Roadtrip durch die Südstaaten der USA

— 13.05.2009

Der Süden singt

New Orleans, Memphis, Nashville – Jazz, Blues, Country: In den Südstaaten der USA liegt Musik in der Luft. autobild.de-Redakteur Boris Pieritz hat eine Woche lang mitgesummt.



Es ist dunkel in New Orleans. Sehr dunkel! Und still. Eigentlich hatten wir die Metropole, die von den Einheimischen liebevoll "The Big Easy" genannt wird, mit viel mehr Glitzer und Glamour erwartet. Doch es sollte anders kommen. Schon auf dem Flug nach New Orleans beginnt das Unheil. Der Pilot bittet die Stewardessen, während der gesamten Flugzeit sitzen zu bleiben. Keine Getränke, keine Snacks! "Ich will Euch sauber runter bringen. Hier jagt ein Hurrikan den nächsten," verkündet er. Ach herrjeh! Fängt ja gut an. Nach der Landung dann das: Aufgrund des Unwetters ist mitten in der Vergnügungsmeile von New Orleans, dem French Quarter, ein Generator explodiert. Mehrere Häuserblocks sind ohne Strom! Unserer natürlich auch. Und damit auch unser Hotel! Kein Jazz, keine prickelnden Margueritas, kein würzig-scharfes Cajun Food. Umziehen in eine andere Herberge ist angesagt. Danach Bettruhe. Es wird schon fast wieder hell. Die Sonne, nicht etwa der reparierte Generator, ist der Grund. Auf dem Weg ins Zimmer versichert uns der Portier, dass New Orleans, sein geliebtes "Big Easy", eine ganz besondere, unbedingt sehenswürdige Stadt sei. Wir glauben ihm blind.

Die besten Beignets der Welt und mein erstes Powwow

Makabre Grillstation: Das \

Makabre Grillstation: Das "Black River Cooking Team" hat sich auf überfahrene Tiere spezialisiert. "Meals under wheels" nennt sich die zweifelhafte Gaumenfreude.

Am nächsten Tag jedoch müssen wir weiter nach Natchez am Mississippi. Das Motel ist bereits gebucht. Für einen schnellen Boxenstopp im berühmtesten Café von New Orleans, dem "Café du Monde", reicht es noch. Zu den Klängen von Louis Armstrong und Benny Goodman verspeisen wir rasch leckere Beignets und trinken den weltberühmten süßlichen Kaffee. Dann weiter nach Natchez. Nach einem kurzen Aufenthalt bei der "Smokin' Blues & BBQ Challenge" in Hammond, wo uns das dubiose Team von "Meals under wheels" überfahrene und danach gegrillte Tiere anbieten will ("no thanks, we're not hungry"), erreichen wir das pittoreske Städtchen am Mississippi River. Natchez ist ein Mekka für Historiker und Architekten. Die unzähligen Antebellum-Residenzen aus dem frühen 19. Jahrhundert sind fast alle noch im Privatbesitz und daher in erstaunlich gutem Zustand und können ausgiebig besichtigt werden. Doch wir besuchen lieber das große Powwow der Natchez-Indianer und lassen uns von den monotonen, spirituellen Gesängen in Trance bringen. "Hejahejahejaheja". Musiktipp: "Do you know what it means to miss New Orleans" (Louis Armstrong)

Über den Natchez Trace Parkway unter Geiern nach Memphis

Auch die Rabengeier, die entlang des Natchez Trace Parkway überall anzutreffen sind, sind ganz heiß auf verunglückte Tiere. Hier vertilgen sie einen Riesenschnauzer.

Auch die Rabengeier, die entlang des Natchez Trace Parkway überall anzutreffen sind, sind ganz heiß auf verunglückte Tiere. Hier vertilgen sie einen Riesenschnauzer.

Geier (im) Sturzflug! Mitten in der totalen Stille des Natchez Trace Parkway, wo wir auf hunderten von Kilometern die einzigen Reisenden sind, tauchen sie auf – Geier! Hier, in Mississippi? Diese Spezies hätte ich doch eher in Afrika erwartet. Wie sich später herausstellt, sind es Rabengeier. Die sind in diesen Gefilden ein nützliches Reinigungsteam und vertilgen jegliches totes Getier, das überfahren wird. Außer Geiern bietet die Natur entlang des gut 700 Kilometer langen, historischen einspurigen Pfades aber noch viel mehr: Uralte Eichen und farbenprächtige Wildblumen säumen den Straßenrand, in den Tümpeln und Teichen sonnen sich Schildkröten. Keine Menschen, keine Städte sind zu sehen. Das ist Natur pur! Kurze Zeit später der Kulturschock: Memphis bebt! Hier steppt der Bär, nonstop ist die Party in der berühmten Beale Street in vollem Gange. Da hilft nur eines: mitmachen. Bier trinken, Blues hören, Burger essen. Bis tief in die Nacht bzw. bis früh in den Morgen. "Walking in Memphis" (Marc Cohn)

Memphis und Nashville: Party!

Der ausgeschenkte Gerstensaft heißt hier übrigens "Big Ass Beer"! Warum das so ist, wusste keiner der Barkeeper in den unzähligen Blueskneipen. Wichtig sei jedoch, dass es in riesigen Plastikhumpen ausgeschenkt wird. "Bier, Blues und Bräute" – das gehöre hier zusammen, erklärt einer der Tresenmänner. Und möglichst alles in rauen Mengen. Wenn der erlebnislustige Tourist die pulsierende Beale Street entlang schlendert, versteht er diese Theken-These: Hier wird den ganzen Tag gefeiert, getrunken und gejammt. Entziehen kann sich diesem speziellen Rhythmus keiner. Wir schon, denn wir müssen weiter nach Nashville. Nach einem kurzen Ritt über die Interstate 40 stellen wir fest, dass hier das gleiche Programm läuft. Nur wird hier kein Blues, sondern Country gespielt. Bis zum Exzess! Auch hier tobt der Party-Wahn 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Noch einmal stürzen wir uns ins Getümmel – das letzte Mal auf dieser Reise. Danach ist ländliche Erholung und absolute Ruhe angesagt. Sonst hätten wir ja gleich eine Woche auf der Reeperbahn in Hamburg oder der Schinkenstraße auf Mallorca verbringen können. "Tennessee Stud" (Johnny Cash)

Ungestört durch die Great Smoky Mountains

Eintritt in die Wildnis: Der Appalachian Trail (3440 km) ist einer der längsten und schönsten Fernwanderwege der Welt.

Eintritt in die Wildnis: Der Appalachian Trail (3440 km) ist einer der längsten und schönsten Fernwanderwege der Welt.

Ruhe und Entspannung – von wegen! Zehn Millionen Besucher trampeln jährlich über die zahlreichen Wanderpfade der Great Smoky Mountains oder tummeln sich in den unzähligen Vergnügungsparks der angrenzenden Städte Gatlinburg und Pigeon Fork. Hier ist mehr los als am Grand Canyon. Die "Great Smokys" sind der meistbesuchte Nationalpark der USA. Und trotzdem verbringen wir hier mit einem kleinen Trick wundervolle, einsame Stunden in unberührter Natur. Wie das? Das Zauberwort heißt "Frühaufsteher". Denn wer sich kurz vor Sonnenaufgang aus den Federn hievt, hat die Berge fast für sich alleine. Bis der Bagel, Pancake und Bacon verschlingende Einheimische seinen Frühstückshunger gestillt hat und sich träge in die Berge schleppt, haben wir, die cleveren Frühaufsteher, bereits "Guten Morgen" zu Bär, Truthahn, Luchs und Co. gesagt. Wir hätten nackt den Appalachian Trail entlang wandern können – kein Mensch hätte es bemerkt. Den armen Tieren jedoch wollten wir dieses Schauspiel ersparen. Abends treffen sich alle Gourmets im Peddler Steakhouse, wo es die besten Ribeyes und New York Strips in Gatlinburg gibt. Nach 300 Gramm bestem Rind und einer monströsen Ofenkartoffel haben auch wir die nötige Bettschwere. "Gute Nacht, John-Boy!" "Smoky Mountain Rain" (Ronnie Milsap)

Alabama, the beautiful - wie wahr

Sonnenuntergang irgendwo im schönen Alabama. Die Einheimischen nennen ihren Staat \

Sonnenuntergang irgendwo im schönen Alabama. Die Einheimischen nennen ihren Staat "The Beautiful". Zurecht!

"Sweet Home Alabama, where the skies are so blue". Der Song von Lynyrd Skynyrd begeistert immer noch die Massen. Egal, welchen Radiosender wir in Albama anschalten, alle 30 Minuten schmettert Herr Skynyrd seine Liebeserklärung über den Äther. Und wenn er es nicht tut, übernimmt Kid Rock, der vor Kurzem eine neue Version des Liedes präsentierte. Recht haben sie beide: Alabama ist wunderschön. Amerika in seiner reinsten Form. Einsame Strände, wilde Sümpfe, schroffe Gebirge, saftige Wiesen – hier zeigt Mutter Natur eindrucksvoll, was sie drauf hat. Wir lassen uns einen Tag lang ohne Ziel treiben und staunen mit offenen Mündern, wie zauberhaft unsere Welt sein kann. Einen Programmpunkt gibt es dann aber doch noch: Bei der Reise-Vorbereitung in Deutschland stolperte ich im Internet über ein in kleines, unscheinbares Restaurant namens "The Brick Pit", das auf seiner Homepage tönt, das beste Barbecue Alabamas zu servieren. Raus aus dem Ford, rein in die Pinte. Kurze Zeit später haben wir Tränen in den Augen. Das Essen ist eine Offenbarung! Das ist Barbecue in seiner reinsten Form. Deutschland, Grill-Nation Nummer eins – von wegen! Das Brick Pit stellt alle unsere zurückliegenden Grill-Events an Rhein, Elbe und Spree in den Schatten. Mit vollen Bäuchen und noch immer feuchten Augen geht es weiter Richtung Süden. "Sweet Home Alabama" (Lynyrd Skynyrd/Kid Rock)

Dauphin Island – Aug' in Aug' mit spielenden Definen

Unser Reisemobil: Ein Ford Edge mit kräftiger 3,5-Liter-Maschine  und 269 PS. Genau das richtige Gefährt für eine gepflegte Strandfahrt.

Unser Reisemobil: Ein Ford Edge mit kräftiger 3,5-Liter-Maschine und 269 PS. Genau das richtige Gefährt für eine gepflegte Strandfahrt.

Hurrikan-Warnung! Himmel hilf – nicht schon wieder! Jeder Tourist, der in den Süden der Staaten reist, muss damit rechnen. Erleben wollten wir solch ein Unwetter eigentlich nicht. Und irgendwie doch. Denn diese fürchterlichen Wirbelstürme kennt man ja meist nur aus dem Fernsehen. Jetzt sind wir fast mitten drin. Und müssen über eine gut fünf Kilometer lange Brücke, die das Festland mit unserer nächsten Etappe Dauphin Island verbindet. Die graue Wand kommt immer näher, die Wellen peitschen gefährlich nahe an unser SUV heran. Und plötzlich: Stille! Das windige Grauen entscheidet sich für eine östlichere Route. Wir bleiben verschont und erreichen das Ferien-Paradies im Süden Alabamas wohlbehalten – und sind entzückt! Hier auf Dauphin Island ticken die Uhren sehr langsam. Keine Hotel- oder Fastfood-Ketten, keine Casinos, keine dämlichen Minigolf-Plätze wie in weiten Teilen Floridas oder South Carolinas. Dafür schnuckelige Motels direkt am Strand, spielende Delfine im Hafen und so gut wie keine Touristen. "Die Insel ist ein Geheimtipp", sagt uns ein Einheimischer. Recht hat er, der Mann. Der Aufenthalt hier auf der Insel lässt uns jeglichen Alltagsstress vergessen und neue Kraft für die anstehenden letzten Meilen sammeln. "Gulf Of Mexico Fishing Boat Blues" (Ricky Skaggs & Bruce Hornsby)

Besuch im Cajun Country – betreten verboten!?

Nicht zu ernst nehmen: Dieses Schild im Cajun Country ist nur ein schlechter Scherz gelangweilter Teenager.

Nicht zu ernst nehmen: Dieses Schild im Cajun Country ist nur ein schlechter Scherz gelangweilter Teenager.

No hunting, no fishing, no nothing, go home! Dieses Schild begrüßt uns am Anfang eines wunderschönen Waldweges, den wir kurz nach Eintritt ins Cajun Country zum krönenden Abschluss unserer Reise befahren wollen. Während einer kleinen privaten Sumpf-Rallye möchten wir den Ford Edge des Autovermieters Hertz auf seine Gelände-Tauglichkeit überprüfen. Doch was ist das für eine Begrüßung?! Wir ignorieren sie. Wie sich später herausstellt, handelte es sich lediglich um einen Streich pubertierender Südstaaten-Bengel. Denn hier in den Sümpfen südlich von New Orleans machen die Bewohner in ihrer Freizeit genau zwei Dinge: Jagen und Angeln. Von morgens bis abends. Vom Kleinkind bis zum Tattergreis. Da wir weder Angelrute noch Henry-Stutzen im Reisegepäck haben, entscheiden wir uns für eine Alligator-Tour durch die Bayous, essen leckere fangfrische Shrimps und liegen faul in der Sonne. Morgen werden wir dann wieder ins glitzernde, pulsierende, wummernde New Orleans eintauchen. Wenn der Generator schon repariert ist... "Jambalaya on the Bayou" (Hank Williams)

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