Sichtfelduntersuchung

Sichtfelduntersuchung im Straßenverkehr Sichtfelduntersuchung im Straßenverkehr

Sichtfelduntersuchung

— 21.10.2004

Was guckst du?

Auf der Suche nach dem kleinen Unterschied: Alex Cohrs und Margret Hucko testen, was Männer und Frauen beim Autofahren wahrnehmen.

Wimperntusche trickst die Technik aus

Manchmal führt einen dieser Job an die seltsamsten Orte. In diesem Fall auf den Hinterhof eines Berliner Supermarkts, direkt neben randvolle Mülltonnen und vor ein massiv vergittertes Fenster. "Herr Cohrs, schauen Sie jetzt bitte mal auf die rechte obere Befestigungsschraube des Gitters", sagt Diplom-Ingenieur Ralph Brückmann und fummelt mir dabei am Kopf herum, "und jetzt bitte auf die Schraube ganz unten links." Eine gute Viertelstunde geht das so, dann meldet der DaimlerChrysler-Techniker: "Das System ist jetzt kalibriert."

Das System ist ein Fahrradhelm mit einem Gestänge, an dem zwei Kameras befestigt sind. Die eine filmt den Blick nach vorn durch die Windschutzscheibe unserer A-Klasse, die andere die Bewegungen der Pupille. Ein Computer rechnet beides zusammen und macht daraus ein Video. Es zeigt, wohin man beim Autofahren schaut – und soll verraten, ob Frauen und Männer dabei unterschiedliche Wahrnehmungen haben. Kurz gesagt: Was guckst du?

Margret Hucko: Der Computer hat sich verrechnet. Die Technik – ausgehebelt mit den Waffen einer Frau. "Vielleicht müssen wir Ihre Wimperntusche abwischen", sagt Brückmann. Statt meiner Pupille fixiert die Kamera das geschminkte Augenlid. 20 Minuten starre ich die Gitterschrauben an, dann ist das System programmiert. Trotz Wimperntusche und Kontaktlinsen.

Alex Cohrs: Selten habe ich mich so unwohl gefühlt wie auf den ersten Metern der Fahrt. Daß ich mit Helm und Gestänge auf dem Kopf nicht aussehe wie George Clooney – geschenkt. Aber daß Ingenieur Brückmann an seinem Bildschirm auf der Rückbank jeden Blick von mir verfolgt, macht mich nervös. Ist mein Schulterblick okay? Habe ich eben nicht ein bißchen zu lange auf die Frau gestarrt? Hätte nie gedacht, daß der eigene Blick so eine intime Sache ist.

Bei Rot schweift der Blick in alle Richtungen

Margret Hucko: Schmerzen. Der Helm sitzt so fest auf meinem Kopf, als hätte ein Schraubstock zugepackt. Immer wieder stößt das Plastikding gegen die Kopfstütze des Mercedes. Mein Blick: gequält. Geschenkt. Bei unserem Versuch kommt es nicht darauf an, wie ich gucke, sondern wohin. Am Brandenburger Tor schaut eine Gruppe japanischer Touristen durch die Windschutzscheibe. Die Japaner lächeln breit. Oder lachen die mich aus?

Alex Cohrs: Nach ein paar Minuten Fahrt durch die Berliner Innenstadt denke ich nicht mehr an den Helm. Auf dem Video sieht man später meinen Blick als schwarzes Rechteck hin und her tanzen. Auf die Straße, auf den Vordermann, auf die Schilder links und rechts, auf die Einmündungen. Erstaunlich, mit was für kurzen Blickbewegungen man wie viele Details aufnimmt, an die man sich später gar nicht mehr erinnern kann. Offenbar sieht man viel mehr, als man glaubt. Dennoch ist mein Blick vor allem geradeaus auf den Verkehr konzentriert, vom Geschehen abseits der Straße bekomme ich nicht allzuviel mit.

Margret Hucko: Kamera läuft. Das schwarze Rechteck bleibt bei der Auswertung des Videofilms kleben: auf dem H&M-Plakat, in der Auslage des teuren Schuhgeschäfts. Zu diesem Zeitpunkt stand ich an einer roten Ampel. Peinlich ist mir das ganze trotzdem ein bißchen. Typisch weiblich eben. Dabei hatte ich mir größte Mühe gegeben, den Blick nicht in Schaufenster schweifen zu lassen. Aber manipulieren kann man das System nicht: "Das halten Sie ein paar Sekunden durch, dann bricht das Steinzeitverhalten durch: Der Mensch reagiert nun mal auf Reize", hatte uns Dr. Goetz Renner, Leiter der Abteilung für Akzeptanz und Verhaltensanalyse bei DaimlerChrysler, mit auf den Weg gegeben.

Man nimmt mehr wahr, als man denkt

Alex Cohrs: Wenn das Auto steht, wird der Blick hektisch: Links, rechts, links, rechts – während der Wartezeit wird alles kurz anvisiert. Die Spielbank am Potsdamer Platz. Die Geschäfte in der Friedrichstraße. Und vor allem die Blondine da rechts am Straßenrand. Mein Blick wandert auf ihr Gesicht, auf ihre Beine – auf ihre Brust. Kann ich nix für. Das geht ganz automatisch, ohne das Video hätte ich das nie gewußt. Gott sei Dank bin ich nicht der einzige: Margret hat vorhin so einem Typen mit schlabbriger Hose und ausgelatschten Turnschuhen hinterhergestarrt – und der war nun auch nicht gerade ein Modellathlet.

Margret Hucko: Den Typen sehe ich zum ersten Mal auf dem Video. Ehrlich. Ich erinnere mich an vieles: an das wohnungsgroße Modeplakat, an die Fußgängerin, die mit starrem Blick die Straße querte. Aber an diesen Schlaffi erinnere ich mich keine Sekunde. Hektisch springt das Rechteck weiter. Viel schneller als bei Alex visiert es Fußgänger an, Straßenschilder und die grüne Ampel.

Alex Cohrs: Fazit unserer Testfahrt: "Die männliche Testperson hat einen ruhigeren Blick und nimmt abseits vom Straßengeschehen nicht allzuviel wahr", erklärt Brückmann. "Die Fahrerin hat dagegen deutlich schneller hin und her geschaut und viele zusätzliche Infos aufgenommen, die nichts mit dem Verkehr zu tun haben." Ein Ergebnis, das man zwar nicht verallgemeinern kann, aber mit der Theorie in Einklang steht. Dr. Renner jedenfalls sagt: "Männer neigen dazu, sehr konzentriert auf eine Sache zu schauen. Frauen sind dagegen viel besser in der Lage, mehrere Informationen parallel zu verarbeiten."

Margret Hucko: Und das, liebe Männer, haben wir ja irgendwie schon immer geahnt ...

Freier Blick: Die Sichtfelduntersuchung

"Nur was man sieht, kann man auch wahrnehmen." Im ersten Moment klingt es wie eine Binsenweisheit, was Dr. Goetz Renner da sagt. Doch der Leiter der Abteilung für Akzeptanz und Verhaltensanalyse bei DaimlerChrysler will damit ausdrücken, wie wichtig das ungestörte Sehen für die (aktive) Sicherheit beim Autofahren ist. Schließlich, so Dr. Renner, seien etwa 90 Prozent der Informationen beim Autofahren visueller Natur.

Mit Hilfe der "Cornea-Reflex-Methode", die auch unserem Versuch zugrunde liegt, lassen sich die Blicke einer Versuchsperson aufzeichnen – und danach bei der Automobilentwicklung berücksichtigen. Aufgrund dieser Untersuchungen zum Sichtfeld wurde zum Beispiel die A-Säule der neuen A-Klasse modifiziert: Nachdem es beim Vorgänger viel Kritik an der massiven Strebe gab, hat sich beim neuen Modell die Sicht nach rechts (laut DaimlerChrylser) um rund zehn Prozent verbessert, nach links um 25 Prozent.

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