Sicherheits-Systeme

Mercedes-Benz Safety-Truck Mercedes-Benz Safety-Truck

Sicherheits-Systeme im Test

— 12.07.2006

Dieser Laster soll mein Leben retten

Mit einer automatischen Notbremse will Mercedes die Lkw sicherer machen. Unser Reporter hat das System ausprobiert. Am eigenen Leib.

Mit voller Kraft zum Stillstand

Einen kurzen Moment lang ist es ganz still im Besprechungsraum Nummer zwei. Keiner rührt sich, keiner sagt was. Dann hebt Kollege Klangwald seine kräftigen Hände und klopft mir aufmunternd auf die Schulter. Ich weiß, er meint es nur gut, doch ich spüre sein Mitleid. Deshalb erschüttern die leichten Schläge meine Seele mehr als meinen Körper.

Sie hätten sich das letzte Video sparen sollen, die Leute von DaimlerChrysler, dann wäre ich jetzt gelassener. Man sieht da einen schweren Mercedes Actros auf ein langsam fahrendes Autos zudonnern. Immer näher, immer näher, bis es scheinbar zu spät ist. Es hupt, es quietscht, es blinkt, es qualmt, und dann bleibt der 40-Tonner tatsächlich noch vor dem Auto stehen – aber nur ein paar Zentimeter davor. Knapp war das. Sauknapp. Was wir eben gesehen haben, war eine Demonstration des neuen Notbremsassistenten ABA ("Active Brake Assist"). Bei Unfallgefahr kann es den Actros automatisch und mit voller Kraft zum Stillstand bringen – wirkt also noch viel stärker als die im Herbst auf den Markt kommende Pre-Safe-Bremse für die S-Klasse. Die arbeitet nur mit rund 40 Prozent der maximal möglichen Bremskraft.

Bei DaimlerChrysler glaubt man, mit der elektronischen Notbremse die Zahl schwerer Lkw-Unfälle massiv senken zu können. Immerhin haben Unfallforscher herausgefunden, daß bei 39 Prozent der Auffahrunfälle überhaupt nicht gebremst wird – weil die Fahrer schlichtweg eingeschlafen oder abgelenkt sind. Daß die Elektronik funktioniert, steht inzwischen außer Frage, das wurde tausendfach erprobt. Am 1. August 2006 ist ja auch schon Verkaufsstart. Aber wie man sich im vorausfahrenden Auto fühlt, wenn man sein Leben in die Hände einer Elektronik legt, das hat noch niemand ausprobiert ...

Vollbremsung in letzter Sekunde

Auf der Teststrecke am Mercedes-Werk in Untertürkheim steht der Actros bereit, Mercedes nennt ihn "Safety Truck". Dieser Laster soll mein Leben retten – und zwar mittels eines kleinen schwarzen Kästchens unter dem Nummernschild, in dem die Radarsensoren sitzen. Kollege Manfred Klangwald, gelernter Berufskraftfahrer, wird den Actros steuern. "Das ist ganz was anderes als die Beton-Lkw und Spritlaster, die ich früher gefahren bin", sagt er, "die Motor- und Fahrbahngeräusche sind gut gedämmt, man ist irgendwie ganz weit weg. Wie im Maybach – nur daß man hier eine bessere Übersicht hat."

Dann ist ja gut. Wir fahren los, auch wenn meine Beine fast zu wacklig sind, um die Kupplung am (geliehenen) Fiesta zu treten. 80 km/h: Ab in die Steilkurve vor dem neuen Mercedes-Museum. Hinausbeschleunigen auf knapp 100. An der 200-Meter-Markierung bremsen. Auf 30 km/h. Weiter bremsen. In den Spiegel gucken. Und hoffen. Von hinten kommt der Actros herangerauscht. Wird größer und größer. Ich sehe die Lichthupe und die Warnblinkanlage angehen, und ich höre das erschreckend nahe Hupen. Dann habe ich nur noch den Stern im Rückspiegel, riesengroß. Die Zugmaschine schaukelt, und die Druckluftbremsen pfeifen. Der Lkw steht. Von ganz allein.

Kollege Klangwald klettert vom Bock, berichtet, wie er die Fahrt erlebt hat: "Da, wo ich schon abgebremst hätte, hält der Actros immer noch voll drauf. Erst kommt zur Warnung ein Piepen, dann ein Dauerton, da hätte ich vielleicht noch reagieren können. Und plötzlich macht der Lkw eine Vollbremsung: Die Zugmaschine taucht tief ein, das ABS arbeitet wie wild, der Actros kommt ruckelnd, zischend und quietschend zum Stehen. Dann sehe ich auf dem Zentraldisplay die Nachricht "Notbremsung beendet". Puh, denke ich, vielen Dank dafür.

Jetzt kommt Dr. Jürgen Trost dazu, der Erfinder des Systems. Der Mann lächelt. Und klärt uns auf. "Das System ist normalerweise so ausgelegt, daß es so spät bremst wie möglich, denn der Fahrer kann sein Umfeld immer besser wahrnehmen als ein Radar. Deshalb wird der Unfall auf trockenem Untergrund gerade eben noch verhindert, unter anderen Umständen kann es aber auch zu einem leichten Schaden am Vorausfahrenden kommen. Bei Ihnen haben wir zusätzlich einen kleinen Sicherheitsabstand programmiert." Ich atme ganz tief durch. Wenn das eben schon mit Sicherheitsabstand war – dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie eng es erst ohne geworden wäre.

Infos zum Safety-Truck



Sicherster Lkw der Welt – so nennt DaimlerChrysler den zum "Safety Truck" aufgerüsteten Mercedes-Benz Actros. Neben Spurassistent, automatische Abstandsregelung, Stabilitätsregelung und Bremsassistent bietet er eine Weltneuheit: den Notbremsassistenten ABA. Er nutzt die drei Radarsensoren der Abstandsregelung, die fahrende Hindernisse im Abstand von sieben bis 150 Metern erkennen und permanent die Geschwindigkeits-Differenz zum vorausfahrenden Fahrzeug ermitteln.

Wenn ein Unfall droht, warnt das System den Fahrer zuerst durch ein doppeltes Piepen, kurz darauf mit einem Dauer-Warnton und dem Abschalten von Radio und Freisprecheinrichtung. Reagiert der Fahrer nicht, leitet das System eine Teilbremsung mit 30 Prozent der maximalen Bremskraft ein. Bleibt er dann immer noch inaktiv, macht der Lkw eine Vollbremsung. Das System kann aber jederzeit überstimmt werden, in dem man das Gaspedal voll durchtritt. Das kann zum Beispiel vor einem Überholmanöver nötig sein.

Ohne zusätzliche Anreize wird sich das als Paket mit der Abstandsregelung 4900 Euro teure System allerdings kaum durchsetzen. Entwickler Dr. Jürgen Trost glaubt: "Wenn künftige Erhöhungen der Lkw-Maut bei Fahrzeugen mit diesem System nur einen Cent pro Kilometer niedriger ausfallen würden als bei den anderen – dann hätten wir es bald flächendeckend."

Autoren: Alex Cohrs, Manfred Klangwald

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