterklappe und einem immensen Stauraum. Und ausgerechnet damit wollen die Mitglieder des französischen Rennteams "Les Triplettes de Bonneville" einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen? Sie wollen. Und wie.

Lesen Sie auch: Mehr Infos zum Rekord-R4

Der 1,1-Liter mit seinen 34 PS musste zugunsten eines 1,4-Liters aus dem R5 Turbo weichen. Die Messung auf dem Prüfstand ergab 290 PS.

Die nach dem Zeichentrickfilm "Les Triplettes de Belleville" (deutscher Titel: "Das große Rennen von Belleville") benannte Mannschaft reist im August 2011 mit ihrem umgebauten R4 zur Speedweek nach Bonneville im US-Bundesstaat Utah. Hunderte Fahrer kämpfen dort in verschiedenen Klassen um das höchste auf dem Salzsee erzielte Tempo – der blauweiße R4 soll besagte 280 km/h schaffen. Unter dem gewohnt dünnhäutigen R4-Blech blieb dafür nichts, wie es war. Der "große" 1,1-Liter mit seinen 34 PS musste zugunsten eines 1,4-Liters aus dem R5 Turbo weichen. Mit dem Renn-R4 teilt er immerhin das Baujahr, nämlich 1983. Durch die direkt aus dem Motorraum nach draußen geführten Endrohre bollert er wie ein Jagdflieger bei Dauerfeuer, und Schubkraft hat er jede Menge: "Bei der letzten Messung auf dem Prüfstand waren es 290 PS", sagt Teamchef Frank trocken. Klar. Sind ja auch nur 256 mehr als in Serie ...

Was dort, wo früher mal die Aussparung für die Anlasserkurbel war, aus der Front des R4 ragt, ist das Getriebe aus einem R25 GTX. Inzwischen selbst ein Klassiker, spendete der sehr viel größere Verwandte des R4 auch noch die vorderen Bremsen. Für die Verzögerung an der Hinterachse bemühte man Clio-Technik Beinahe alles, was im Innenraum an einen zivilen R4 erinnern könnte, wurde getilgt. Schmunzeln muss man dennoch, denn der altbekannte Armaturenträger aus Hartplastik blieb erhalten – wenn auch mit komplett geänderten Schaltern. Der rasende Klempner-Kasten wiegt übrigens 720 Kilo – nur 30 Kilo mehr als bei seiner Neuauslieferung. Sechs Monate hat es gedauert, bis der massive Überrollkäfig und die blecherne Sitzschale verbaut waren. Bis der feuerfeste Spezialtank montiert war. Bis zwei voneinander unabhängige Feuerlöscher installiert waren. Und bis das Fahrwerk so weit gestutzt war, dass der R4 jetzt angriffslustig auf dem Asphalt kauert. Yeah!

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Fahrer Bernard: "Bis 4000 Touren fährt er sich wie ein ganz normaler Renault R4, aber danach wird dieses Auto zu einem echten Dragster."

Fahrer Bernard lässt das eher kalt. Gelassen verrät er: "Bis 4000 Touren fährt er sich wie ein ganz normaler Renault R4, aber danach wird dieses Auto zu einem echten Dragster." In Bonneville, wenn es wirklich darauf ankommt, wird Bernard den Ladedruck des Turbos bis auf knapp zwei Bar pressen und die Nadel des Drehzahlmessers auf über 7000 Touren hochjagen. Jetzt allerdings klettert er aus seinem Käfig und drückt mir seinen Helm in die Hand. "Jetzt du!", ruft er, bevor er in einem Zug eine ganze Flasche Wasser leert. Warum, das merke ich drei, vier Sekunden später. Schon das Einsteigen ist derart fordernd, dass mir der Schweiß ausbricht. Sobald die Tür zu ist, fühle ich mich wie in einer Thermobox, die zusätzlich in eine Dampfsauna mit frischem Aufguss geschoben wurde. Jetzt läuft alles, nur der Motor noch nicht, und statt in der Wüste von Utah sind wir kurz vor Paris. Und kurz vorm Umfallen.

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Draußen schnippt Teamchef Frank den Notschalter auf "on". Ich aktiviere die Benzinpumpen, schalte die Zündung scharf, drücke den Startknopf. Dann ist nichts mehr in meiner Welt, wie es mal war. Der Lärm raubt mir die Sinne, der Tunnelblick sieht nur noch den dicken gelben Strich, der mir den Weg zum Horizont weisen will. Immerhin etwas Gewohntes hat Bestand: Die Hitze zerkocht mir immer noch hübsch das Hirn. Langsam, ganz langsam kommt der R4 in Fahrt – wie ein Jumbo am Anfang der Startbahn. Aber genau wie bei einer 747 kommt sehr schnell der Punkt, an dem Umkehren zwecklos ist. Und im Prinzip auch unmöglich. Schubumkehr? Vergiss es! Kneifen gilt nicht, und der Fuß bleibt eisern auf dem Gas. Schon jettet die Welt da draußen, mit der ich nichts mehr zu tun habe, im schnellen Vorlauf vorbei, während die das Ende der Startbahn markierenden Pylonen auf mich zuschießen. Bremsen, sonst ist der Rekordversuch schon hier und jetzt gescheitert! Der Wagen schüttelt sich, als wolle er zerbersten, doch dann ist alles gut. Die Speedweek kann kommen. Wo sonst Hot Rods durch die Ebene rasen, wird der verrückteste Kastenwagen der Welt mitmischen. Was, bitte schön, war noch mal eine Mirage?

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Kommentare zum Artikel (2)

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Cosmo
10.08.2011, 22:34Uhr

Alle Achtung! 280 Sachen bei einem Luftwiderstand wie der Kölner Dom.

Uwe
08.08.2011, 17:08Uhr

Amüsanter Bericht über ein paar verrückte Franzosen und deren Spielzeug.
Aber leider gibt es keinen "Bremsfallschirm", sondern entweder einen Fallschirm oder einen Bremsschirm. Denkt mal drüber nach...

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