Interview: F1-Doppelweltmeister Sebastian Vettel

Sebastian Vettel im Interview

— 14.10.2011

"Mit Red Bull zum Mythos"

Sebastian Vettel ist der jüngste Doppelweltmeister aller Zeiten. Gleich nach seinem Titelgewinn traf ihn AUTO BILD MOTORSPORT zum Interview. Darin verrät er, dass der WM-Titel süchtig macht.

AUTO BILD MOTORSPORT: So kurz nach dem Rennen, wissen Sie schon, welcher Ihrer WM-Siege der schönere ist?
Sebastian Vettel (24): Abu Dhabi war das letzte Rennen. Dieses Jahr sind noch vier Grand Prix zu fahren. Das bedeutet, ich habe vier Ehrenrunden vor mir. Da kann ich bei dem, was ich am liebsten tue, meinen zweiten Titel viel mehr genießen. Aber: Ich will mich auf dem Erfolg nicht ausruhen. Im Gegenteil: Er gibt mir Motivation für weitere Titel.

Sie denken schon an den nächsten Titel?

Für mich ist der WM-Titel in der Formel 1 wie der schwierigste Berg der Welt für einen Bergsteiger. Um beim Beispiel zu bleiben: Andere Berge geben mir vermutlich nicht mehr die gleiche Zufriedenheit, und deshalb versuchte ich ihn noch mal und noch mal und noch mal zu besteigen. Das ist wie eine Sucht. Ich will immer wieder den Ausblick von oben genießen.

2010 haben Sie fünf Rennen gewonnen, dieses
Jahr neun. Was ist passiert, dass Sie sich so steigern konnten?
Dieses Jahr war einfach total anders als das letzte. Von Anfang an hat alles sehr gut funktioniert. 2010 war ich auch oft in der Position, um zu siegen. Trotzdem hat es oft nicht gereicht. Obwohl das Auto genauso stark war, wenn nicht noch stärker. Was dieses Jahr den Unterschied gemacht hat: Dass wir alle reifer geworden sind.

Ärgert es Sie, wenn Kritiker sagen, Sie gewinnen
nur, weil Sie im besten Auto sitzen?
Na ja, auch um das beste Auto zu haben, muss man hart arbeiten. Nicht nur als Team, sondern auch als Fahrer. Ich habe mit dafür gesorgt, dass unser Auto das beste ist. Deshalb stört mich das nicht. Dass wir so gut sind, ist auch mein Verdienst. Die Schwachstellen des Autos, des Teams und des Fahrers haben wir abgestellt. Gemeinsam.

Äußern Sie Ihre Forderungen an Red Bull
deutlicher, seit Sie Weltmeister sind?
Ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich und dementsprechend auch ans Team. Darum verlange ich von unseren Ingenieuren und Mechanikern, dass sie sich ebenso ins Zeug legen. Ich hoffe auch, dass ich präziser geworden bin, dass die Leute mich noch besser verstehen. Aber gut möglich, dass einem durch den WM-Titel auch ein bisschen mehr zugehört wird.

Wo haben Sie sich selbst verbessert?

Mir hat das letzte Jahr viel gebracht. In gewissen Situationen habe ich jetzt die Ruhe und Gelassenheit, die man braucht. Das darf man aber nicht falsch verstehen. Ich denke nicht: "Das ist alles einfach und das kann ich sowieso." Aber wenn man einen Titel geholt hat, weiß man: Ich kann es. Und man weiß, wie man mit bestimmten Situationen umgehen muss. Trotzdem glaube ich, ich kann mich immer noch verbessern.

Perfektionismus ist für Sie ganz wichtig. Aber Sie sehen sich nicht als perfekt an?

Ich stehe morgens nicht auf und denke: 2Was bin ich für ein toller Kerl! Guckt mal, was ich kann und was ich geleistet habe." Man darf nie den Punkt erreichen, an dem man sagt: Ich bin perfekt. Das ist zwar ein Zustand, den ich anstrebe. Aber nur weil ich nun zweimal gewonnen habe, darf ich nie vergessen, was man alles dafür tun muss, damit man weiter gewinnt.

In einem Interview haben Sie uns allen Angst gemacht, weil Sie gesagt haben: "Vielleicht höre ich mit 30 auf!"

Das habe ich nicht. Die Frage bezog sich darauf, wo ich mich in fünf oder zehn Jahren sehe. Im Moment genieße ich die Formel 1 mehr als alles andere, was ich mir vorstellen kann. Und im Moment wünsche ich mir, dass meine Formel 1-Karriere nie zu Ende geht. Aber ich weiß doch jetzt nicht, ob ich in vier Jahren immer noch so viel Bock darauf habe.

Ist das auch eine Ihrer Stärken, nicht zu weit nach vorne zu blicken?

Ich will mich nicht mit dem belasten, was in der Zukunft mal sein könnte. Ich weiß nur: Wenn ich mal nicht mehr glücklich bin, bleibe ich nicht in der Formel 1, nur um damit weiter gut Geld zu verdienen.

Viele Leute wollen Sie bei Ferrari oder Mercedes
sehen. Sie setzen aber ganz auf Red Bull. Hat sich da Ihre Einstellung geändert?
Ich habe immer die Red Bull-Karte gespielt. Aber manchmal ist es auch die Frage, welche Karten man hingelegt bekommt. Wenn ich nur die Mercedes- und Ferrari-Karte auf den Tisch bekomme, kann ich nur dazu was sagen. Wenn ich freie Wahl zwischen allen Karten habe, sage ich ehrlich, für welche Karte ich mich interessiere. Im Moment fühle ich mich pudelwohl bei Red Bull und kann, nein, möchte mir nicht vorstellen, woanders zu fahren.

Ihr Team will bis 2016 mit Ihnen
verlängern.
Ja, das habe ich auch gelesen (lacht). Verhandlungen gibt's da ehrlich gesagt nicht. Aber die Tatsache, dass wir einen sehr guten Lauf haben und ich mich wohlfühle im Team, ist natürlich eine gute Voraussetzung. Und ich will auch nicht vergessen, dass ich Red Bull sehr viel zu verdanken habe.

Bernie Ecclestone hatte zuletzt ja sogar gesagt:
Ein Wechsel zu Ferrari wäre für Vettel ein Mittel um ihn einzubremsen.
Hab ich auch gelesen, ja. Der Mythos von Ferrari oder Mercedes ist etwas ganz Besonderes. Das hat nicht jeder Rennstall zu bieten. Das zieht mich auch an, weil ich natürlich geehrt wäre, Teil dieses Mythos zu werden. Was aber viel wichtiger ist, ist die Tatsache, ob man in einem Team glücklich ist. Das bin ich. Und dann ist es egal, welche Farbe der Anzug hat.

Auf
einer Happiness-Skala von eins bis zehn. Wie glücklich sind sie?
Zehn! Ich habe für mich bei Red Bull den richtigen Weg gefunden. Und wenn wir noch ein paar Rennen und Meisterschaften gewinnen, wird vielleicht auch Red Bull zum Mythos.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

Fotos: Sebastian Vettel

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