Deutschlands Rumpelpisten

Löcher im Asphalt Löcher im Asphalt

Report Rumpelpisten

— 07.03.2002

So sterben die deutschen Straßen

Löcher in der Kasse, Löcher im Asphalt. Weil Geld fehlt, verkommen die Fahrbahnen zu Trümmer-Trassen. Eine Gefahr für Mensch und Material.

Unfallrisiko steigt um mehr als 100 Prozent

Mitten in Deutschland bedeutet manchmal ziemlich weit im Südosten. Zumindest wenn von unseren Straßen die Rede ist. Denn von deutscher Wertarbeit wird da schon lange nicht mehr gesprochen. Sondern von Verhältnissen wie auf dem Balkan: Es rumpelt, rüttelt und rappelt. Überall brechen Krater aus dem Asphalt, Löcher werden nur noch provisorisch geflickt. Kurzum: Die deutschen Straßen sterben. Sie siechen dahin, weil für gründliche Sanierung kein Geld mehr da ist.

Vier Milliarden Mark müssten Bund, Länder und Kommunen jährlich mehr als die vorgesehenen 30 Milliarden Mark ausgeben, hat der ADAC errechnet. Stattdessen wird gespart und gestrichen. Und so die Gesundheit der Autofahrer aufs Spiel gesetzt. Frei nach dem Motto: Erst stirbt die Straße, dann der Mensch. 1117 Unfälle wegen Schlaglöchern, Spurrillen und Rissen in der Fahrbahn registrierte das Statistische Bundesamt 1999. 45 Menschen kamen auf den maroden Pisten ums Leben.

Spätestens das jüngste Beispiel von unseren österreichischen Nachbarn sollte deutsche Spar-Politiker nachdenklich machen: Auf der Inntalautobahn starben Ende April sechs Menschen, weil ein Bus durch Spurrillen außer Kontrolle geraten war. Vor dem Crash warnte der Fahrer seine Passagiere noch, der Bus werde wegen Fahrbahnschäden ins Schlingern geraten.

So etwas hätte auch bei uns passieren können. Werner Köppel, Projektleiter beim Kölner Institut für Straßenverkehr des Versicherungsverbands GDV: "Es ist dramatisch, wie sich der Oberflächenzustand unserer Straßen verschlechtert hat. Die Erhaltung ist stiefmütterlich behandelt worden." Sein Institut fand heraus: Schlechte Fahrbahnen erhöhen bei Nässe das Unfallrisiko um über 100 Prozent. Und schlechte Fahrbahnen gibt es überall.

Flickwerk statt Sanierung

Beispiel Berlin: Alleine im Bezirk Spandau müsste jährlich für acht Millionen Mark saniert werden. Von der Senatsverwaltung bekommt Baustadtrat Carsten-Michael Röding aber nicht mal die Hälfte. Deshalb wähnt sich auch der CDU-Politiker schon in fernen Gefilden: "Wenn wir noch länger warten, sehen unsere Straßen bald so aus wie in Ostanatolien."

Beispiel Hamburg: Stolz stellte der Senat zu den eingeplanten 33 noch zehn zusätzliche Millionen für die Straßensanierung bereit. Aber bei 400 "grundinstandsetzungsbedürftigen Straßen" ist das nur ein Tropfen auf das heiße Pflaster. Der CDU-Landesvorsitzende Dirk Fischer weiß: "Der tatsächliche Bedarf liegt bei 406 Millionen Mark." Da ist statt anständiger Sanierung nur noch schnelles Flickwerk drin. Dabei ist das nicht nur gefährlich, sondern langfristig sogar teurer. ADAC-Rechnung: Wird eine fünf Kilometer lange und sechs Meter breite Straße zügig saniert, kostet das rund 600.000 Mark. Wird nur geflickt und werden dabei Risse übersehen, kostet die Pannenpiste das Vier- bis Sechsfache.

Von den Kosten für die Autofahrer ganz zu schweigen: Nach einer US-Studie verursachen Schlaglöcher pro Autoleben 3500 Mark Reparaturkosten. Um die immer häufiger vor Gericht gestritten wird. Aber nur wer beweisen kann, dass die Kommune ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigt hat, bekommt sein Recht. Golf-Fahrer Nils Christian Petersen aus Norderstedt schaffte es nach einjährigem Kampf immerhin, vor Gericht 732 Mark zu erstreiten. Er war in Lübeck mit seinem Wagen in ein ein Meter langes und 15 cm tiefes Loch geraten. Für neue Felge und Reifen musste die Stadt aufkommen - die Quittung für eine Rumpel-Politik.

Interview mit dem ADAC-Experten

AUTO BILD: Wie geht es Deutschlands Straßen? Thomas Hessling: Bildlich gesprochen haben wir Karies im Asphalt: Man kann zwar noch darauf fahren. Aber wenn nicht bald etwas getan wird, ist der Totalausfall da. Dabei würden die Straßenbauverwaltungen ja gerne sanieren. Sie sind jedoch nur noch in der Lage, kosmetische Reparaturen zu betreiben.

Woran liegt das? Es fehlt vorn und hinten am Geld. Die Rechnungshöfe geben vor, dass jährlich zehn Prozent der Straßen saniert werden sollen. Die Straßenbauverwaltungen können aus Geldmangel aber nur noch drei Prozent reparieren. Dabei zahlen die Autofahrer mit allen Abgaben jährlich rund 90 Milliarden Mark an den Staat. Wenn die volle Summe in die Straßen reinvestiert werden würde, könnten wir unsere Fahrbahnen mit Blattgold pflastern.

Wie hoch ist die Unfallgefahr durch marode Straßen? Schäden werden oft nur noch mit einer Bitumen-Mischung angespritzt, darüber kommen ein paar Lagen Splitt. Wenn aber schon der Untergrund deformiert ist, bildet sich eine Bitumen-Pfütze, und der Splitt sinkt ab. Oben bleibt eine speckige Schicht. Da fährt dann bei Nässe ein Motorradfahrer drüber, rutscht weg und ist tot. Auch für Autos sind die Straßenverhältnisse nicht ungefährlich.

Wenn weiter so gespart wird - wie sehen unsere Straßen dann in zehn Jahren aus? Dann werden wir Verhältnisse wie auf dem Balkan bekommen - reine Schlaglochpisten eben.

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