Reportage MPU

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Reportage MPU

— 10.12.2004

50 Jahre "Idiotentest"

Prof. Benedikt von Hebenstreit ist der Vater der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung. Wie alles begann und wie die Tests heute ablaufen.

MPU als allerletzte Chance fürs Fahren

Keine Ahnung, wo plötzlich diese wahnsinnige Beklemmung herkommt. Es ist alles hell und freundlich hier in dem Bürobau am Hamburger Hauptbahnhof, die großen Fenster lassen viel Licht hinein, die Wände sind frisch gestrichen, und im Wartebereich gibt es Kekse und Gummibärchen. Alles sehr nett, und niemand schaut mich schief an.

Trotzdem fühle ich mich unwohl hier im Medizinisch-Psychologischen Institut des TÜV Süd, Niederlassung Hamburg. So ein bißchen wie damals in der Schule vor den Klassenarbeiten. Unruhig, unsicher. Dabei habe nichts getan, bin weder betrunken Auto gefahren noch sonstwie auffällig geworden. Ich bin nur zu Besuch da, nicht als Betroffener. Sonst wäre mir jetzt noch viel unwohler.

Diese Beklommenheit liegt wohl daran, daß in Räumen wie diesen über das automobile Schicksal von über 110.000 Menschen im Jahr entschieden wird: Hier findet die Medizinisch-Psychologische Untersuchung statt, der Experte sagt kurz MPU dazu, der Volksmund "Idiotentest". So eine Untersuchung (bieten neben dem TÜV auch die DEKRA und einige kleinere Organisationen an) ist so was wie die allerletzte Chance, überhaupt einmal wieder fahren zu dürfen.

Erste Tests begannen in den Fünfzigern

Wer so einen Test macht, hat seinen Führerschein vorher dauerhaft verloren, und (zumindest beim MPU-Hauptgrund Alkohol) dabei einen ziemlich hohen Grenzwert überschritten: 1,6 Promille. Bei soviel Alkohol im Blut haben die Behörden "erhebliche Zweifel an der Fahreignung" des Betroffenen. Und die lassen sich nur mit einem positiven MPU-Ergebnis wieder ausräumen.

Es ist für den Autofahrer also etwas Gutes, was sich Professor Benedikt von Hebenstreit und seine Kollegen damals vor 50 Jahren ausgedacht haben. Von Hebenstreit (heute 79) war gerade Assistent am Psychologischen Institut der Uni München, als sich das bayerische Innenministerium große Sorgen über die steigenden Unfallzahlen machte.

Man muß sich das mal vorstellen: 1954 kamen allein in Bayern 2214 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, fast 1000 mehr als heute – und das bei deutlich weniger Verkehr. Davon abgesehen, mußte entschieden werden, was mit den vielen Kriegsverletzten dieser Zeit passiert, ob sie trotz Schädelverletzungen oder fehlender Gliedmaßen noch sicher Auto fahren können.

Hauptproblem der Gegenwart: Alkohol

Diese Aufgabe übernahm der TÜV, von Hebenstreit wurde psychologischer Leiter der Tests. Im Käfer reiste er damals durch Bayern, immer zwei Kollegen und das schwere Testgerät dabei. "Wer hinten saß, mußte sich sehr schmal machen. Wir haben damals für die Tests ziemliche Strapazen auf uns genommen", erinnert er sich. Auch daran, wie ein Bauer einmal seinem Kollegen als Begrüßungsgeschenk heimlich ein Ei in die Kitteltasche steckte. "Das hat dieser aber erst gemerkt, als er sich mit dem Ei in der Tasche hingesetzt hat."

Die MPU verlief damals ganz ähnlich wie heute: medizinische Untersuchungen, Reaktionstests, psychologisches Gespräch. Nur die Prüflinge waren andere: "Es waren vor allem Kriegsverletzte und viele Jugendliche, die vorzeitig ihren Führerschein machen wollten. Alkohol war 1954 noch gar kein Thema, das kam erst später." Dann aber um so heftiger: Um 1970, erzählt von Hebenstreit, habe es allein in Westdeutschland 19.000 Verkehrstote gegeben, bei 40 bis 50 Prozent war die Unfallursache Alkohol.

Auch heute liegt da das Hauptproblem: Im vergangenen Jahr waren 66 Prozent der MPU-Teilnehmer wegen Alkohol am Steuer aufgefallen. "Seit zwei bis drei Jahren weitet sich aber auch die Gruppe der Drogendelikte aus", sagt Gerhard Laub, Mitglied der Geschäftsleitung des Medizinisch-Psychologischen Institutes beim TÜV Süd. "Das liegt natürlich auch daran, daß die Polizei jetzt viel genauer hinschaut als früher. Aber gerade bei Cannabis gibt es heute einfach deutlich weniger Problembewußtsein."

Testergebnis: zwei Drittel schaffen es

Man merkt, daß der Begriff "Idiotentest" (in Bayern "Depperltest") nun wirklich nicht zum Problem paßt. "Diese Begriffe kommen wohl daher, daß es früher eine feste Regelung gab: Wer dreimal durch die Führerscheinprüfung gefallen war, mußte automatisch zur MPU", sagt Laub.

Er fügt hinzu: "Mir stinkt der Begriff furchtbar, weil er die Betroffenen diskriminiert. Das sind oft ganz arme Hunde." Um so eine MPU-Untersuchung zu bestehen, ist vor allem eines wichtig: "Wir müssen erwarten, daß kein Rückfall vorkommt. Dafür müssen sich die Betroffenen mit ihrer Tat auseinandergesetzt haben, erkennen, daß sie einen Fehler gemacht haben", sagt Laub. Und sie müssen in ihrem Leben eine Menge ändern. So reicht es zum Beispiel nicht, wenn ein Alkoholsünder beteuert, künftig nicht mehr betrunken Auto zu fahren. Gertraud Richardt, Niederlassungsleiterin des Hamburger Institutes: "Wenn jemand über 1,6 Promille hat, dann liegt bei ihm ein grundlegendes Problem mit Alkohol vor.

Das Fahren unter Alkoholeinfluß ist dann sozusagen eine direkte Folge dieses grundlegenden Alkoholproblems." Da hilft dann nur noch (nahezu) komplette Abstinenz. Eine knappe Mehrheit der MPU-Kandidaten scheint das auch begriffen zu haben: Von den erstmals mit Alkohol Aufgefallenen bekamen 43 Prozent das Ergebnis "geeignet", 17 Prozent mußten zur Nachschulung, knapp 40 Prozent fielen durch. Ist also zu schaffen, so eine MPU. Und im Grunde muß man auch gar kein beklemmendes Gefühl haben ...

Autor: Alex Cohrs

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