Service-Offensive an Tankstellen

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Service-Offensive an Tankstellen

— 01.11.2005

Bei Shell tanken Arbeitslose auf

Der Tankwart ist zurück! Aus anonymen Abfüllstationen werden Service-Oasen mit Herz. Geht das Konzept auf?

Es ist wieder so wie in der guten alten Zeit

Er hat schon wieder getroffen. Bei exakt 20 Euro und null Cent hat Michael Strandt den Hebel der Zapfpistole losgelassen. Der Berliner Tankstellen-Mitarbeiter trifft so gut wie immer den Betrag, für den seine Kunden tanken wollen. 20 Euro – 45 Euro – 60 Euro. "Bis ein Euro davor müssen Sie Gas geben, dann runter vom Hebel – und Sie haben es", verrät er sein Geheimnis und putzt noch rasch die Scheibe eines auberginefarbenen Chrysler PT Cruiser.

An der Shell-Tankstelle in Berlin-Britz ist es wieder ganz so wie früher in der guten alten Zeit. Als es noch Tankwarte gab, die sich freundlich um alles gekümmert haben. Um den Ölstand, das Scheibenwasser, die Glühlampen. Und das bei einem netten Plausch.

Der Mineralölkonzern Shell belebt die fast ausgestorbene Tätigkeit des Tankwarts jetzt neu – vorerst im Rahmen eines Pilotprojekts. An 15 Stationen in Hamburg, München und in Nordrhein-Westfalen gibt es auf Wunsch wieder Tanken mit Bedienung, inklusive Ölstandkontrolle, Scheiben putzen, Luftdruck prüfen und Frostschutz-Check.

1973 gab's noch 50.000 gelernte Tankwarte

Michael Strandt ist einer der ersten, die in diesem neuen, eigentlich alten Job arbeiten. Auch wenn er als Ungelernter strenggenommen kein echter Tankwart ist. Denn seit mehr als 50 Jahren ist Tankwart ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf, die Lehrzeit dauert drei Jahre. Während es 1973 in der Bundesrepublik noch 50.000 ausgebildete Tankwarte gab, sank deren Zahl auf heute gerade mal 21.000. Ein theoretischer Wert, denn die meisten Vertreter dieser aussterbenden Spezies sind heute in den Shopbereich abkommandiert, zum Verkaufen von Brötchen, Bier, Bifi und nebenbei ein bißchen Benzin. Folglich lernen die meisten heute nicht mehr Tankwart, sondern im Grunde Verkäufer ("Einzelhandelskaufmann, Fachrichtung Tankstelle").

Die Folge: Viele Fachkräfte können heute zwar den geschmacklichen Unterschied zwischen einem Mars-Mandel- und einem klassischem Mars-Riegel beschreiben. Bei der Suche nach Bremsflüssigkeit oder der richtigen Ölsorte gerät das Tresenpersonal dagegen oft in Erklärungsnot. "Wir wollen den Kunden mit dem Service dauerhaft binden", sagt Shell-Sprecher Rainer Winzenried. Nebeneffekt: In München hat Shell vier Arbeitslose von der Stütze an den Tankstutzen geholt, in Berlin fünf. 25 neue Jobs dürften bundesweit so entstanden sein.

Kunden wie Rainer Golusik aus Berlin honorieren das. Der 48jährige tankt nur noch mit Bedienung. Den Aufpreis zahlt er gern. Statt an den zwei Cent billigeren SB-Säulen ganz außen Station zu machen, weiß er jetzt endlich, "wo das Scheibenwasser reinmuß".

"In Kanada ist so ein Service völlig normal"

Tankstellenbetreiber Torsten Schulze ist überrascht, daß bei ihm mittlerweile fast jeder zweite tanken läßt. Zwei Arbeitsplätze sind so an seiner Berliner Shell-Station neu entstanden. Die im Schnellkurs angelernten Servicekräfte verdienen 7,40 Euro die Stunde, plus Trinkgeld. "Wichtig ist, daß meine Leute auf Menschen zugehen können, ohne aufdringlich zu sein", sagt Schulze.

Daß Shell jetzt die Rückkehr des Tankwarts zelebriert, quittiert Ibrahim Keklikci (38) aus Hamburg mit einem müden Lächeln. Seine Aral-Tankstelle im noblen Stadtteil Othmarschen bietet seit 60 Jahren Tanken mit Bedienung. Vier angestellte Tankwart-Gesellen flitzen den ganzen Tag lang um die Autos herum, wienern Scheiben, prüfen das Frostschutzmittel. "Hinter dem Tresen zu stehen und Brötchen zu verkaufen, das ist doch todlangweilig", sagt Ferhat Nayci. Der 19jährige ist im dritten Ausbildungsjahr zum Tankwart. Im winzigen Verkaufsraum wartet Denise Dileo bei einer Tasse Kaffee darauf, daß ihr BMW 320i Cabrio neues Scheibenwasser bekommt. Ihre Kinder Paulo (8) und Micheline (10) blättern in Zeitschriften. Die 38jährige Kanadierin lebt seit zwei Jahren in Hamburg, aber nur bei Keklikci fühlt sie sich wie zu Hause in Kanada: "Da ist so ein Service völlig normal. An deutschen Großtankstellen sagen die ja nicht mal guten Tag!"

Derweil läßt Harald Wehowsky zwei Zeitungen und zehn Liter Benzin anschreiben. Auch das gibt es an der Hamburger Tante-Emma-Tanke: Die meisten der 3221 Stammkunden besitzen ein Konto, gezahlt wird am Monatsende. "Daß der Liter zwei Cent teurer ist als anderswo, kratzt mich nicht. Dafür ist der Service wie im Nobelhotel", sagt der pensionierte Bauunternehmer. Morgen wird er hier wieder Station machen. In seiner kleinen Oase, mitten in der Servicewüste Deutschland.

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