Reportage Aston Martin

Reportage Aston Martin Reportage Aston Martin

Reportage Aston Martin

— 19.06.2006

Wie der Martin zum Aston kam

Akribische Spurensuche nach 92 Jahren: In einem modernen V8 Vantage fahndeten wir nach den Wurzeln von Aston Martin. Und an einem unscheinbaren Hügel im englischen Herefordshire lernten wir ...

Auf den Spuren von Aston Martin

Die Straße ist ziemlich schmal. Alt und oft ausgebessert. Typisch englisch eben. "Slow" steht in dicken weißen Lettern ab und zu auf der Fahrbahn – und "40". Das sind 60 Stundenkilometer – viel für dieses unübersichtliche Stück Flickwerk. Und doch rasen hier immer wieder Aston Martin rauf und runter, runter und rauf – viel schneller als mit 40 Meilen. "Neulich war hier ein V8 Vantage mit dänischem Kennzeichen", erzählt Anwohner Scott Camber, "die sind den ganzen Tag hier rumgedüst. Der Beifahrer hatte ein Brett mit zwei Stoppuhren auf dem Schoß ... "

Was ist bloß dran an dieser Strecke, mitten in den unscheinbaren Hügeln der Grafschaft Herefordshire, etwa 60 Meilen nordwestlich von Londons Stadtzentrum? Wir sind mit einem roten V8 Vantage (385 PS, knapp 105.000 Euro) auf den Spuren der Marke Aston Martin. Erste Station: das Dörfchen Aston Clinton. Von hier soll man zu einem Hügel namens Aston Hill gelangen. Das war zwischen 1904 und 1925 echtes "Motorland", ein Teil von Lord Rothschilds Anwesen.

Hier knatterten vor 80 Jahren die Autos der Frühzeit bei "Bergrennen" um die Wette hoch – unter anderem ein Rennfahrer namens Lionel Martin. Zum ersten Mal am 4. April 1914, in einem getunten Singer. Und gleich so erfolgreich, daß er den Namen des Hügels mit seinem kombinierte und damit einen Markennamen kreierte. Aston Martin! Was für ein Name für das erste Produkt der Firma Bamford und Martin Limited, die seit dem 15. Januar 1913 im Londoner Westen Singer- Autos verkaufte.

Entstehung einer stolzen Legende



Martin, der draufgängerische Eton-Schüler, und Robert Bamford, der begabte Ingenieur, ließen am 16. März 1915 ihren ersten "Aston Martin" zu – mit modifiziertem 1,4-Liter- Coventry-Simplex-Motor. Die Öffentlichkeit bekam ein recht unförmiges, kleines Auto zu Gesicht und nannte es fortan "Coal Scuttle" – "Kohlenkasten ". Es wurde als Testobjekt gequält und geschunden, natürlich auch am Aston Hill. Was für einen Vantage heute eine lächerliche Übung darstellt, muß zu Beginn der Massenmotorisierung eine Herausforderung gewesen sein.

Heute stehen meistens Großkonzerne hinter kleinen Marken (bei Aston Martin ist es seit 1987 Ford), damals stand das Überleben einer Marke ständig in den Sternen. So auch bei Aston Martin. Daß die Firma überlebt hat, ist hauptsächlich dem Enthusiasmus schwerreicher Gönner zu verdanken. Denn die erste Krise mußte die junge Firma bereits nach ein paar Jahren überstehen, als Bamford ausstieg – weil er mit Serienproduktionen nichts zu tun haben wollte. Dafür stieg ein gewisser Graf Louis Zborowski mit seinem Vermögen ein. 1925 kam es dann doch zum Konkurs – zuwenig Verkäufe, zu hohe Preise ...

1926 übernahmen Lord Charnwood, John Benson, Domenico Bertelli und William Renwick die Firma und nannten sie "Aston Martin Motors". Neue Fabrik? Denkste – die Autos wurden in einem gepachteten Schuppen in Feltham gebaut. 1932 kaufte Arthur Sutherland die Firma, sein Sohn Gordon wurde Geschäftsführer. Drei Jahre später bestand die Jahresproduktion aus gerade mal 66 Autos. Im Februar 1947 begann die David Brown-Ära (siehe Seite 74), als der Industrielle für 20.000 Pfund Aston Martin (später auch noch Lagonda) kaufte und bis 1972 behielt.

Home to Aston Martin Lagonda



1954 erwarb Brown eine Fabrik in Newport Pagnell an der Tickford Street. Dort wurden Anfang des 19. Jahrhunderts unter Salmon & Sons Kutschen gebaut, in den 20er Jahren MGB-Karosserien zusammengeschraubt. Daraus entstand Tickford Motor Bodies, die Lagondas fertigte. Wir steuern mit unserem roten V8 diese Fabrik an, denn sie existiert noch heute als "Außenstelle Vanquish".

Fast alle alten Gebäude stehen noch, werden für die Verwaltung genutzt, als Lager oder für die Produktion. Der historische Ort ist der Stadt Newport Pagnell (wohl nicht ganz uneigennützig) so ans Herz gewachsen, daß auf den Ortseingangsschildern ausnahmsweise "Home to Aston Martin Lagonda" stehen darf – wofür extra die Gemeindesatzung geändert wurde.

Hier entstehen seit 2001 rund 300 bis 350 Vanquish pro Jahr – ausschließlich in Handarbeit. Das beginnt beim Formen von Aluminium (allein die Heckklappe des 528 PS starken Vanquish S beansprucht zehn Stunden), geht weiter beim Lackieren und endet erst bei den von Hand angezogenen Radbolzen. Schließlich wird die serienmäßige CD-Anlage standesgemäß an hand einer "Best of James Bond"-CD geprüft. Während ein Ford Fiesta in rund 18 Stunden entsteht, benötigt ein Vanquish sage und schreibe 385 Fertigungsstunden – was auch den Stückpreis von 255.000 Euro erklärt. Trotzdem beträgt die Lieferfrist derzeit neun bis zwölf Monate.

Vollrestaurierungen und Sonderarbeiten



Wie lange die 350 Arbeiter allerdings noch in Newport Pagnell wirken können, ist fraglich. Regenwasser rinnt durchs marode Gemäuer – zur Zeit wird geprüft, ob sich eine Modernisierung überhaupt lohnt. Kann sein, daß in rund 18 Monaten an diesem historischen Ort Schluß ist. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite firmiert der Works Service – der Anlaufpunkt für gecrashte, zu überholende oder zu tunende Aston Martin ab Baujahr 1958 (DB4).

Noch interessanter ist eine kleine und unscheinbare Scheune am Rande des Parkplatzes: Hier finden die Vollrestaurierungen und Sonderarbeiten statt. Fertig ist gerade ein bildschöner DB6 Mk II, auf der Hebebühne schwebt ein offener orangefarbener DB4, gegenüber steht ein ausgeweideter Aston Martin Ogle von 1971. Der Bertone-Entwurf auf Basis des DBS wurde nur dreimal gefertigt – der Besitzer läßt ihn gerade von Rechts- auf Linkslenkung umbauen. Daneben ein V8 Lagonda. Die einst hochmodernen digitalen Instrumente werden soeben gegen analoge ausgetauscht – der Besitzer möchte keine ständigen Eiswarnungen im Sommer mehr hören.

In einer Ecke ein völlig verstaubter Scheunenfund aus Norfolk: Ein roter DB4, Baujahr 1961, Chassis- Nr. DB4/641/R. Nicht fahrbereit, 30 Jahre Standzeit. Vor kurzem von einem Bieter bei Bonhams ersteigert – aufgerufen waren umgerechnet 30.000 Euro, gekostet hat er 120.000 Euro. Auf die Restaurierung muß der glückliche neue Besitzer wegen Überfüllung allerdings zwei Jahre warten. Die dauert dann noch einmal ein Jahr und wird etwa 290.000 Euro kosten.

Ungewisse Zukunft



Nur ein Auto bei Works Service gehört Aston Martin – ein soeben erstandener DB2/4. Denn die Marke beginnt gerade eben erst, selbst alte Autos zu kaufen. Weil es der Firma ständig schlechtging, mußten immer alle Exemplare veräußert werden – inklusive der Prototypen, Showcars und seltene Einzelanfertigungen.

Der erste Rückkauf war vor kurzem der DB6 von Ex-Beatle Paul McCartney. In dem Wagen befindet sich noch das angebliche Original-Tonbandgerät, auf dem der Musiker während der Fahrt die ersten Takte von "Hey Jude" aufnahm.

Übrigens: Mehr als 75 Prozent aller jemals gebauten Aston Martin (zur Zeit etwa 27.000 Stück) fahren noch heute, besonders gepflegt vom Aston Martin Owners Club (Amoc). Da ist die Chance recht groß, daß noch einige schnell mal vorbeischauen am etwa ein Meter hohen, 1997 errichteten Aston-Martin-Gedenkstein am Aston Hill. Er ist aber leicht zu übersehen: Auf der Straße nach St. Leonards etwa eine Meile hinter dem Golfplatz, linke Seite, links vom Privatparkplatz im hohen Gras, noch vor dem "Gipfel". Wer ihn nicht findet, kann Scott Camber fragen, wenn er da ist. Oder uns – wir fahren hier bestimmt noch ein paar Mal hoch und runter.

Autor: Roland Löwisch

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