Retter Charly dankt ab

Ein Engel sagt tschüs Ein Engel sagt tschüs

Retter Charly dankt ab

— 23.03.2002

Ein Engel sagt tschüs

31 Jahre lang war er für den ADAC unterwegs. Jetzt geht "Charly" in Rente. Und blickt zurück auf ein Leben voller Pannen.

Engel haben rosa Wangen – Charly auch. Engel haben blonde Locken – Charly auch. Engel haben weiße Hemdchen an und große Flügel auf dem Rücken - Charly ... nicht. Wolfgang "Charly" Ridzewsky trägt eine gelbe Latzhose mit Neonstreifen auf der Seite. Und eine gelbe Windjacke mit der Aufschrift "ADAC-Wacht". Seit 1969 beschützt er die Liegengebliebenen auf Autobahnen und Landstraßen in Hamburgs Osten. Jetzt geht der 60-Jährige in Rente. Und mit ihm der wohl originellste Engel der Straße. Darüber ist er selbst verwundert. "So alt bin ich doch noch gar nicht", sagt er breit grinsend und schwingt seinen drahtigen Körper auf den kalten Autobahnparkplatz. Ein, zwei, drei Liegestütze zur Demonstration seiner Kräfte.

Charlys Geheimrezept: Gummibärchen

Bye-bye, Straßenwacht: ölverschmierte Finger, Lausbubenlachen, immer hilfsbereit.

Das macht offenbar Laune. Hunderte Lachfalten graben sich in das rosige Gesicht. Dann zeigt er seine blitzeblanken Zähne, tippt mit dem Zeigefinger dagegen und trompetet: "Alle echt!" Wieder kichert er wie ein Teenager. Springt einmal um seinen ADAC-Ford-Galaxy, eines der insgesamt rund 5600 gelben Einsatzfahrzeuge, die Pannengeplagten auf Deutschlands Straßen zu Hilfe eilen, rund vier Millionen Mal pro Jahr. Fischt ein zerflettertes altes Heft und ein kleines Plastiktütchen vom Beifahrersitz. Holt eine Plakette heraus und erkärt triumphierend: "Eine Gedenkmedaille aus St. Petersburg. Hat mir eine russische Reisegruppe geschenkt. Weil ich den Radlagerschaden am ollen Kahn repariert habe.

Wie viele Vier- und Zweiräder er im Laufe der Jahre wieder flott gemacht hat, weiß Charly nicht mehr. "Aber 80 Prozent fuhren anschließend wieder", sagt er nicht ohne Stolz. In den 60ern und 70ern lag die Quote sogar noch höher. "Die beste Zeit meines Lebens. Damals konnte man noch richtig an den alten Möhren rumfrickeln. Vor allem an den Ausländern: hier ein Stecker locker, da ein Verteiler nass. Eine wahre Fundgrube. Die modernen Autos bleiben seltener liegen. Und wenn, kann man kaum etwas machen." Heute werden die Gelben Engel vor allem gerufen, wenn die Elektrik, die Zündanlage oder der Bordcomputer spinnt. Tilt - da hilft nur abschleppen. "Ein gerissener Keilriemen zählt inzwischen zu den Höhepunkten im Engel-Alltag", meint er und dreht sich um. Einen alten Kumpel begrüßen, der zufällig hier auf dem einsamen Autobahnparkplatz an der A 1 gestoppt hat. Händegeschüttel, Rückengeklopfe, großes Hallo unter Männern.

Jeden Mittag heim zu Hannelore

"Charly ist einfach spitze. Den kennt hier jeder", sagt Uwe Eckermann. "Nu' sabbel keinen Quatsch", zwitschert der Engel und schüttelt den Kopf, sodass die wirren Locken, die schwer an die Frisur betagter Schlagerprimeln erinnern, kurz zu Berge stehen. Dabei weiß er: Uwe hat recht. Bei den umliegenden Autobahnmeistereien gibt es für den Engel Kaffee und Kuchen. Trucker, Tankwarte, Müllmänner, Bürgermeister und Hausfrauen winken, wenn der gelbe Li-La-Laune-Bär mit seinem Ersatzteillager vorbeirauscht. Und Kinder strahlen beim Anblick des lieben Onkels, der immer ein paar Süßigkeiten im Auto hat. "Ein Gummibärchen in den Mund, und selbst der abgenervteste Autofahrer lächelt wieder."

Engel unter sich: 40 Jahre zusammen, 35 Jahre verheiratet, 31 Jahre täglich um 13 Uhr bekocht. Charly und Ehefrau Hannelore.

Zumal er, wenn Charly kommt, meistens weiterfahren kann. Und sei es, weil er ihn nur zur nächsten Tanke schleppt und 50 Mark für Sprit leiht. Die er - bis auf "ganz wenige" Ausnahmen - Tage später wiederhatte. Per Post. Plus Dankesschreiben. Aber genug "gesabbelt". Der Engel muss nach Schmachtenhagen. Vor Jahren hatte er da mal den Notruf einer Hochschwangeren, die mit Kühlwasserverlust liegen geblieben war. Für sie eine Aufregung mit Folgen: Die Wehen setzten ein, der Engel raste mit ihr zur Klinik. Diesmal ist es harmloser: "Da springt 'ne Kiste nicht an", trällert Charly, springt in sein ADAC-Mobil und rast los. Gelbes Blut habe er in den Adern. "Ich muss einfach helfen. Und wenn ich 100 Kilometer fahre." Im Laufe der Jahre waren es ein paar mehr.

Etwa drei Millionen hat er abgerissen, sechs Autos dabei verbraucht. Einen Käfer, einen Polo, einen Golf, zwei Passat und jetzt den Galaxy. Unfallfrei und - bis zum Ausrangieren bei rund 400.000 Kilometern - ohne eine winzige Panne. Nun aber ist Schluss mit dem Schrauben, Flicken, Trösten. Charly muss die gelben Flügel einpacken und nach Hause laufen. Heim zu seiner neuen 1000er Suzuki GSXR (160 PS, "macht 280 Sachen"). Und zu seiner Hannelore (57), bei der er jeden Mittag um 13 Uhr am gedeckten Tisch erschien. Jetzt wacht er jede Stunde über sie. Und freut sich auf sein neues Leben. Ohne Pannen.

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