Rolls-Royce Phantom gegen Maybach 62

Rolls-Royce Phantom gegen Maybach 62 Rolls-Royce Phantom gegen Maybach 62

Rolls-Royce Phantom gegen Maybach 62

— 28.02.2003

Auch Milliardäre haben es nicht leicht

Soll es die automobile Ikone Rolls-Royce sein oder der Newcomer Maybach? Wer in diesen Sphären einkauft, entscheidet sich vor allem für Image und Stil. Oder etwa doch für die Technik?

Eine Frage der persönlichen Präferenz

Stellen Sie sich vor, Sie wären Portier im Ritz oder im Savoy und es würden gleichzeitig ein Maybach und ein Rolls-Royce vorfahren. Bei welchem Auto würden Sie wohl zuerst den Wagenschlag öffnen?

Nehmen wir mal an, Sie wären Industriemagnat und wollten auf der Fahrt von der Wohnung ins Büro noch eine halbe Stunde Schlaf nachholen. Würden Sie lieber im Phantom Platz nehmen oder im (langen) Maybach 62?

Sie merken schon: Selbst im elitären 400.000-Euro-Club ist die Wahl des passenden Autos vor allem eine Frage der Perspektive und der persönlichen Präferenz. Zugegeben: Die Entscheidungskriterien sind vielschichtiger und subjektiver als in der Golf-Klasse. Es geht nicht so sehr um Hubraum, Leistung oder Drehmoment, sondern um das Ambiente, das mit seiner Innen- und Außenwirkung dem Besitzer ebenso gerecht werden muss wie dem Betrachter. Und es geht um die Emotionen, die frei werden, wenn man sich hinter das Lenkrad setzt oder im Fond Platz nimmt.

Traditionalisten sind im Phantom zu Hause

Der Phantom ist eine gut gemachte Verbeugung vor der eigenen Vergangenheit. In dieses Auto steigt man nicht ein, man betritt es. Die hohe Sitzposition lädt ein zum Panoramablick über das weite Land der Motorhaube, deren Horizont von der Kühlerfigur markiert wird. Erst auf Knopfdruck – oder wenn ihr unbefugte Hände an die silberne Wäsche gehen – verschwindet die Flying Lady lautlos in der Versenkung.

Traditionalisten fühlen sich in diesem Wagen auf Anhieb zu Hause: Der spindeldürre Lenkradkranz, die rot-blauen Rändelräder der Klimaautomatik, die verchromten Schubstangen für die Belüftungsrosetten, das runde Paneel mit den Lichtschaltern und dem Starterknopf – die Liste der liebevollen Reminiszenzen an die große Vergangenheit ist lang.

Getrübt wird das Bild nur dort, wo die Nähe zum Münchener Mutterhaus durchschimmert. Für Stirnrunzeln sorgen beispielsweise die BMW-typisch unpraktische Sitzverstellung, der in einem Schubfach der Mittelkonsole versteckte, wenngleich auch abgespeckte iDrive-Controller (immer noch ohne Escape-Taste) und die im Stil der 7er-Reihe zu weit auseinander liegenden Lenkstockhebel.

Unverkennbare Verwandtschaft zur S-Klasse

Um den Maybach besser zu verstehen, muss man wissen, dass dieses automobile Luxusgefährt bis Anfang 2001 als Nobelvariante von Mercedes-Benz geplant war. Erst vor rund zwei Jahren beschlossen die Schwaben, die Marke Maybach neu aufleben zu lassen – doch da war es für Blechänderungen schon zu spät.

Deshalb sieht der Maybach 62 aus wie ein besonders edler Mercedes-Benz 600 Pullman – und so ähnlich fährt er sich auch. Die Verwandtschaft zur S-Klasse hinterließ ihre Spuren selbst im Cockpit, wo trotz ausgesuchter Oberflächen keine wirklich neue Erlebniswelt entstehen mag.

Erst im Fond entwickelt der Maybach 62 die gewünschte Eigenständigkeit. Das liegt nicht nur an den opulenten Platzverhältnissen und an der genial-multifunktionalen Sitzkonstruktion, sondern auch an der Liebe zum Detail. Die ausgefuchste Unterhaltungs- und Kommunikationstechnik, das exquisite Ausstattungsangebot und vielfältige Dachvariationen schaffen den gewünschten Freiraum für persönliche Gestaltung.

Technisch-kühl oder verspielt-ornamental?

Dabei unterscheidet sich der Viersitzer aus der Übergrößenabteilung mit seiner technisch-kühlen Formensprache deutlich vom verspielt-ornamentalen Phantom-Interieur. Zu den Maybach-Besonderheiten gehören die raffinierten Lichteffekte, die Zweitinstrumente in der Dachkonsole und die Versteckspiele der drei Elektrovorhänge.

Der Rolls-Royce besitzt so genannte Coach Doors, die hinten angeschlagen sind und von innen auf Knopfdruck geschlossen werden können. Der Ein- und Ausstieg will geübt sein. Die englischen Benimmprofis bevorzugen die Sequenz "drehen, ducken und sich entspannt rücklings in den Sitz gleiten lassen". In entgegengesetzter Richtung empfehlen wir Damen (und Männern in Schottenröcken) den angehockten Ausfallschritt mit möglichst wenig gespreizten Oberschenkeln.

Die an den Seiten abgerundeten Rückenlehnen und die überbreiten C-Säulen wecken Assoziationen an ein Separee auf Rädern, das wie der senkrechte Kühlergrill und die extrahohe Gürtellinie dem klassischen Leitmotiv "My car IS my castle" entspricht. Nicht genug Platz? Dann warten Sie auf die Langversion oder ordern die Einzelsitzanlage.

Fahrwerk, Komfort und Handling

Phantom und Maybach fahren sich wie stark motorisierte Oberklasselimousinen, die aus Versehen einen oder zwei Meter zu lang ausgefallen sind. Das hohe Gewicht merkt man vor allem beim Bremsen, die gewaltige Masse spürt man bei jeder Einlenkbewegung, und die schiere Größe ist nicht nur in engen Kurven ein Handicap, sondern auch bei der Parkplatzsuche.

Im Gegensatz zu früheren Rolls-Royce-Modellen, die mit einer Wünschelruten-Lenkung und einem Federkern-Chassis gestraft waren, schafft der Phantom auf Anhieb den Sprung vom Chauffeur- zum Fahrerauto. Der Kantenhauber liegt wunderbar satt auf der Straße, er ändert die Richtung, ohne nachzufragen, und er versucht nicht, sich durch frühes Untersteuern oder prolliges Karosserie-Schunkeln aus der Affäre zu ziehen. Darüber hinaus ist der Rolls unerwartet wendig, spritzig und kurvenfreudig. In diesem Auto darf man, ohne rot zu werden, DSC suchen, finden (iDrive ...), abschalten und seinen Spaß haben. Schwächen? Die um die Mittellage unentschlossene Lenkung zwingt zu ständigen kleinen Kurskorrekturen, der Motor hält bei Kickdown zur Sicherheit noch einmal Rücksprache mit dem Getriebe, und die im Prinzip harmonische Luftfederung steht mit Katzenaugen und Querfugen auf Kriegsfuß.

Der Maybach 62 beschleunigt trotz sieben Zentner Mehrgewicht einen Wimpernschlag besser als der Rolls. Doch was bedeuten in diesem Duell schon Sekundenbruchteile? Hier geht es um souveräne Kraftentfaltung – und da verzeichnen wir zwischen Deutschland und England ein gerechtes Unentschieden.

Fazit und Technische Daten

Das Auto aus Sindelfingen überzeugt durch unbeirrbare Richtungsstabilität, ausgewogenen Komfort und eine bodenständige Straßenlage. Leider beginnt die Schokoladenseite des Maybach 62 erst zwei Handbreit hinter dem Fahrersitz, denn die Lenkung ist eher indifferent als mitteilsam, und in Kurven beschäftigt sich das Unterbewusstsein mehr mit Radien und Winkeln als mit Grip und Querbeschleunigung. Maybach oder Phantom? Diese Frage ist so leicht zu beantworten wie die Entscheidung zwischen Brahms und Beethoven, Brunello und Bordeaux oder Chanel und Dior.

Unser Fazit mag einige überraschen: Aus der Fondperspektive betrachtet, übernimmt der Maybach 62 die Rolle des Rolls-Royce. Als Fahrerauto hingegen ist der Rolls die Nummer eins. Doch eines dürfte kein Testergebnis auf der Welt ändern: Als Statussymbol ist und bleibt Emily die First Lady im Reich der Luxuslimousinen.

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