Schuften am laufenden Band

Reportage Bandarbeiter Reportage Bandarbeiter

Schuften am laufenden Band

— 30.06.2005

Gefangen im Takt

Vom Schreibtisch zur Schicht: AUTO BILD-Reporter Henrik Fels hat drei Tage bei Ford am Fließband geschraubt. Das Tagebuch eines Knochenjobs.

Noch ein Ton und ich krepiere

Noch ein Ton, und ich krepiere. Unerbittlich drängt sich das Quäken des Weckers in mein Bewußtsein. Mit zittrigen Fingern beende ich den Spuk, mühsam gelingt mir ein Blick aufs Display: 4.50 Uhr. Im Redaktionsalltag hätte ich jetzt noch ein paar Stunden Schlaf vor mir. Doch an diesem Morgen wache ich nicht als AUTO BILD-Reporter, sondern als Bandarbeiter auf.

Eingeteilt für drei Frühschichten im Ford-Werk Saarlouis. Dreimal acht Stunden schrauben, hämmern, klicken. Dreimal Endmontage Focus und Focus C-Max. Gespannt auf jene Arbeit, die in Deutschland derzeit so arg vom Stellenabbau gebeutelt ist. Über die so viele schreiben, aber kaum einer wirklich etwas weiß. So schlurfe ich eine halbe Stunde später mit knapp 2000 neuen Kollegen durchs Tor 3.

In gleicher Stärke kommt uns die Nachtschicht entgegen, mit fahlen Gesichtern und zehn Prozent Lohnaufschlag - der Preis: Die besten Stunden des Tages werden verschlafen. Am Halleneingang empfangen mich Serge Mathieu, 51, ein kleiner, drahtiger Franzose, von allen nur Pepè genannt, und Kolonnenführer Rainer Müller, 55. Beides alte Hasen, seit Jahrzehnten in der Linie. Sie führen mich zu meinem Einsatzort, der Türenstraße. Zum Dienst an der Türinnenseite.

1300 Türen in siebeneinhalb Stunden

Pepè zeigt mir, wie es geht. Als erstes immer schön zwischen den beiden gelben Linien, den Taktgrenzen, bleiben: 4,50 Meter, an denen sich pro Schicht 1300 Türen der rechten Fahrzeugseite vorbeischieben. Geschwindigkeit: zwölf Zentimeter pro Sekunde. Macht 38 Sekunden pro Takt, in denen drei Schrauben, zwei Rahmen und zwei Fensterheber-Schalter zu installieren sind - das Ganze jeweils an Vorder und Hintertür.

Pepè arbeitet schnell und souverän. Sieht einfach aus, das kann ich auch. "Üb erst mal schrauben", bremst mich Pepè ein. Und er hat recht: Obwohl ich zunächst nur einen Bruchteil meiner Taktaufgabe zu erledigen habe, ist die Zeit schon knapp. Unbeholfen hantiere ich mit dem Elektroschrauber, immer wieder verkantet in der Hektik ein Gewinde.

Und das Band läuft unerbittlich weiter. Dann tauschen wir die Positionen. Unglaublich, wie kompliziert auch der Einbau der zwei schwarzen Plastikrahmen um den Türöffner ist. Allein das Einführen, vorbei am verchromten Entriegelungshebel und dem Fensterheber-Kabel, kostet mich anfangs mehr als den halben Takt.

Choreografie aus fliegenden Händen

Beim Schalter stelle ich mich nicht viel geschickter an: Dieses verflixte kleine Plastikteil, das später den Fensterheber bedient, läßt sich nur in einer bestimmten Position aufstecken und einklipsen. Dann muß es gedreht und mit einer Mischung aus Präzision und Kraft in die Tür gepreßt werden. Wer das nicht blind beherrscht, hat keine Chance. Und das alles im gleichen Takt auch noch an der hinteren Tür?

Langsam dämmert mir, daß diese 38 Sekunden nur ein Wimpernschlag sind, die Jobs am Band vor allem ein ewiger Kampf gegen die Uhr - und Pepe und die anderen eigentlich Artisten. In einer zirkusreifen Choreografie aus fliegenden Händen. Irgendwann schaffe auch ich die Abdeckungs-Nummer einigermaßen sicher und fühle mich bereit für den ersten vollen Takt mit allem Drum und Dran - Pepe, jetzt zeig ich´s dir!

Beherzt greife ich in die Schraubenkiste, zu viele erwischt - egal. Die ersten zwei marschieren gut ins Blech, Nummer drei ist störrisch. Sekunden verrinnen, mein Blutdruck steigt. Neu ansetzen, klappt. Ich sprinte zur Vordertür, greife atemlos die erste Abdeckung, fädele und schlage sie in Position - mit dem Handballen, statt dem Hammer. Macht Pepe auch so. Tut höllisch weh, spart aber Zeit, und das Biest sitzt.

Notstopp - Bandkoller - "Pepeee!"

Schnell noch den richtigen Schalter - aus, verloren! Schon schiebt sich das nächste Türenpaar seelenruhig und unerbittlich über meine gelbe Linie. Kann doch nicht wahr sein! Und nun? Notstopp? Nein! "Pepeeeee!" Der hat´s natürlich längst gemerkt: "Zu lang geschraubt", meint er trocken und bringt mein Chaos mit routinierten Griffen wieder in Ordnung.

Ich gebe nicht auf, und die Mühe lohnt: Vollkommen durchgeschwitzt, mit stechenden Rückenschmerzen und geschwollenem Handballen erwarte ich kurz vor der Mittagspause erstmals das nächste Türenpaar rechtzeitig an der gelben Linie. Ich platze förmlich vor Stolz. Und merke, daß sich mittlerweile jede Bewegung, mein Denken, mein Atmen, diesen 38 Sekunden unterworfen hat. Ja, sogar auf Toilette kann ich nur in den drei Pausen, wenn das Band in der ganzen Halle für wenige Minuten steht.

Ich bin gefangen im Takt, der alles bestimmt. Und mich sogar in den Feierabend verfolgt. Zu Hause vor dem Kühlschrank meine ich, das Gerät wandere langsam nach links weg. Klarer Fall von Bandkoller. "Haben fast alle, das geht bald weg", beruhigt man mich, als ich am nächsten Morgen davon berichte. Heute läuft´s besser. Über Nacht hat sich der Ablauf gesetzt, bald schaffe ich auch fünf, sechs Takte am Stück. Ein irres Gefühl, ich werde zum menschlichen Roboter.

"Hast dich wirklich gut geschlagen!"

Immer automatischer kommen meine Bewegungen, Nachdenken stört. Das merke ich, wenn es hakt. Unvermeidlich beginne ich, über den Zeitverlust zu grübeln, die nächsten Schritte bewußt schneller zu machen. Dann steht der Kopf im Weg, die Routine läuft aus dem Ruder. Ohne Pepe bliebe in solchen Situationen nur der Griff zum roten "Hilfe-Seil", das über jedem Arbeitsplatz hängt.

Ein Zug daran löst eine laute Melodie aus, sofort rauscht der Kolonnenführer herbei und hilft. Es sei denn, er ist schon anderweitig im Einsatz, dann stoppt die Türenstraße komplett. Alle halbe Stunde passiert das mal, irgendeiner hat ein ungelöstes Problem. Sekunden der Erlösung. Die Kollegen lieben solche Stopps, fürs Werk sind sie teuer. "Zu D-Mark-Zeiten kostete jede Minute Stillstand etwa 60 000 Mark", schätzt Müller, zum heutigen Preis schweigt er lieber. Taktfest bin ich auch am Ende meiner dritten Schicht noch lange nicht. Maximal zwanzig Minuten lang kann ich Pepe entlasten.

"Hast dich aber wirklich gut geschlagen", lobt mich mein Ausbilder zum Abschluß. "Mehrere Wochen braucht man schon, um den Takt zuverlässig zu stemmen." Zurück in der Redaktion genieße ich meine Freiheit. Nie war sie mir so bewußt. Mein Schreibtisch steht stabil und bewegungslos vor mir. Langsam verliert sich die Macht des Takts. Nicht jedoch mein Respekt vor den 7000 Bandarbeitern im Werk Saarlouis und den Zigtausenden anderswo.

Autor: Henrik Fels

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