Rundgang in Detroit 2010, Teil 2

Rundgang in Detroit, Teil 2

— 12.01.2010

Die Amerikaner in Detroit

Das katastrophale Autojahr 2009 war den US-Herstellern offenbar keine Lehre. In Detroit 2010 dominieren nach wie vor dicke SUV und durstige Pick-ups. Trotzdem gibt es ein paar kleine Lichtblicke!

Mit 10,43 Millionen verkauften Pkw schrumpfte der US-Markt laut "Automotive News" um satte 21 Prozent. Trotz Abwrackprämie für spritfressende Saurier (Cash for Clunkers). Nur im Rezessionsjahr 1982 wurden ähnlich wenig Autos verkauft (10,5 Millionen). Größter Verlierer war Chrysler mit einem Minus von 36 Prozent, gefolgt von GM (minus 30 Prozent). Ford, einziger US-Hersteller, der kein Staatsgeld beanspruchte, verlor 16 Prozent. Es kann also nur besser werden. Aber wie? Amerika blickt nach Europa, lernt von Europa. Kleinere, verbrauchsgünstige Autochen, genau das sei der neue Trend für den US-Markt. Alle mal Lachen. Wer durch die Messe-Hallen am Detroit River streift, der sieht, dass die Amis vielleicht wollen – aber offensichtlich noch nicht können.

Was wir hier erblicken, sind noch die Früchte einer ewig gestrigen Ausrichtung und die Folge einer Spritpreispolitik, die ernsthaftes Haushalten mit Benzin nicht wirklich zwingend notwendig macht. Dicke SUV, Pick-ups, Trucks. Ab und an trägt einer der fetten Brummer einen Anstands-Hybrid unten drunter. Das ist dann so, als wenn sich ein Quartalssäufer statt zwei Flaschen Wodka nur noch eine pro Tag auf die Leber kippt. Ein Trinker bleibt er trotzdem. Wirklich neue Impulse gehen jedenfalls von den US-Herstellern hier nicht aus. Einige Peinlichkeiten schon. So leiht sich Chrysler vom neuen Allianzpartner Fiat mal eben den Lancia Delta und klebt – welch innovative Meisterleistung – schnell mal seine Markenembleme drauf. Feigenblattpolitik erster Kajüte. Ob der so kommt und wie das Adoptivkind heißen soll, wusste am Chrysler-Stand übrigens keiner so genau.

Detroit-Rundgang, Teil 1: Die Deutschen in Detroit

Der neue Ford Focus soll 2011 in Deutschland an den Start gehen und in der Golf-Klasse punkten.

Auch GM – im Volksmund längst als Government Motors verspottet – stellt nicht wirklich Wegweisendes auf die Messe. Nehmen wir mal die GMC-Studie Granite aus. Der Schrumpf-SUV-Minivan-Crossover sieht mit seinen gegenläufigen Türen richtig pfiffig aus, und bleibt bei einer Länge von 4,01 Meter im Polo-Bereich. Auch der Antrieb ist durchaus volksnah: 1,4-Liter-Vierzylinder-Turbo mit Sechsgang-Doppelkupplunggetriebe. Bei Cadillac indes drängen sich allerlei muskelgeschwängerte Modelle, bei Konzernschwester Buick, gleich nebenan, gibt der Regal GS seine Premiere als Concept-Car. Die 1:1-US-Version des Opel Insignia OPC soll mit 2,0-Liter-Turbo und 258 PS zeigen, dass man auch mit vier Zylindern durchaus Spaß haben kann. Ob da die Amis mitspielen? Vergleichsweise bescheiden tritt der Chevrolet Cruze LTC auf. Die 4,60 Meter lange Stufenhecklimousine mit der Technik des neuen Opel Astra, soll hier mit 1,4-Liter-Vierzylinder-Turbo und 138 PS vor allem eines: Sprit sparen. Und Vertrauen schaffen. Chevrolet gibt 100.000 Meilen Garantie, mehr als jeder andere Hersteller.

Kommen wir zu Ford. Für die fing der Tag mal richtig gut an. 49 Motorjournalisten wählten gleich zwei Ford-Modelle zum American Car of the Year: den Fusion Hybrid in der Pkw-Sparte und den Transit Connect als Truck of the Year. Im Mittelpunkt der großen Presse-Show am Morgen stand aber ein anderer – die dritte Generation vom Focus. Als neues Weltauto  soll der kaum gewachsene Golf-Gegner in 122 Ländern an den Start gehen, bei uns ab Anfang 2011. Der neben dem Fließheck gezeigte Stufenheck-Ableger bleibt allerdings dem US-Markt und Asien vorbehalten, vielleicht auch Russland. In Amerika will sich Ford allerdings noch kleiner machen. Ab Sommer geht hier der Fiesta in den Verkauf, mit 1,6 Litern Hubraum und rund 125 PS.

Wer nun allerdings glaubt, Ford verliere das ganz Große aus den Augen, sieht sich getäuscht. Gleich auf Spiegelhöhe des Fiesta glänzt der überarbeitete Mustang im Rampenlicht. Noch wuchtiger, noch maskuliner und in der Top-Version mit einem komplett neuem Fünfliter-Vierventil-V8 und 418 PS unter der Haube. Und dann ist da natürlich noch die Pick-up-Familie F150. Amerikas erfolgreichstes Stück auf vier Rädern. Auch im Seuchenjahr wieder die absolute Nummer eins im Land der unbekümmerten Spritvernichter. Mit weit über 400.000 verkauften Einheiten in 2009 das vielleicht deutlichste Beispiel dafür, dass Obamas Wunsch nach einem Kurswechsel im Umgang mit dem Automobil vielleicht doch noch nicht so ganz auf der Straße angekommen ist.

Autor: Tomas Hirschberger

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