Rolls-Royce Ghost Series II (2014): Fahrbericht

Rolls-Royce Ghost Series II (2014): Fahrbericht

— 11.11.2014

Gleiten wie in Watte gepackt

Rolls-Royce modernisiert den Ghost und versieht ihn mit dem Namenszusatz "Series II". Wir sind den knapp 273.000-Euro teuren Luxus-Kreuzer gefahren.

Anstelle des Drehzahlmessers prangt im noblen Instrumententrger eine "Power"-Skala, die die Leistungsreserve anzeigt.

Facelift? Modellpflege? Eher wrden sie sich bei Rolls-Royce auf die Zunge beien, bevor sie solch profane Begriffe in den Mund nehmen. Schlielich ist eine Limousine aus Goodwood eine "Timeless Icon", eine zeitlose Ikone, der man nicht einfach mal eben mit ein bisschen frischer Schminke zu Leibe rckt. Wenn in diesen Tagen der berarbeitete Ghost, Verzeihung, der Ghost Series II, zu Preisen ab 272.837 Euro auf die Strae kommt, muss man deshalb schon ganz genau hinschauen, wenn man die Unterschiede zum aktuellen Modell erkennen will. Zumal man sich mit dem direkten Vergleich ein bisschen schwertun drfte. Denn obwohl der Ghost nun schon seit fnf Jahren auf dem Markt ist und sich besser verkauft hat als jeder Rolls-Royce vor ihm, ist der Gute Geist aus Goodwood noch immer eine vergleichsweise seltene Erscheinung.
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Britisches Understatement bei den nderungen

Der V12-Direkteinspritzer zwar weniger Hubraum, aber mehr Leistung als im Phantom und kommt so auf 570 statt 460 PS.

Dass sich die Khlerfigur nein nicht Emily, sondern Spirit of Ecstasy, so viel Zeit muss sein! jetzt sieben Grad weiter in den Fahrwind neigt, dass der Khler nun 13 Millimeter hher aufragt und dass die schier endlos lange Motorhaube nun einen neuen Faltenwurf hat, der an die Kondensstreifen eines Flugzeuges erinnern soll mal ehrlich: Das wrde wahrscheinlich nicht einmal ein Stammkunde erkennen. Selbst wenn er wie immer mehr Ghost-Besitzer tatschlich selbst ins Steuer greift und die niederen Fhrungsaufgaben nicht dem willfhrigen Personal berlsst. Zum Glck gibt's wenigstens neue LED-Scheinwerfer mit einer ziemlich spektakulren Tagfahr-Signatur, die einem bei der Zuordnung des Modelljahres helfen. Auch unter dem Blech hlt sich der Fortschritt in engen Grenzen. Denn was soll man schon verbessern an einem Fahrwerk und einem Antrieb, die einen Bewegung eher erahnen als tatschlich spren lassen. Fahrgefhl? Dafr msste man erst einmal etwas fhlen, wenn man wie auf Wolken gebettet in einer Oase der Ruhe durch Raum und Zeit gleitet.

Bentley Bentayga (2015): Vorstellung

Weil ein Rolls-Royce nicht der schnellste, sondern der sanfteste in seiner Klasse sein will, gleitet man wie in Watte gepackt durch die Welt. Eine butterweiche Luftfederung, ein feinfhliger Wankausgleich, eine samtene Achtgangautomatik und ein kaum hrbarer Motor lassen den Ghost deshalb geistergleich dem Ziel entgegen schweben.

Sportwagenbeschleunigung und Lammfellteppich

Der edle Brite spurtet trotz seiner stattlichen 2,5 Tonnen in 4,9 Sekunden auf Tempo 100.

Dennoch schlgt unter dem Smoking das Herz eines Sportlers. Nicht umsonst hat der V12-Direkteinspritzer zwar weniger Hubraum aber mehr Leistung als im Phantom und kommt so auf 570 statt 460 PS. Das, und vor allem die bis zu 780 Nm Drehmoment, sind ein solides Fundament fr eine feudale Fahrt, bei der man sich durch nichts und niemand aus der Ruhe bringen lsst und schnell versteht, warum Rolls-Royce die Motorleistung frher nur mit "ausreichend" angegeben hat. Denn prunkvolle Zahlenspiele und prestigetrchtige berholduelle hat ein Rolls-Royce nicht ntig. Wer hier am Steuer sitzt, der geniet die stille Reserve auf der "Power"-Skala, die anstelle des Drehzahlmessers im noblen Kombiinstrument prangt, und wei, dass er sich den Luxus der Langsamkeit leisten kann.

Rolls-Royce Wraith: Fahrbericht

Doch keine Sorge: Fr den Earl in Eile haben die Ingenieure vorgesorgt. Ein beherzter Tritt aufs tief im flauschigen Lammfellteppich verborgene Gaspedal gengt, schon braust der Brite ein wenig heftiger auf, lsst die Last von Lack und Leder und vor allem von seinen stattlichen 2,5 Tonnen abfallen und schnellt in 4,9 Sekunden auf Tempo 100. Allerdings ist mit Rcksicht auf die Ruhe und die Reifen sptestens bei 250 km/h Ende mit der Eile. Doch wer unter den Rolls-Royce-Kunden schneller fahren will, hat in seiner groen Garage fr solche Gelegenheiten sicher noch ein paar andere Spielzeuge parat.

Satelliten helfen der Automatik beim Schalten

Dass an solchen fast schon plebiszitren Spielen trotzdem offenbar immer mehr Kunden gefallen finden, davon zeugt eine der wenigen technischen Neuerungen bei der Modellpflege. Denn die Briten haben nicht nur die satellitengesttze Getriebesteuerung aus dem Wraith bernommen, die mit schier hellseherischer Kraft schon die Gnge wechselt, bevor es an einer Steigung oder in einer Kurve tatschlich angeraten ist. Sondern jetzt gibt es auch ein Dynamic Driving Package, fr das die Federung einen Hauch straffer abgestimmt und die Motorelektronik eine Spur nachgeschrft wurden. Und weil man das riesige Lenkrad dann nicht nur mit spitzen Fingern anfasst, sondern auch mal krftig zupacken muss, fhlt sich der drre Kranz jetzt an, als wre ein bisschen mehr Fleisch am Knochen.

Bentley Flying Spur (2014): Fahrbericht

Dezente nderungen: Der Khler des Ghost Series II ragt 13 Millimeter hher auf.

Die nderungen an den einzelnen Modellen mgen langsamer und behutsamer ausfallen als bei jedem anderen Autohersteller der Welt. Doch darf diese Zurckhaltung nicht ber die fr Rolls-Royce schier unglaubliche Dynamik hinweg tuschen, die die Briten entwickelt haben, seit sie unter dem Kommando von BMW stehen. Denn schon heute ist die Modell-Palette mit vier Varianten des Phantom, mit dem kurzen und dem langen Ghost und dem fast schon revolutionren Wraith grer als je zuvor. Und es geht ja munter weiter. Denn vermutlich schon im nchsten, sptestens aber im bernchsten Jahr kommt der Wraith auch oben ohne, irgendwann wird es selbst bei Rolls-Royce mal Zeit fr einen neuen Phantom und nachdem Bentley so viele Vorbestellungen fr seinen SUV bekommen hat, liebugelt jetzt offenbar auch die Mannschaft in Goodwood mit einem Ausflug ins Gelnde. Es ist deshalb wahrscheinlich nicht nur die Rcksicht auf die "Timeless Icon" und die Befindlichkeit der Bestandskundschaft, die Rolls-Royce bei der Modellpflege solch eine Zurckhaltung ben lsst. Sondern womglich haben die Entwickler einfach genug anderes zu tun.

Autor: Thomas Geiger

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