Unfallort auf der A19 nach dem Sandsturm

Sandsturm-Unfall auf A19: Prozess

— 17.06.2015

"Sandwolke war vorhersehbar"

Acht Tote, 131 Verletzte, 83 Fahrzeugwracks: die Bilanz des Horrorunfalls im April 2011 auf der A19 bei Rostock. Im Prozess dazu erläuterten jetzt Dekra-Gutachter, ob das Grauen vorhersehbar war.

(dpa/jb) Der Prozess am Rostocker Amtsgericht um die Massenkarambolage im Sandsturm auf der Autobahn 19 ist am Mittwoch (17. Juni 2015) in eine entscheidende Phase gegangen. Dabei erläuterten Dekra-Gutachter, dass der Wagen der angeklagten 54-jährigen Autofahrerin aus Brandenburg mit einer Geschwindigkeit zwischen 78 und 94 Kilometer pro Stunde auf den vor ihr fahrenden Pkw aufgefahren sei. Nach Berechnungen der Gutachter war dieser Pkw beim Aufprall selbst mit einer Geschwindigkeit von etwa 36 Stundenkilometern unterwegs und wurde durch den Aufprall in Richtung der Mittelleitplanke gedrückt. Er prallte dort mit rund 75 Kilometer pro Stunde auf. In dem Auto starb ein Ehepaar.

Sandsturm-Unfall auf der A19

Bei dem Unfall im April 2011 südlich von Rostock waren mehr als 80 Fahrzeuge beteiligt, acht Menschen kamen ums Leben. Die Angeklagte war mit fünf Freundinnen in einem Transporter unterwegs, als der Unfall geschah. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr fahrlässige Tötung vor, sie habe zu spät auf die Wolke reagiert. Nach Ansicht der Gutachter soll diese schon aus rund 650 Metern zu sehen gewesen sein. Dies ergebe sich aus den topographischen Gegebenheiten auf den Feldern und den sich damit deckenden Zeugenaussagen, sagte der Unfallanalytiker Dirk Hartwig am 6. Mai 2015 vor dem Amtsgericht Rostock. Auch von einer mehrere Hundert Meter vor der Senke stehende Baumgruppe hätten sich bereits dichtere Sandfahnen gebildet, die über die Autobahn zogen. Die Brandenburgerin hatte vor Gericht gesagt, dass die tödliche Sandwolke urplötzlich aufgetaucht sei. In Kürze werden in dem seit Januar dauernden Prozess die medizinischen Gutachter zu Wort kommen.

Sicht in Wolke unter fünf Metern

Bei dem schweren Unfall in der Nähe von Rostock fuhren 83 Autos ineinander, acht Menschen starben.

An dem Unfall südlich von Rostock waren auf beiden Fahrspuren in Richtung Berlin und Rostock mehr als 80 Fahrzeuge beteiligt. Acht Menschen starben, rund 130 wurden verletzt. In der Wolke lag laut Anklage die Sicht teilweise unter fünf Metern. Die angeklagte Frau, die mit fünf Freundinnen in dem Kleinbus gesessen hatte und zu einem Wochenendausflug nach Warnemünde unterwegs war, erlitt schwerste Verletzungen.

Unterschiedliche Zeugenaussagen

Die Dekra-Gutachter hatten neben Fotos und einem Video, anhand derer der Zug der Sandwolke über die A19 rekonstruiert wurde, auch Aussagen von Zeugen in Hinblick auf die Sichtbarkeit der Wolke und deren Beteiligung an den Unfällen ausgewertet. Demnach gaben elf Zeugen an, die Sandwolke teils mehrere Hundert Meter vorher gesehen zu haben - darunter alle Zeugen, die nicht auf ein anderes Auto aufgefahren waren. Hingegen hatten vier Zeugen angegeben, dass die Wolke plötzlich aufgetreten sei; alle saßen laut Dekra-Gutachter in Fahrzeugen, die auf andere Autos auffuhren. Diese Feststellung treffe er frei von jeder Wertung, sagte Hartwig.

Verteidiger kritisiert Fehlen von Fotos und Video

Aufnahmen vom direkten Unfallzeitpunkt lagen den Gutachtern nicht vor. Der Verteidiger der angeklagten Brandenburgerin bezweifelt, dass die Sandwolke – wie von den Gutachtern angegeben – zum Unfallzeitpunkt in drei Abschnitten über die A19 zog. Er kritisierte, dass den Unfallanalytikern ein Hubschrauber-Video der Polizei, was rund 40 Minuten nach der Unfallserie entstanden sein soll, sowie unzählige Fotos von der Unfallstelle fehlten, obwohl diese zur elektronischen Akte des Verfahrens gehörten.

Deutschlands größte Rettungsübung

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Der Verteidiger warf der Staatsanwältin vor, die Materialien den Gutachtern nicht zur Verfügung gestellt zu haben. Die Staatsanwältin sagte, sie sei davon ausgegangen, dass die Unterlagen von der Polizei an die Dekra gegangen seien. Das Hubschrauber-Video der Polizei, das um 13.07 Uhr und damit eine gute halbe Stunde nach den Unfällen startet, soll am 20. Mai gezeigt werden. Auch will das Gericht dann die Dekra-Gutachter zur Frage hören, ob der Unfall bei angepasster Fahrweise vermeidbar gewesen wäre.

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