Zwei getunte VW Scirocco

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Scirocco 1.4 TSI von KW-Systems/2.0 TSI von JE Design

— 07.05.2009

Gesundgeschrumpft?

Endlich mit den Großen spielen: Der leistungsgesteigerte Scirocco 1.4 TSI von KW-Systems will mit 193 PS gegen den 200 PS starken 2.0 TSI von JE Design bestehen. Kann der Hubraum-Winzling wirklich Schritt halten?

Bescheidenheit ist sexy. Zumindest wenn sie mit weiß lackierten 19-Zöllern, schicken Anbauteilen und Flügeltüren einhergeht – wie beim Scirocco von KW-Systems. In Zusammenarbeit mit Partner MR Racing interpretiert der Veredler die momentan unheimlich angesagten Themen "Gürtel enger schnallen" und "kürzer treten" auf ganz eigene Art und Weise: Unter der spektakulären Hülle steckt tatsächlich ein winziges Aggregat – nachträglich leistungsgesteigert. Das tiefblau lackierte VW-Coupé mit lediglich 1,4 Liter Hubraum und Doppelaufladung per Turbolader und Kompressor tritt gegen einen Widersacher an, der sich den ab Werk größeren 2.0-TSI-Turbomotor gönnt, es aber bei der Serienleistung belässt. Auf eine rassige Hülle will Goliath aber nicht verzichten – weshalb ihn JE Design mit einem kompletten Bodykit einkleidet.

Dank der Auspuffanlage klingt der KW-Systems-Scirocco nach mehr

Trompetet dumpf und kraftvoll aus vier Endrohren: der Scirocco von KW-Systems.

So sind die beiden Kontrahenten nicht nur was die Leistung anbelangt fast ebenbürtig, sondern liegen auch optisch auf Augenhöhe: Wir sehen zweimal vier 19-Zöller, zweimal zwei Flügeltüren, zwei Sportauspuffanlagen, reichlich Anbauteile in doppelter Ausfertigung und zweimal vier neue Dämpfer samt Federn. Um gravierende Unterschiede zu entdecken, muss man genau hinsehen – und -hören. Stichwort Räder: Die 19-Zöller "MR-14 White Edition" auf dem KW-Systems-Scirocco kommen mindestens so gut wie die JE-Lösung im Design "Multispoke". Leider zeigt sich das Rad der winterlichen Witterung nicht gewachsen – im Testbetrieb beginnt der weiße Lack abzublättern. Stichwort Flügeltüren: Passgenauigkeit und Qualität der LSD-Doors stimmen in beiden Fällen. Stichwort Anbauteile: Die Seitenschweller des Duos sind identisch – die Frontspoilerlippen konstruktiv ähnlich. Nur beim Heckteil gehen die beiden Veredler unterschiedliche Wege – natürlich auch bedingt durch das unterschiedliche Endrohrdesign. Stichwort Auspuff: Den zweimal zwei Rohren des Kleinen steht eine mittige Doppelrohr-Lösung von JE Design gegenüber. Letztere bedient sich einer dermaßen grotesken Dimensionierung, dass Passanten so unangenehm berührt daran vorbeischauen, als würden sie einem Exhibitionisten gegenüberstehen, der gerade seinen Trenchcoat lüftet. Der Klang des JE-Endschalldämpfers fällt hingegen sehr zahm aus. KW-Systems traut sich hier deutlich mehr. Deren Anlage tönt nur unmerklich lauter – brummelt aber drei Tonlagen tiefer. Und lässt den 1,4-Liter-Zwergpinscher somit wie einen Rottweiler klingen.

Bei JE Design bleibt noch ein wenig Federweg im Fahrwerk übrig

Tiefergelegt: JE Design lässt dem Scirocco ein wenig Restkomfort.

Stichwort Fahrwerk: Hier ist die Frage, was man daraus macht. KW-Systems dreht das KW-Gewindefahrwerk so weit runter, wie es das System zulässt. Die daraus resultierenden 65 Millimeter Tieferlegung sehen spektakulär aus, kosten aber den letzten Rest Komfort. Während das Fahrzeug von JE Design mit demselben Fahrwerk und ebenfalls nicht zu verachtenden 50 Millimeter Tiefgang straff, aber vernehmlich federt, holpert und poltert es bei KW deutlich. Jenseits der 200 km/h hat die Besatzung das Gefühl, das Auto würde von Bodenwelle zu Bodenwelle springen. Genug der detaillierten Tuningbeobachtungen, hin zur wesentlichen Frage: Wie schlägt sich der kleine Motor denn nun – verglichen mit dem Ausgangsprodukt und der 2.0-TSI-Referenz? KW-Systems versieht das Motörchen mit einem Zusatzsteuergerät. Das bringt 33 Mehr-PS und 50 Newtonmeter mehr Drehmoment (290 statt 240 Newtonmeter). Die Entwicklung einer funktionierenden Leistungssteigerung für den 1.4 TSI gestaltet sich wesentlich komplizierter als bei einem einfach aufgeladenen Motor – darf das Zusammenspiel von Aggregat, Abgasturbolader und Kompressor doch nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Auch die Euro-5-Einstufung will kein Kunde missen.

KW-Systems-Geschäftsführer und Diplom-Ingenieur Volker Fink umreißt die technische Herausforderung: "Die Schwierigkeit liegt darin, den Übergang vom gemeinschaftlichen Turbo-Kompressor in den ausschließlichen Turbobetrieb bei rund 3500 Umdrehungen sauber hinzukriegen. Der macht sich bereits ab Werk mit einem kleinen Nicker bemerkbar. Durch sorgsames Abgleichen von Drehzahlgeber, Ladedruck- und Raildrucksensor sowie der Gaspedalstellung verhindern wir, dass sich dieses Nicken verstärkt. Oberste Priorität hat zudem, Schäden in der komplexen Mechanik zu vermeiden. Deshalb nehmen wir bei länger anhaltender Volllast sukzessive PS weg – wovon der Fahrer aber nichts mitbekommt." Unsere Fahreindrücke decken sich mit Finks Aussagen: Tatsächlich spüren nur hypersensible Gemüter einen Ruckler, wenn der Turbolader die Bühne verlässt. Die Leistungsreduzierung fällt dem Piloten ebenfalls kaum auf – unserem Messgerät hingegen schon: Die Höchstgeschwindigkeit liegt mit gemessenen 219 km/h auf Serienniveau (218 km/h). Der sehr lang übersetzte sechste Gang trägt daran mit Sicherheit eine Mitschuld. Der kürzer ausgelegte JE-Scirocco eilt mit 234 km/h mühelos davon.

Bei den Fahrleistungen gibt die Serienmaschine eindeutig den Ton an

Chancenlos: Gegen den 2.0 TSI sieht der aufgeblasene 1.4 TSI kein Land.

Davon abgesehen, kann sich der getunte 1.4 TSI vom Serien-1.4er deutlich absetzen: 0 auf 100 km/h dauert statt 8,1 nur noch 7,4 Sekunden. Beide Werte sind mit ein und demselben Fahrzeug ermittelt – das Zusatzsteuergerät lässt sich in Sekundenschnelle an- und abstöpseln. Bis 160 km/h wächst der Vorsprung auf glatte zwei Sekunden an (18,8 statt 20,8 Sekunden). Jenseits der 180 km/h fallen die Unterschiede geradezu gigantisch aus: Beim Auto mit Serienleistung erlischt jegliches Feuer, die Tuningvariante hingegen gibt noch lange nicht klein bei. In gleichem Maße tut sich eine Kluft zwischen dem 200 PS starken JE-Scirocco und der 193 PS starken Tuningversion auf – im umgekehrten Sinne jedoch. Dabei vermag der Kleine bis 130 km/h sogar halbwegs dranzubleiben – fällt mit zunehmender Geschwindigkeit aber immer mehr zurück. Die 0,4 Liter Super Plus, die der kleinvolumige Scirocco gegenüber dem JE-Modell beim Spritkonsum spart, können den aufgelaufenen Rückstand nicht kompensieren. Der Fahreindruck deckt sich mit den Messwerten: Für sich allein genommen wirkt der KW-Scirocco quicklebendig. Das voluminöse Drehmoment setzt sich gekonnt in Szene, der Fahrer fühlt sich hubraumtechnisch alles andere als zu kurz gekommen.

Steigt man im Anschluss in den Großen um, merkt man den Unterschied dennoch sofort: Der hängt deutlich eifriger am Gas, schüttelt lässig aus dem Ärmel, was dem Kleinen ordentlich Arbeit abverlangt und mimt erfolgreich den stets Überlegenen. Trotzdem mögen wir den Kleinen. Zeigt er doch eindrucksvoll, dass auch in magereren Zeiten der Fahrspaß nicht auf der Strecke bleiben muss.

Weitere Details zu den beiden getunten VW Scirocco gibt es in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen finden sie als Download im Heftarchiv.

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Autor: Ben Arnold

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