Fahrbericht Rolls-Royce Dawn

Rolls-Royce Dawn: Fahrbericht

— 12.04.2016

From Dusk till Dawn im Rolls-Royce

Ein Cabrio für knapp 330.000 Euro – beinahe unheimlich. Wie der legendäre Vampir-Streifen. Eine ganz besondere Ausfahrt im Rolls-Royce Dawn.

Film ab zum Roadmovie mit Rolls-Royce. In der Hauptrolle das neue Luxus-Cabrio Dawn, Regie AUTO BILD. Das Drehbuch leihen wir uns bei Tarantinos Kultstreifen "From Dusk till Dawn", wagen in Südafrika den Trip from Dusk (Abenddämmerung) till Dawn (Morgengrauen). Uuuund Action! Ab geht die cineastische Erlebnisreise der anderen Art. Doch keine Panik: Dieses Werk ist trotz des opulenten Oben-ohne-Stars frei ab sechs Jahren und lange nicht so schockierend wie der schrille Vampir-Schocker.

Das Edel-Cabrio muss dem Käufer 329.630 Euro wert sein

Wüste Spielerei: So viel Sand sieht der vornehme Dawn nur fürs Foto – und vielleicht in den Emiraten.

Erste Einstellung: Wüste. Die hier tatsächlich so trostlos aussieht wie die Badlands der Gecko-Brüder im Film "From Dusk till Dawn". In der kurzen Dämmerungsphase wirft sich der Dawn vor dem Sonnenuntergang in Pose und setzt seine stabile Stoffkappe auf. Natürlich auf Knopfdruck und mit der Anmut einer Ballettfigur. Nach 22 Sekunden ist das Dach zu und die kalte Wüstennacht ausgesperrt. Auf dem feinen Sand, der zur Nacht Teile der Landstraße zuweht, fährt es sich vor allem in langen Kurven wie auf Neuschnee. Sobald der Reibwert gegen null rieselt, kommt die Diva auf Wunsch mächtig quer. Keine Frage – die Herren Clooney und Tarantino hätten mit dem Dawn mindestens so viel Spaß gehabt wie mit ihrem Film-Mercury Cougar XR7. Der Auftritt vorm Getränkeshop, der fällt im Briten allerdings deutlich pompöser aus. Der Dawn kostet immerhin 329.630 Euro – wofür wir vermutlich den Laden samt Township drumherum kaufen könnten. Selbst die Unerschrockensten taumeln kurz, doch ein (alkoholfreier!) Sundowner begradigt die Sache wieder. Im Fahrtenbuch der Gecko Brothers waren da längst mehrere Leichen notiert, brannte der Kiosk lichterloh.
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Der Dawn hat reichlich Dampf und Durst

Royaler Muskel: Aus 6,6 Litern holt der doppelt aufgeladene V12 570 PS und 780 Nm Drehmoment.

Solche Gewaltexzesse bleiben unserer 2560 Kilo schweren Sonnenanbeterin weitgehend fremd. Wenn man dürfte, wie man könnte, würde der Dawn zwar in 4,9 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen und auf der Flucht wäre erst bei 250 km/h Schluss. Doch trotz 6,6 Liter Hubraum und Doppelturbo ist der Zwölfender kein Bandit im Blutrausch, sondern eher Dandy mit Dampf. Besser so, denn nur im Film scheren sich die Helden einen feuchten Kehricht ums Tanken. Und auch ganz ohne Verfolgungsjagd zeigt unser Bordcomputer schon 18,2 Liter. Also erst mal ins Motel. Zum Glück nur der Fotograf und ich – hier erneut drei Geiseln zu nehmen wie im Tarantino-Plot, hätte echte Probleme bedeutet. Im Fond zittern am liebsten nur zwei Opfer, die bei offenem Verdeck mächtig durchgepustet werden. Chic, aber nicht empfehlenswert: die 21-Zoll-Alus. Die Federung eines Rolls-Royce ist schon von Haus aus nicht so toll wie ihr Ruf, aber die schweren Niederquerschnittgummis verfehlen das Rückensiegel in Gold um Bandscheibenbreite. Ab 80 km/h ist alles wunderbar, darunter fehlt es an der entspannten Grundgeschmeidigkeit.

Beim Komfort vermisst man klassische Rolls-Royce-Tugenden

Für einen Rolls federt der Dawn zu ungeschmeidig, und die Bremsen könnten auch bissiger sein.

Notorische Dynamiker wie der böse Richard Gecko stören sich freilich an ganz anderen Dingen. Sie vermissen mehr Biss und mehr Nachdruck auf den letzten Metern des Anhaltewegs. Die Hand mit dem Totenkopf-Ring würde zudem gern nach Schaltpaddeln greifen oder nach der Taste für das Sportprogramm – leider steht beides nicht im Leitfaden der Perfektion von Sir Henry Royce. Die verstellbaren Stabis belassen es in schnellen Kurven bei einer gewissen Steifbeinigkeit, ohne der Querbeschleunigung jedoch richtig Kontra zu geben. Auf unserer nächtlichen Suche nach einem Gegenstück zum Titty Twister, der von Vampiren verseuchten Tabledance-Spelunke aus dem Gangsterfilm, gefällt sich der Dawn als Hightech-Traditionalist mit This-car-is-my-castle-Ambitionen. Das adaptive LED-Licht hätte manchen Blutsauger sicher heimgeleuchtet, Night Vision ist eine Lebensversicherung für streunende Hunde und entflogene Fledermäuse, die flinke Navigation spricht sogar Afrikaans.

Aus unseren Gedanken reißen uns Rammstein mit "Engel". Der Song, den sie im Titty Twister spielen, während Salma Hayek mit der Schlange tanzt. Und bevor sie sich wie im Film in ihr Vampir-Ego Santanico Pandemonium verwandeln kann, kriechen die ersten Sonnenstrahlen über die Berge. Happy End also statt blutrünstigem Horror-Finale. Es folgen Abspann, Dach auf, Vollgas. Was Kultstreifen und Cabrio nach dieser wilden Nacht eint? Beide sind ganz großes Kino.

Technische Daten Rolls-Royce DawnMotor V12, Biturbo, vorn längs • Hubraum: 6592 cm³ • Leistung: 420 kW (570 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment: 780 Nm bei 1500/min • Vmax: 250 km/h • 0–100 km/h: 4,9 s • Antrieb: Hinterrad, Achtstufenautomatik • Tankinhalt: 100 l • L/B/H: 5290/1950/1500 mm • Kofferraum: 244 l • Leergewicht: 2560 kg • EU-Mix: 14,2 l Super/100 km • Abgas CO2: 330 g/km • Preis 329.630 Euro.
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Der Dawn ist so gegensätzlich wie Tarantinos Film: großartig und verführend, bombastisch und unfassbar. Seine Technik und Lässigkeit faszinieren, während der horrende Preis eine Gänsehaut erzeugt.

Stichworte:

Cabrio

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