Rußland verstaatlicht Fahrzeugbau

Wolga 3110d

Rußland verstaatlicht den Fahrzeugbau

— 02.02.2006

VEB Auto

Rußland kehrt zurück zu alten wirtschaftlichen Wurzeln: Die marode Autoindustrie soll zu ihrem eigenen Wohl verstaatlicht werden.

Olga will nicht mehr mit Wolga

Wirtschaftsberater Boris Aljoschin hat Präsident Wladimir Putin in einem Brief vorgeschlagen, die russische Autoindustrie zu verstaatlichen. "Der Anstieg der Verkäufe neuer ausländischer Importwagen auf dem russischen Markt verwandelt die Konkurrenz in einen ungleichen Kampf", schrieb Boris Aljoschin, Chef der Föderalen Agentur für Industriepolitik, an seinen Präsidenten Wladimir Putin. Russische Wagen fänden keine Käufer mehr, eine Industrie mit mehreren Millionen Arbeitsplätzen stehe vor dem Ruin.

Aljoschin lieferte in dem vertraulichen Schreiben vom 20. Dezember 2005, das die Zeitung "Vedomosti" auszugsweise veröffentlichte, gleich die Lösung dieses Problems: Der Staat müsse alle Aktiva im Fahrzeugbau in Rußland in einer staatlichen Holding bündeln. Aljoschin nennt dies eine "diversifizierte Korporation, die einen bedeutenden Rang in der Hierarchie des weltweiten Fahrzeugbaus mit hoher Kapitalisierung einnimmt". Dieser Rettungsplan soll umgerechnet vier Milliarden Euro kosten. Putin setzte auf den Brief das Wort "Soglasen" – "Einverstanden". Nach den Zukäufen im Öl- und Gassektor und Maschinenbau will der Kreml – Aljoschin ist einer der Topberater Putins – nun auch den Automobilbau verstaatlichen.

Unter das Dach dieser Holding sollen offenbar die Werke aller bedeutenden russischer Automobil- und Nutzfahrzeughersteller kommen. Das wären Rußlands größter Automobilproduzent AvtoVAZ (Lada), der Lastwagen-Hersteller KamAZ sowie der Automobil- und Nutzfahrzeughersteller GAZ (Wolga). Auch der Jeep-Produzent UAZ könnte sich zu dem Einerlei gesellen. Russische Auto-, Bus- und Lastwagen-Produzenten fertigten 2005 rund 1,3 Millionen Einheiten. "Diese Unternehmen besetzen verschiedene Nischen und ergänzen einander", will Aljoschin durch die Verstaatlichung Synergieeffekte heben.

Lada und Co haben einen schlechten Ruf

Ein Problem gibt es allerdings: Bei keinem dieser Unternehmen hält der Staat bislang die Aktienmehrheit. Bei AvtoVAZ und KamAZ sind staatliche Organisationen Minderheitsaktionäre, bei GAZ hat der Oligarch Oleg Deripaska mit seiner Gruppe Russkije Maschiny, die zur Holding Basic Element gehört, das Sagen. UAZ gehört zu SeverstalAvto des Multimilliardärs Alexej Mordaschow. Bislang wurde offenbar nur über die Köpfe von Deripaska und Mordaschow hinweg verhandelt.

Am weitesten ist der Staat mit seinen Plänen bei dem Lada-Konzern AvtoVAZ in Togliatti an der Wolga. Seit Ende vergangenen Jahres, als das alte Management entmachtet wurde, hat dort der staatliche Rüstungsexporteur Rosoboronexport sowohl im Aufsichtsrat als auch im Management das Sagen. AvtoVAZ gehört sich selbst, eine selbst für russische Verhältnisse einmalige Struktur. Um die Aktienmehrheit zu erlangen, will der russische Staat nun Steuerschulden des Konzerns gegen ein Aktienpaket verrechnen. AvtoVAZ, das an der Börse rund 1,1 Milliarden Euro wert ist, produzierte im vergangenen Jahr rund 720.000 Fahrzeuge.

Der russische Fahrzeugmarkt ist einer der am schnellsten wachsenden weltweit. 2005 gaben Russen einem Bericht der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zufolge für Autos umgerechnet 18,3 Milliarden Euro aus, ein Plus von 22 Prozent gegenüber 2004. PwC zufolge verlieren die russischen Produzenten seit Jahren Marktanteile an ihre ausländischen Mitbewerber. Lag 2002 noch der Marktanteil von Lada & Co. bei 63,1 Prozent, beträgt er heute 48,9 Prozent. Russische Verbraucher, die es sich leisten können, haben sich längst gegen Lada und Wolga entschieden, denen ein schlechter Ruf anhängt. Erfolgreich sind ausländische Hersteller mit Montagewerken in Rußland wie Ford, Hyundai und Kia, bald folgen Toyota und VW.

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