Fahrbericht Mercedes SLS AMG

Rennstrecken-Fahrbericht Mercedes SLS AMG

— 07.11.2009

Im Revier des Mercedes SLS

Der Mercedes SLS AMG muss nicht unbedingt fahren, um gut auszusehen. Türen auf, Spot an. Fertig. Zugegeben, der 177.000-Euro-Knaller kann mehr. Viel mehr. autobild.de war mit dem neuen Flügeltürer auf der Rennstrecke unterwegs.

Schweißnasse Hände, der Mund trocken wie die Wüste und dann dieses Kribbeln im Bauch. Ein Arzt würde wahrscheinlich einen grippalen Infekt diagnostizieren. Pietro Zollino kommt nach eingehender Untersuchung aber zu einem ganz anderen Ergebnis. Zollino ist kein Arzt. Sondern Pressesprecher. Und weiß ganz genau, was mir fehlt. Ein paar schnelle Runden im Mercedes SLS AMG. Die stehen gleich an – und ich bin nervös wie ein Teenie vor dem ersten Date. "Welcher ist meiner", höre ich mich sagen. "Der Silberne", antwortet Zollino. Scherzkeks. Die sind alle Silber. Verzeihung, "Alubeam Silver" natürlich. Eine Spezial-Lackierung, die an flüssiges Metall erinnern soll und, mit Verlaub, keine 11.900 Euro Aufpreis Wert ist. Wer auf spektakuläre Farbeffekte steht, macht mit dem 3867 Euro teuren Mattsilber den besseren Deal.

News und Tests zum SLS? Hier geht es zur Modellseite

Kampfansage aus Affalterbach. Der Mercedes SLS AMG ist ein Hingucker und soll der Konkurrenz zeigen, "wo der Hammer hängt!"

V8-Gedonner kündigt den Fahrerwechsel an. Durchatmen, Helm an, Kopf runter – wer in den SLS klettert, sollte sich in Demut üben. Die untere Kante der Flügeltür hängt gefährlich tief. Vor allem mit sperrigem Kopfschutz. Der ist nicht sehr kleidsam, muss aber sein. Wegen der der tiefen Tür. Und weil sich das auf dem 3,6 Kilometer langen Laguna Seca Raceway (Kalifornien) so gehört. Im Nachbarauto sitzt Mercedes-Chef Dr. Dieter Zetsche, der vor den schnellen Runden eine Breitseite in Richtung Ferrari abgefeuert hat: "Manche sagen, Affalterbach ist das neue Maranello!" – da ist einer mächtig stolz aufs neue AMG-Geschoss. Nicht ohne Grund. Die Zutaten, die die Schwaben für den SLS zusammengesammelt haben, sind allererste Sahne: Alu-Spaceframe (Rohbaugewicht 241 Kilo, gebaut bei Magna), Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Transaxle-Bauweise (Motor vorne, Getriebe hinten), Carbon-Kurbelwelle, Verbund-Bremsen (11.305 Euro) und natürlich der 571 PS starke 6,3-Liter-V8. Ein echter Hochdrehzahl-Schreihals – und ein waschechter Affalterbacher. "Ein Mann, ein Motor", lautet die Losung der schwäbischen Schrauber, wobei AMG-Chef Volker Mornhinweg gerne zugibt, dass inzwischen auch die eine oder andere Dame in der Manufaktur den Schraubenschlüssel schwingt.

Vier Schaltprogramme helfen beim Sortieren der sieben Gänge

Schöner wohnen: Was auf der Mittelkonsole nach Alu aussieht, ist auch Alu. Die Lüftungsdüsen sollen an Turbinen erinnern.

Aber reicht das wirklich, um der Supersportwagen-Konkurrenz zu zeigen, "wo der Hammer hängt!", wie es Dieter Zetsche ganz unbescheiden formuliert hat? Das müssen die ersten Vergleichstests zeigen. Akustisch braucht sich der Über-Mercedes sicher nicht vor den Kraftfahrzeugen aus Zuffenhausen oder Maranello zu verstecken. Der AMG-V8 ist kein Freund leiser Töne und röhrt sich mit seinem aggressiven Grollen schnell in die Herzen von Fahrer und Zaungästen. Inzwischen bin ich in den Sportschalensitzen festgeschnallt. Jetzt noch das passende Schaltprogramm wählen – die Bandbreite reicht von "C" für die Herausforderungen des Alltags über "Sport" sowie "Sport+" bis zu "M" für traditionsbewusste Handarbeiter – und den Schleuderschutz ESP in den Sportmodus klicken, dann kann es losgehen.

Gebrüllt wird immer

Mit einem fiesen Knall sortiert das Speedshift-Getriebe die Gänge, ein Streicheln übers Gaspedal schubst den 4,64-Meter-Sportler aus der Boxengasse. Es geht ein gutes Stück bergab, dann wird der Griff ums dicke Performance-Lenkrad (476 Euro) fester. Die "Andretti Hairpin" führt in zwei Bögen 180 Grad ums Eck und hängt dabei leicht nach rechts – ein biestiges Stück Linkskurve, das selbst gestandene Rennfahrer um Bestzeiten bringt. Fuß vom Gas, hart anbremsen, einlenken, kurz nach außen treiben lassen, noch mal einlenken, Lenkung öffnen und mit viel Gebrüll raus aus der Kurve. Man muss kein Virtuose hinterm Steuer sein, um mit dem SLS würdevoll ums Eck zu kommen. Die optionale Keramik-Bremse entsorgt überschüssige Geschwindigkeit zuverlässig und bleibt dabei immer wunderbar dosierbar, die Servolenkung reicht jede Spurrille an die Finger weiter, das Doppelkupplungsgetriebe erledigt die Schaltarbeit. Den Rest übernehmen die sportlich abgestimmten Assistenzsysteme oder das Popometer des Fahrers – je nachdem, wer am Steuer sitzt. Ganz ehrlich: Bei mir waren es die Assistenzsysteme.

Eine 4,7 Kilo schwere Carbon-Welle überträgt die Kraft

Damit sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können: Verbundbremse für 11.305 Euro.

Rechts, rechts, links, links – 571 PS und 650 Newtonmeter schieben den SLS die trockene Lagune hoch zur "Corkscrew" – einer Kurvenkombination, für die Laguna Seca berüchtigt ist. Der "Korkenzieher" fällt mit einem Links- und Rechtsschwung in die Tiefe. Uneinsehbar und unheimlich, dafür aber umso unterhaltsamer. Ein Fest für Fahrwerk, Lenkung, Reifen und Magenschleimhaut. Die ersten drei Kandidaten schlagen sich prächtig, das Zauberwort heißt Gewichtsverteilung. V8 vorne, Getriebe hinten. Dazwischen ein steifer Tunnel, bei Mercedes "Torque Tube" (Drehmoment-Röhre) genannt, in dem eine Carbon-Welle (4,7 Kilo) mit Motordrehzahl rotiert und bis zu 650 Newtonmeter Drehmoment an die Hinterräder weiterreicht. Lohn der Mühe: Eine Gewichtsverteilung von 47 zu 53 Prozent (vorne/hinten) und ein damit verbundenes messerscharfes Handling. Das heißt: Bösartigkeiten ausgeschlossen, fährt der Mercedes SLS AMG immer zuverlässig in die Richtung, die der Fahrer vorgibt. Was im "Korkenzieher" vor allem für den Magen ein Problem sein kann. Barbeque? "Besser erst nach dem Turn" – danke, Herr Zollino!

Flügeltüren sind schick – aber unpraktisch

Cool: Die integrierten Türgriffe fahren bei 16 km/h ein.

Die letzte Herausforderung in Laguna Seca heißt schlicht "Corner 11" und ist die letzte Kurve vor Start und Ziel. Fast 90 Grad links ums Eck – geometrisch hübsch anzuschauen aber Gift für Menschen, die nicht seit dem Kindergarten Ideallinien ins Kleinhirn gebrannt bekommen haben. Anker werfen, nicht zu früh einlenken und so langsam wie nötig auf die Zielgerade einschwenken. Aber wie langsam ist "so langsam wie nötig"? Eine Frage, die das Sport-ESP entschieden anders beantwortet als ich. Viele Runden lang. Sei's drum. Wenige Minuten später steht die Horde SLS wieder knisternd vor der Boxengasse und wartet auf die nächsten Piloten. Ein Höllenritt für die unerfahrene Journaille, lockere Runden für die Instruktoren. Gefallen hat es auch dem Chef. Dr. Dieter Zetsche steigt bestens gelaunt aus dem 1620 Kilo-Renner und vergisst dabei die Sache mit der Demut. Klong – Helm trifft Flügeltür. Die Dinger sehen unverschämt gut aus – sind aber alles andere als praktisch. In Maranello werden sie das gerne hören.

Mit 177.000 Euro gegen die Wand? Hier geht es zum SLS-Crashtest!
Jochen Knecht

Fazit

Ist Affalterbach das neue Maranello? Ganz sicher nicht! Das wird Dieter Zetsche jetzt gar nicht freuen, ist aber eigentlich ein Glücksfall. Der Mercedes SLS AMG ist ein Knaller. Schnell, aggressiv, cool, betörend, edel, alltagstauglich und mit einem sensationellen Handling gesegnet. Aber er ist eben kein Ferrari. Kein Porsche. Und auch kein Lamborghini. Er ist ein Mercedes. Oder besser: ein AMG. Einer, der einen eigenen Charakter hat und deshalb auf dem besten Weg ist, sich von seinem seinem legendären Vorgänger 300 SL zu emanzipieren. Bei den Preisen sind sie dann alle wieder gleich, die Herren Supersportler. 177.000 Euro kostet der SLS AMG. Da fehlt dann aber praktisch alles, was der SLS zum Tanz auf der Rasierklinge braucht: Verbundbremsen (11.305 Euro), Performance-Fahrwerk (1428 Euro), Performance-Sportlenkrad (476 Euro), superleichte Schmiederäder (2380 Euro), Sportschalensitze (3927 Euro), Bang&Olufsen-Soundanlage (7021 Euro). Wer dann noch die unsinnige "Alubeam Silver"-Lackierung (11.900 Euro) ordert, kann gleich 200.000 Euro aus dem Schließfach holen. Der solventen Zielgruppe dürfte es herzlich egal sein.

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.