Rückblick 20 Jahre AUTO BILD

Rückblick 20 Jahre AUTO BILD: Verschollen in Cwmbrwyno Rückblick 20 Jahre AUTO BILD: Verschollen in Cwmbrwyno

Rückblick 20 Jahre AUTO BILD

— 23.02.2006

Er zog noch mal aus

Zwölf Jahre nach seinem Auszug in die walisische Ödnis testete AUTO BILD-Autor Hauke Brost erneut den Schutzbrief der Allianz. An genau demselben (unaussprechlichen) Ort.

Nackt am A... der Welt

Jünger... jünger sind wir alle nicht geworden. Die Regenwolken von Cwmbrwyno, sie hängen tiefer als damals. So wie meine Tränensäcke. Die Stufen im "Belle Vue Royal- Hotel" von Aberystwyth, sie knarren lauter als damals. So wie meine Gelenke. Zurück in Cwmbrwyno, zurück am Schauplatz des Allianz-Autofahrerschutzbrief-Testes von 1994.

Rückblende. "Ticket weg, Geld weg, Auto weg? Wir holen Sie überall raus. Auch aus Cwmbrwyno", so lockte damals die Allianz. Ich, der Reporter, besorgte mir den Schutzbrief, fuhr nach Cwmbrwyno (was erstens in Wales und zweitens am A... der Welt liegt) und stand nackt am seltsamsten Ortsschild Europas. Sie holten mich tatsächlich raus. Sie waren wie eine Mutter zu mir. Sie hielten am Telefon meine Hand. Dankbar war ich, bei der Allianz versichert zu sein. Das schrieb ich dann auch in meiner Reportage. Damals. Und heute?

Es beginnt mit einer Enttäuschung, denn den Schutzbrief gibt es so nicht mehr. Man müßte schon anderweitig Allianzkunde sein, um in den Genuß des "Holt mich hier raus"-Schutzbriefes zu kommen, belehrt man mich bei der Allianz. Aber, reiner Zufall, ich bin tatsächlich Allianz-Kunde. Zehn Minuten später habe ich den "Mobil-Schutzbrief" 2006. Er kostet heute 55 Euro und einen Cent, damals 104 Mark, das ist teurotechnisch akzeptabel. Ob die Allianz aber heute noch hält, was sie damals versprach – wir werden es testen.

Es deutschelt in Cwmbrwyno

Meine AUTO BILD-Reportage von 1994 machte das unaussprechliche Cwmbrwyno, ein Nest mit deutlich unter 30 Cwmbrwynoanern, deutschlandweit berühmt – und die Waliser offenbar zu "friends of Germany". Das "Druid Inn", eine einsame Kneipe zwischen blökenden Schafen, damals mein Zufluchtsort, als ich halbnackt auf das von der Allianz bezahlte Taxi wartete, verfügt mittlerweise über einen "Bed & Breakfast"-Anbau für "many german tourists", wie der Wirt verblüfft erklärt.

Die nahe Kreisstadt Aberystwyth am Ufer des Atlantik, der Cwmbrwyno angegliedert ist, ging erst kürzlich eine Patenschaft mit Kronberg im Taunus ein, und seitdem boomt Germany hier richtig: Erst siedelte sich Lidl an, dann Tchibo, dann der Scorpions-Ex-Gitarrist Uli Roth. Im Hotel gibt's Joghurt von Müller. Ein Ratsherr hat inzwischen eine deutsche Freundin. Im Krankenhaus behandelt ein "german doctor", und sogar Gemeindedirektor Jim Griffiths kennt sich aus in Deutschland: "Fällingboustel, Fällingboustel", ruft er entzückt. Er war mal dort. "Münschen, Weischbiär, Oktouberfäst", schwärmt seine Sekretärin. Es deutschelt in Wales, seit AUTO BILD berichtete.

Doch wo ist Olga? Olga spielte in der AUTO BILD-Reportage von 1994 eine wichtige Rolle, denn sie war die Wirtin von der Kneipe "Druid Inn", und dort durfte ich mich aufwärmen. Nackt wie ich war. Olga und mich verbindet also eine innige Herzenswärme.

Herzensgut: Ex-Wirtin Olga

Leider mag sie nicht mehr Wirtin sein. Sie privatisiert mittlerweile, putzt manchmal noch stundenweise die Flure der im ganzen Land bekannten Universität von Aberystwyth. Ohne Deutsches kann aber auch sie nicht sein: Kurz nach der AUTO BILD-Reportage erstand ihr Gatte, ebenfalls auf Rente, einen C-Klasse-Mercedes als Diesel, der heute noch unverwüstlich tuckert. "Nix braucht Älliänz-Schuudsbreaf", strahlt Olga.

In der Reportage von damals tauchte aber noch jemand auf, und den suchen wir jetzt. Es war ein zufälliger Passant mit einem riesigen Stock in der mächtigen Faust. Ich fragte ihn seinerzeit, wo's nach Cwmbrwyno geht, denn dieses Nest findet sich auf keiner walisischen Straßenkarte. Er hob den Arm und zeigte auf ein paar Schafe. Was mag aus ihm geworden sein?

"It's Howie Jones", rufen die Cwmbrwynoaner nach einem Blick auf die AUTO BILD von 1994 entzückt. Wenig später weiß ich: Howie besucht seine greise Mama. Da finden wir ihn, und er zeigt uns mit zittriger Hand den Weg nach Cwmbrwyno. Denn, auch das muß erwähnt sein, Howie hat ein tragisches Schicksal ereilt. 1994 war er ein Bär von einem Mann. Heute erinnert er sich kaum noch an seinen eigenen Namen, schon mal gar nicht an die german AUTO BILD-Reporters von 1994, und unaufhörlich rollt der Kopf des einstigen Schlachters in einer Wellenbewegung auf dem stämmigen Hals hin und her und her und hin.

Hoffentlich nicht Allianz-versichert

Bleibt eigentlich nur noch das eigentliche Thema dieser AUTO BILD-Revival-Reportage, stimmt's? Der "Älliänz-Schuuudsbreaf-Täst" zwölf Jahre danach. Finsternis senkt sich auf die Schafe, das "Druid Inn" und "Weather Spoons". Oh Schreck: Die Telefonzelle, von der aus ich damals die Allianz-Notrufzentrale anwählte, gibt es nicht mehr! Cwmbrwyno ist telefonzellenbefreite Zone! Wir ändern also das Drehbuch ein wenig: Zwar ist mein Auto weg, mein Geld und die Papiere auch. Aber das Handy, das blieb mir erhalten. Am nächsten Morgen wähle ich wie damals 00 49/ 89/ 38 00 – 23 00. "Allianz-Schutzbrief-Zentrale, guten Tag ..."

Tja, was soll ich sagen: Sie helfen einem durchaus, wenn man da anruft. Zum Beispiel stellen sie gern den Kontakt zu meiner Hausbank her, die mir dann ja Geld überweisen könnte. Als wenn ich das nicht selber könnte! Insgesamt hatte ich den Eindruck, mitten in die Kaffeepause eines liederlich geführten Callcenters geplatzt zu sein, und wahrscheinlich standen sie direkt am Kaffeeautomaten mit ihren Kopfhörern und machten sich lustig über den blöden Touristen, der verzweifelt um Hilfe ruft aus einem Kaff, das eh keine Sau buchstabieren kann.

Mehrfach wurde ich vertröstet und irgendwohin weiterverbunden. Ein höhnischer Umgangston und Sprüche wie "Wenn ich mal ausreden dürfte ..." oder "Da hat meine Kollegin Ihnen Blödsinn erzählt ..." gaben mir zwölf Jahre nach dem ersten Test nicht ein zweites Mal das Gefühl, ein willkommener Allianz-Kunde zu sein.

Dabei stand ich gerade schlotternd vor Kälte am Ortsschild von Cwmbrwyno, was erstens in Wales und zweitens am A... der Welt liegt, und man hatte mir doch soeben mein Auto und alle Papiere geklaut. Vielleicht sollte man nur einmal im Leben nackt in Cwmbrwyno sein. Und beim zweiten Mal – da ist man hoffentlich nicht Allianz-versichert.

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