Altes Blech wertvoll wie Gold

Das Geschäft mit dem Schrott Das Geschäft mit dem Schrott

Rohstoffmangel

— 21.10.2004

Das Geschäft mit dem Schrott

Die Preise für Stahl steigen rasant – und mit ihnen die für Altmetall. Schrottautos sind gefragt wie nie. Doch die weltweite Jagd hat auch ihre Schattenseiten.

Für einen Schrottwagen gibt's noch 100 Euro

Vor dem geistigen Auge sieht man sie schon wieder durch die Straßen laufen, diese jungen Bengel in ihren kurzen Hosen, die mit einem Bollerwagen durch die Nachbarschaft ziehen. Und auf der Suche nach dem sind, womit sie in diesen Zeiten am meisten verdienen können – Schrott. Die Älteren werden sich an die Szenen vielleicht noch erinnern. In den 50er Jahren, als der zusammengeklaubte Schrott so manchen hungrigen Jungenmagen gefüllt hat: Denn für einen alten Eimer gab es etwa sechs Pfennig, erzählt man, und für sechs Pfennig gab es ein Brötchen.

Natürlich muß heute kaum noch jemand Hunger leiden, doch was den Schrott angeht, da scheinen die goldenen Zeiten zurückzukehren: Innerhalb der letzten zwei Jahre ist der Preis für Stahlschrott der gängigen Sorte 2 dramatisch in die Höhe geschossen. Er lag zuletzt bei 257,40 Euro pro Tonne. Man muß lange zurückdenken, um ähnlich hohe Preise zu finden. In den frühen siebziger Jahren hat hochwertiger Schrott umgerechnet 250 Euro gekostet – aber nur kurzzeitig.

Als Otto Normalverbraucher könnten einem solche Zahlen ja im Grunde wurscht sein, doch sie haben einen äußerst angenehmen Nebeneffekt: Selbst für ziemlich abgewrackte Autos kann man jetzt wieder richtig Geld bekommen. "Durch die hohen Schrottpreise zahlen die Verwerter wieder für Altautos. Wenn ein alter Wagen komplett ist und womöglich noch einen Kat hat, gibt es bis zu 100 Euro", sagt Tim Kiesow, Juniorchef von Kiesow, Deutschlands größtem Autoverwerter. Angeblich soll es bei einigen Betrieben sogar bis zu 300 Euro geben, oft holt der Verwerter den Wagen kostenlos ab und übernimmt auch die Abmeldegebühren. Vorbei die Zeiten also, in denen man noch für die Entsorgung seines Wagens blechen mußte.

Die Chinesen besitzen zu wenig Schrott

Das alles hat aber auch seine Kehrseite, nämlich wenn es um die Neuwagen-Produktion geht. Denn wenn Schrott teuer ist, ist auch Stahl teuer – weil der zum Großteil aus Stahlschrott gewonnen wird. "Die Höhe und die Schnelligkeit, mit der die Preise angezogen sind, hat vor allem viele Zulieferer schwer unter Druck gesetzt", sagt Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie.

Und auf der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover warnte Eckhard Cordes, da noch Nutzfahrzeug-Vorstand von DaimlerChrysler (und inzwischen Chef von Mercedes): Wenn die Entwicklung so weitergehe, müsse man die hohen Preise an die Kunden weitergeben. Gut möglich also, daß das bald auch für Pkw gilt.

Der Grund für die hohen Stahl- und Schrottpreise liegt vor allem in China und der Türkei. "Die Chinesen besitzen selbst wenig Schrott, kaufen deshalb alles auf", sagt Beate Brüninghaus von der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Aber allein an den Chinesen liegt die Preistreiberei nicht. Schaut man auf die Exportwege des europäischen Stahlschrotts, stellt man fest: Der allergrößte Teil, knapp 3,5 Millionen Tonnen, ging im vergangenen Jahr an den Bosporus. Brüninghaus: "Die Türken produzieren auf Basis von Elektrostahl, dafür braucht man 100 Prozent Schrott als Ausgangsmaterial." Anderswo werde Stahl dagegen meist in integrierten Hüttenwerken produziert, und da benutze man neben Schrott auch Erze.

Beifahrerin für fünf Dollar zu mieten

Aber auch die osteuropäischen Staaten mischen in dem Schrott-Geschäft mit, seit dort durch den EU-Beitritt erleichterte Einfuhrbedingungen für gebrauchte Wagen gelten. Allein im Mai und Juni 2004 sollen 160.000 Autos aus Deutschland nach Polen gebracht worden sein.

Besonders die Autoverwerter in den ostdeutschen Bundesländern bekommen das zu spüren. "Die Osteuropäer holen hier alles weg. Wir können mit deren Preisen nicht konkurrieren, setzen statt 4000 nur noch 2000 Einheiten im Jahr um. Ich muß nun ernsthaft über Entlassungen nachdenken", klagt zum Beispiel Andreas Schmidtke, Inhaber der Autopresse Tempelhof in Berlin. In Terespol, am polnischen Grenzübergang nach Weißrußland, hat die Entwicklung schon zu einem neuen Beruf geführt. Weil pro Person nur die Einfuhr von 50 Kilogramm Waren erlaubt sei, berichtet die Zeitschrift "Geo", könne man sich da für fünf Dollar ein Mütterchen als Beifahrerin mieten.

Und auch hier in Deutschland treibt das Schrottfieber so seine Blüten: In Oyten bei Bremen etwa demontierten Diebe eine 60 Meter lange Bahnstrecke zum Torfabbau, in Northeim bei Göttingen verschwanden gleich 600 Meter fabrikneue Leitplanken. Das Meisterstück aber haben Kriminelle in der Ukraine versucht: Sie wurden bei der Demontage einer 100 Meter langen Stahlbrücke erwischt, die über den Fluß Südlicher Bug gespannt war. Geschätzer Erlös auf dem Schwarzmarkt: 45.000 Euro.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.