Selbstjustiz im Verkehr

Selbstjustiz im Verkehr

— 12.01.2007

Vater spielt Staat

Plastik-Polizisten, unechte Blitzanlagen, falsche Zebrastreifen – wenn brave Bürger zu Bremsern werden, ist das gut gemeint, aber oft vergebens.

Radar-Walter war genau 30 Minuten auf seinem Posten, da kamen bereits die Polizisten aus Fleisch und Blut angerückt. Also musste Bernd Gnann, 33 Jahre alt und Vater der Zwillinge Emma und Anton (3), die 1,85 Meter große Figur aus Glasfaserkunststoff aus seinem Vorgarten entfernen. Radar-Walter, einem Verkehrspolizisten mit Laserpistole im Anschlag täuschend ähnlich, stand nur 60 Zentimeter neben dem Bordstein der Wagrainstraße in Stuttgart-Hofen. Der Kunst-Cop sollte Raser bremsen, die auf der Tempo- 50-Strecke stets zu schnell unterwegs waren. Gnann hatte Angst um seine Kinder. Geht es nach dem Stuttgarter Schauspieler, dann sollten sämtliche Bürgerinitiativen, die sich für die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr einsetzen, unter www.dekorationsfiguren.de Artikelnummer "KIPO1002" bestellen – nicht nur die Bürgerinitiative von Bernd Gnann. Radar-Walter kostet dort 700 Euro netto. "Tempo 100 ist hier gängige Praxis. Das bestätigte mir sogar die Polizei", so Gnann. Doch nur zweimal im Jahr wird geblitzt.

Heimlich einen Zebrastreifen gepinselt

Jüngst ereigneten sich zwei schwere Unfälle. Vater Gnann spielte Staat – und bekam Ärger. Der falsche Polizist stelle – "obwohl gut gemeint" – einen störenden Eingriff in den Straßenverkehr dar, erklärt die Stuttgarter Polizei. Nimmt Radar-Walter seinen Dienst wieder auf, drohe Gnann ein Bußgeld. Gegen einen Familienvater aus Pfronten ermittelte die Staatsanwaltschaft Kempten sogar wegen Amtsanmaßung und Sachbeschädigung. Der 36-Jährige hatte nachts vor seinem Haus heimlich einen Zebrastreifen auf die B 310 gepinselt und dazu ein Schild mit dem hölzernen Reim "Sollten Pfrontener Kinder sicher die Straße überqueren, müssen sich diese Streifen dringend vermehren" aufgestellt. Kinder, so die Begründung der Behörde, könnten den falschen Zebrastreifen für echt halten und sich in Gefahr bringen. Weil die Staatsanwaltschaft in der geheimen Pinsel-Aktion "kein schwerwiegendes Verbrechen" sah, wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Die Reinigungskosten von 850 Euro zahlte der fürsorgliche Vater.

täuschend echtes Tempo-Schild

Der Amtsanmaßung (Paragraf 132 StGB) macht sich ohnehin nur schuldig, wer etwa ein selbst gemaltes, täuschend echtes Tempo-Schild aufstellt, da diese nur von "kraft Amtes Ermächtigten" postiert werden dürfen. Wer also einen Vogelbrutkasten baut, den Autofahrer von Ferne für eine Blitzanlage halten, macht sich nicht strafbar, erklärt Uwe Lenhart, Fachanwalt für Verkehrsrecht. "Nur wer sich für einen Amtsinhaber ausgibt und auch so handelt, dem drohen zwei Jahre Haft oder eine Geldstrafe." Bernd Gnanns Kampf für die Sicherheit seiner Kinder war dennoch nur bedingt erfolgreich. Er hat zwar auf das Raserproblem vorm Haus hingewiesen, den Radar-Walter musste er trotzdem abziehen. Jetzt kann Gnann sich wieder auf seine Rollen am Staatstheater Stuttgart konzentrieren. Zuletzt spielter er im Stück "Ritter der traurigen Gestalt".

Autor: Hauke Schrieber

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