Schumis Erben

Die neuen Weltmeister im Test Die neuen Weltmeister im Test

Schumis Erben

— 24.05.2005

Die neuen Weltmeister im Test

Fernando Alonso und Kimi Räikkönen beherrschen derzeit die Formel 1. Doch wie gut sind sie wirklich? Eine Analyse der beiden heißesten Titelkandidaten.

Kein Mitgefühl für den Champion

Das Mitleid hält sich in Grenzen: "Michael hat über 80 Rennen gewonnen, ich erst vier. Warum sollte ich ihn jetzt für ein paar Niederlagen bedauern", fragt Fernando Alonso (23). Auch Kimi Räikkönen (25) zuckt bloß die Schultern: "Ich gucke lieber nach vorn, anstatt mir über die Probleme meiner Gegner den Kopf zu zerbrechen."

So ist die neue Generation der Sieger. Die blickt allenfalls in den Rückspiegel, um die Gegenwart zu rechtfertigen. Und darin wird Schumi, zumindest 2005, immer kleiner. Das ist hart. Denn wer sah, wie der Weltmeister der vergangenen fünf Jahre in Monte Carlo ohne Balance und Grip im Ferrari durch die Mirabeau-Kurve hoppelte, wie früh er nach dem Schwimmbad vom Gas gehen mußte, bekam doch Mitleid.

Die Wachablösung, die sich derzeit vollzieht, betrifft Ferrari, aber nicht ihn. "Michael war noch vor vier Wochen in Imola der mit Abstand schnellste Pilot im Feld", erinnert sein Ex-Teamkollege Martin Brundle. "Die Krise liegt nicht an ihm." Schumi selbst sieht sich tatsächlich nicht betroffen. Flavio Briatores Verbalattacke, der Weltmeister sei nun "zu alt", läßt ihn völlig kalt: "Flavio redet viel und meint nicht alles, was er sagt."

Also überläßt Schumi das Maulen höflich seinem Ferrari-Kollegen Rubens Barrichello: "Es liegt nicht nur an den Reifen, uns fehlt’s überall." Ferrari hat diese Saison intern bereits abgehakt und konzentriert sich in der Entwicklung ab sofort auf die nächste. Dazu gehört allerdings zuerst: mit Bridgestone das verzwickte Reifenproblem zu lösen.

Beide pfeifen auf zweite Plätze

Somit ist die Bühne frei für Räikkönen und Alonso. Und wenn das Alter in der aktuellen Entwicklung eine Rolle spielt, dann allenfalls bei diesem neuen Siegerdoppel. "Während Michael seit Jahren auf Topniveau fährt, haben die beiden viel gelernt und sind ihm näher gerückt", analysiert Ex-Pilot Brundle. "Michael", so der Brite weiter, "hat nichts verloren, aber die Jungen haben an Qualität gewonnen."

Seit Räikkönen und Alonso 2001 in der Formel 1 erstmals in Erscheinung traten, bescheinigen ihnen alle Experten überragendes Talent. Schon 2003 machte Michael Schumacher selbst bei beiden "Weltmeisterqualitäten" aus. Einander ähnlich wirken der feurige Spanier und der blaßblonde Finne nur in der oberflächlichen Analyse: Beide kletterten früh in Karts und mußten sich wie Schumi ohne nennenswerte finanzielle Hilfe und mit gebrauchtem Material durchschlagen. Beide packen jede Chance eiskalt beim Schopf.

Alonso gewann bei der erstbesten Gelegenheit 2000 in Spa in der Formel 3000. Räikkönen ließ sich schon nach einem halben Jahr als F1-Neuling ohne jede Wehmut bei Sauber von den Schweizern ans Topteam McLaren-Mercedes verhökern. Und dominiert dort seitdem, sofern die Technik stimmt, nach Belieben. Beide haben auch 2005 ihre anfangs hochgeschätzten Teamkollegen, Giancarlo Fisichella und Juan Pablo Montoya, schon nach wenigen Rennen zu Statisten degradiert. Beide pfeifen auf zweite Plätze. Und sind von Hause aus keine Volksredner.

Beträchtliche Unterschiede

Trotz dieser Parallelen, die Unterschiede sind beträchtlich. Kimi Räikkönen meidet öffentliche Auftritte wie die Pest, auch wenn er in Monaco bei der alljährlichen Boss-Fete mit erlesenem Charme verblüffte. Oft nahm er in Monaco beim Gang von der Box zum Motorhome nicht mal seinen Helm ab, um mögliche Störenfriede und Schulterklopfer abzuschrecken. Fernando Alonso schritt dagegen als einziger Topfahrer demonstrativ durch die Menge. "Wenn ich mich immer zurückziehe", sagt er schlau, "werde ich noch mehr verfolgt."

Alonso liebt es üblicherweise ruhig. Er speist gern in unauffälligen Restaurants, immer umgeben von zwei, drei mürrisch blickenden Begleitern. Räikkönen zieht die Zurückgezogenheit eines Hotelzimmers vor. Alonso ärgert sich nach Niederlagen oder Fehlern "ein bis zwei Tage lang". Räikkönen, verrät ein McLaren-Mann, "tritt ein paarmal herzhaft gegen die Wand. Damit schüttelt er nach einer Viertelstunde den Ärger ab und blickt befreit nach vorn."

Räikkönen ist eher heimatverbunden, er nutzt jede Chance auf ein Treffen mit seinen alten Freunden. Alonso läßt sich oft monatelang nicht zu Hause in Oviedo blicken, bleibt im naßkalten englischen Oxford. Präsente für seine Ex-Freundin ließ er stets von Landsmann Pedro de la Rosa, dem McLaren-Tester, in der spanischen Heimat abliefern.

Inzwischen hat Spaniens neuer Nationalheld eine Neue. Räikkönen hängt an seiner Ehefrau Jenni Dahlmann. Und zwar seit dem allerersten Treffen. Um sie damals gleich am nächsten Tag wiederzusehen, mietete er einen Helikopter von Helsinki nach Turkku.

Beide lieben das Spiel mit der Technik

Die kommenden Weltmeister der Formel 1 lieben beide, weil sie als Kartsportler zum Improvisieren gezwungen waren, das Spiel mit der Technik. Alonso verfolgt sogar regelmäßig die Kontrollen der Sportkommissare seines Renault R25. "Ich dachte lange, ich würde eines Tages von Beruf Kart-Mechaniker." Räikkönen mußte seine Karts aus Angst vor väterlicher Schelte nach Unfällen immer wieder schnell und heimlich selbst reparieren. Heute gibt er laut McLaren-Mercedes-Technikchef Adrian Newey "keine Ruhe, bis der Silberpfeil nach seiner Pfeife tanzt". Sobald das der Fall ist, wachsen dem Finnen Räikkönen förmlich Flügel.

Seit mit seinem MP4-20 mit neuer Vorderradaufhängung, 25 PS Leistungszuwachs und dank weicheren Michelin-Mischungen die Qualifikation klappt, kann er wieder lachen und siegen. So wie letztes Wochenende in Monte Carlo. Mit kalten Gummis hatte er sich zu Saisonbeginn auf der ungestümen Jagd nach der Pole Position noch zwei Patzer geleistet.

"Doch im Rennen hat er Vorteile gegenüber Alonso", erklärt Ex-Weltmeister Jackie Stewart. Tatsächlich leistete sich Räikkönen in vier F1-Jahren nur zwei nennenswerte Rennfehler: die Startkollision mit Pizzonias Jaguar 2003 in Spanien und der abgewürgte Motor dieses Jahr beim Vorstart in Australien. Alonso rauschte 2003 in Brasilien übermütig mit fast 300 km/h in die Leitplanken, crashte 2004 bei ähnlichem Tempo im Eigensinn-Duell mit Ralf Schumacher in Monte Carlos Tunnel und landete zweimal im Kiesbett.

Alonso braucht trotz seiner 22 Punkte Vorsprung dringend Hilfe seines Renault-Teams, um die Überlegenheit der ersten vier Rennen zurückzufinden. Vor allem durch weniger Gewicht auf der Hinterachse. Damit nicht wie in Monte Carlo die Heckreifen zu früh schlappmachen. Menschlich hat er den totalen Rückhalt. 2004 warf Teamchef und Alonso-Manager Flavio Briatore den bis dahin stärkeren Jarno Trulli quasi raus, um dem spanischen Jungstier Ruhe zu verschaffen. Und stellte ihm den braven Fisichella zur Seite.

Räikkönens Rennreife, Alonsos Aggression

Im Gegensatz dazu wurde Räikkönen in dem Glauben an seine brachliegenden Reserven ein schnellerer Kollege vorgesetzt, als David Coulthard es gewesen wäre: Juan Pablo Montoya. Der Trick hat funktioniert. McLaren-Mercedes gilt ohnedies als das Team, daß aus Topfahrern am besten Weltmeister zu formen versteht. Über Räikkönens Quartals-Trinkerei ging man vornehm-britisch hinweg. Der Wodka-Fan dankt die lange Leine inzwischen mit Disziplin.

"Er ist dermaßen heiß", sagt sein Manager Steve Robertson, "daß er am liebsten täglich im Auto sitzen würde." Sein Fitmacher Mark Arnall stöhnt: "Kimi wird langsam anstrengend, denn für ihn ist einfach alles ein Wettbewerb. Und er will immer gewinnen." Wer sich ein Bild von Räikkönens Fitneß machen will, sollte sich mal seine Dehnübungen ansehen. Das schmerzt schon beim Zuschauen.

Seine unglaubliche Rennreife spricht für ihn, der gern sanft einlenkt und am Kurvenausgang mit artistischem Balancegefühl das Gas stehenläßt. Die pure Aggression spricht für Fernando Alonso, der in den Kurven wie ein Berserker attackiert, dabei aber seine Reifen sehr schonend behandelt.

Kandidaten von eins bis zehn

Fazit von AUTO BILD MOTORSPORT-Redakteur Peter Hesseler Michael Schumachers Uhr ist noch nicht abgelaufen. Wie auch die untenstehende Tabelle zeigt. Aber: Die Zeit seiner Jäger ist gekommen. Sie haben nun die Autos, die Teams, die Erfahrung, den Rückhalt und damit das Selbstvertrauen für konstante Topleistungen. Ich halte Kimi Räikkönen mit seinem Team McLaren-Mercedes für stabiler und abgeklärter im Titelkampf. Bei ihnen weht stärker der technische Aufwind. Deshalb sind sie Titelanwärter Nummer eins. Trotz des immer noch deutlichen Vorsprungs von Renaults Speerspitze Fernando Alonso. Schumi kommt auf jeden Fall wieder, wenn Ferrari schnell genug aus seiner Sackgasse findet. Ansonsten könnte das absolute Über-Team der letzten sechs Jahre auseinanderbrechen.

Autor: Hesseler

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