Serie "Die andere Seite"

Serie "Die andere Seite"

— 31.07.2009

Der Kummer mit der Nummer

Jede Woche probiert Reporter Claudius Maintz einen Beruf aus, der Autofahrern stinkt. Wer ein Auto anmeldet, braucht vor allem Geduld. AUTO BILD hat herausgefunden: Die mter werden kaputtgespart.

Im Pausenraum ist es immer vier nach halb fnf, zuckend nagt der Sekundenzeiger an der ausgelaugten Uhrenbatterie. Tierposter aus der Apotheke kleben an blassgelben Wnden, aus dem Radio tnt der Oldie "In the Year 2525". Die Zeit steht still im Zulassungsamt Berlin-Kreuzberg. Doch Cerstin Bock wei in diesem Moment auch so, wie spt es ist: elf Uhr. "Wenn das Frhstcksfernsehen vorbei ist, kommen die Leute", sagt die Bereichsleiterin und zeigt in Richtung Flur. Rund 20 "Kunden", wie sie sagt, stehen am Empfang. Die Schlange wchst und damit auch der rger vieler. Wenn es richtig voll ist, kann der Behrdengang vier Stunden dauern. An solchen Tagen werden bis zu 1000 Berliner abgefertigt. Whrend monatelanger Streiks im vergangenen Jahr ging alles noch langsamer.

Niedrige Wartemarken-Nummern waren bis zu 50 Euro wert

Mit Gefühl: Beim Siegel-Abfräsen muss die Lackierung heil bleiben.

In der 3,4-Millionen-Stadt gibt es nur zwei Zulassungsmter fr 1,4 Millionen Fahrzeuge. Erste Etappe fr viele ist an diesem Mittwoch Ariane Reinhardt. Die hbsche 33-Jhrige sitzt inmitten von Fotos, die Tochter Tabea und Beagle Lilly zeigen. ber ihrer Schulter wacht ein Stoffhund ein Wall aus Bildern und Kuscheltieren, ein privater Wellenbrecher gegen die Woge der schlechten Laune, die oft von der anderen Schreibtischseite rberschwappt. "Blde Kuh ist noch das Harmloseste. Die Polizei musste ich auch schon rufen", sagt die zierliche Frau leise, zieht eine Wartemarke aus dem Automaten und stempelt ihren Namen auf das kleine Stck Papier. Daneben notiert sie die Kundendaten. "Wir wollen so verhindern, dass unsere Marken zur Handelsware werden", erklrt sie. Frher waren niedrige Zahlen auf dem Schwarzmarkt bis zu 50 Euro wert. Reinhardt ist der Filter, sie fragt jeden nach Anliegen und Dokumenten. Ein Pole will einen alten Daewoo abmelden und eine berfhrungsnummer beantragen, er spricht kaum Deutsch, Ariane Reinhardt versteht ihn trotzdem. Ihr Kollege Slawomir Zahlmann kann Polnisch. "Das hilft mir oft", sagt der 27-Jhrige. Der Enkel eines Ostpreuen ist erst seit Juli im Amt, auf seinem Flachbildschirm flimmert ein wirres Mosaik aus Zahlen und Buchstaben. Ein Opel-Fahrer hat seinen 13 Jahre alten Corsa mit Standheizung, Kaltlaufregler und Alurdern aufgerstet. Zahlmann muss die Teile-Daten nach und nach abtippen.

"Viele sind ber 50, irgendwann ist hier keiner mehr"

Vorsicht: Die Preise der Schilderpräger variieren stark. Wer handelt, zahlt an umsatzschwachen Tagen nur 15 Euro.

Kollegin Ramona Warnick kmpft am Nebentisch mit ihrem abgestrzten Computer. Ein aggressiver Typ wird ungeduldig, pbelt mich an: "Wenn du was ber mich schreibst, gibt es rger." Die Drohung nehme ich mir nicht zu Herzen, schon eher die Aufschrift des Greenpeace-Plakats hinter mir: Atmen Sie normal weiter. "Am Anfang dachte ich: Das packst du nie", sagt Zahlmann, doch er hat es geschafft und ist einer der wenigen, die nach der Ausbildung bernommen wurden. "Die Politik spart uns kaputt", sagt seine Vorgesetzte Cerstin Bock. Sie steht vor einer Wand, an der schlaffe Ballons und bunte Girlanden baumeln Spuren einer Abschiedsfeier. Im Abstellraum stapeln sich ausgediente Brosthle, daneben liegt ein gerade erst stillgelegter Schalterraum. Die EC-Kartenleser sind noch angeschlossen, ihre Digitalanzeigen leuchten grn. Doch niemand bedient sie mehr. "Personalmangel", sagt Cerstin Bock, "viele sind ber 50, irgendwann ist hier keiner mehr."

Karl-Heinz Fischer geht bald in Rente. Der 63-Jhrige prft in Zweifels- und Ausnahmefllen Kfz-Technik und Fahrgestellnummern. "Ich freue mich auf meinen Kleingarten", sagt er. Fr groe Urlaubsreisen fehlt ihm mit 1400 Euro netto das Geld. Fischer kann nichts sparen weil Berlin sparen muss. Die Juli-Hitze drckt gegen das alte Gemuer, zwischen den Scheiben der Doppelfenster blhen Kakteen und auf der Strae ein schmutziges Geschft. Ein dunkelhutiger Mann kobert direkt an der Tr einen Rentner an, fhrt ihn in eine der 17 schnurgerade aufgereihten Schilderbuden. Wer mitgeht, wird fr zwei Prgungen mal eben 40 Euro los. Eine Rollstuhlfahrerin musste neulich sogar 100 blechen. Ein Angestellter des Zulassungsamts hrte von dem unfairen Deal und sorgte dafr, dass die Behinderte ihr Geld zurckbekam. So viel Zeit muss sein.

Moderner Service in Hamburg

In der Planungsphase: die Zulassung über Internet und Postweg.

Hamburg hat seine Zulassungsmter schon vor Jahren in einen Landesbetrieb umgewandelt. Die Folge: Mehr Flexibilitt die Bediensteten warten auch in Einkaufszentren, bei Autohndlern und in Krankenhusern auf Kunden. Schleppend laufen dagegen die Planungen einer bundesweit mglichen Online-Zulassung vor allem wegen Sicherheitsbedenken. Eigentlich soll es bereits 2010 losgehen.

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Autor: Claudius Maintz

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